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Fotografie : New York, Tokio, Heusenstamm

Tokio - Shinjuku, 9.12.2005, 23:40 Uhr Bild: Alexander von Reiswitz

Sind wir nicht alle eine große Familie? Der Berliner Fotograf Alexander von Reiswitz macht überall auf der Welt fremde Passanten zu Verwandten. Erlogene Momentaufnahmen, mit einem Hauch wahrer Erinnerungen.

          Für den Hauch von Melancholie, der über jedem Familienfoto schwebt, haben die Älteren schon vor dem Moment der Aufnahme die ebenso banale wie gern verkündete Erkenntnis parat, dass man so jung nie wieder zusammenkomme. Und tatsächlich ist die Vokabel „damals“ oft die erste, die einem später in den Sinn kommt, wenn man sieht, wie die Mutter neben den Kindern kniet, der Großvater die Hand auf die Schulter des Enkels legt und die Tochter im Teenageralter aus der Reihe tanzt, um mit ihrem exzentrischen Auftritt zu betonen, wie wenig sie bereit ist, so zu tun, als ob das Leben harmonisch verliefe. Doch genau darum geht es beim Familienbild: Andenken zu arrangieren. Schöne Andenken - an ein Fest, einen Ausflug, einen Feiertag.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          „Schau“, wird man später sagen, im bedächtigen Tonfall, und die anderen fragen: „Weißt du noch?“ Eines Tages aber wird jeder gestehen, dass sich das Abbild jenes Moments an die Stelle der Erinnerung geschoben hat. Das Familienbild dokumentiert nichts, es idealisiert. Dass es dazu nur weniger Kompositionsprinzipien einer vertrauten Ikonographie bedarf, beweist der Berliner Fotograf Alexander von Reiswitz. Er hat sich vorgenommen, in mehr als vierzig Städten auf der ganzen Welt Familien zu fotografieren oder, wie er es nennt: „Familienaufstellungen“. Niemals aber werden sich die Personen, die er zeigt, über diese Bilder beugen und beginnen, von damals zu erzählen. Denn nie, so darf man vermuten, werden sich diese Personen je wiedersehen.

          „Würden Sie für ein Bild bitte ein Großvater sein?“

          Für kaum mehr als die Dauer eines Wimpernschlags hat Reiswitz sie einen nach dem anderen aus dem Strom der Passanten gefischt und - noch ehe sie sich richtig kennenlernen konnten - vor seiner Kamera postiert. Seine Familien sind allesamt erfunden. Wissen wir nichts von seinem Spiel, glauben wir verwandtschaftliche Ähnlichkeiten zu sehen, in den Gesichtern, der Mimik, der Gestik, der Haltung. Vielleicht ist dies das Geheimnis des Fotoapparats: dass er uns Posen aufdrängt. „Würden Sie für ein Bild bitte ein Großvater sein?“ Mit dieser Frage an einen älteren Herrn beginnt Alexander von Reiswitz am liebsten seine Gruppen zusammenzustellen. Mit ihm an der Seite, sagt er, wecke man bei anderen Vertrauen und schließe das Gefühl der Anzüglichkeit aus, das nur allzu leicht entstehen kann, wenn Fremde sich in die Arme nehmen und eine Privatheit spielen sollen, die vielleicht mehr Geborgenheit vermittelt, als sie diese Menschen sonst im Leben verspüren.

          Osaka, 14.12.2005, 20:55 Uhr

          Denn das ist das Wunder seiner Serie: Die meisten Fußgänger, die Reiswitz anspricht, machen sofort mit. Er muss nicht einmal viel erklären, egal, ob in Tokio, New York oder einer deutschen Kleinstadt. Mütter geben, ohne zu zögern, für diese Bilder sogar ihre Babys aus der Hand. „Welch nette Idee“, sagen die Menschen, lächeln und rücken auf Reiswitz' knappe Regieweisungen hin ganz ohne Scheu noch näher zusammen, geradeso als erfüllte sich vor seiner Kamera eine Sehnsucht nach Nähe. Fast möchte man darüber erschrecken, wie gut sich die Fremden in den Rollen von Verwandten gefallen und wie leicht es ihnen fällt, dem Bild der Familie als einem Zufluchtsort zu entsprechen. Nur die Mädchen nehmen sich auffallend oft selbst an der Hand, als würden sie sich auf diese Weise Mut zusprechen. Dennoch lassen sich Reiswitz' Fotografien lesen wie eine Friedensbotschaft: Sind wir nicht alle eine große Familie?

          Mit einem Hauch von Melancholie

          Wenn aber Reiswitz sagt, er spiele Gott, ist jede Sentimentalität verflogen. Dann klingt das fast ein wenig kühl, und vielleicht muss es so sein. Denn mit seiner Arbeit deutet er immerhin an, dass das Schicksal für diese Menschen auch einen anderen Weg hätte vorsehen können. Und einmal, aber nur ein einziges Mal, sagt er, hätten die Personen nach der Aufnahme tatsächlich ihre Telefonnummern ausgetauscht. „Einen Vater wie Sie habe ich mir immer gewünscht“, hat er die junge Frau sagen hören. „Und ich einen solchen Ehemann“, soll die ältere Dame angefügt haben.

          So sind auch Reiswitz' Familienporträts nicht frei von einem Hauch Melancholie. Sie sind erlogen, und doch blitzt in ihnen ein Moment von Wahrheit auf. Ihr Thema ist die Zufälligkeit des Lebens. Nun aber sollen ebendiese Gruppen fest in der Welt verankert werden, so wenigstens schwebt es Reiswitz vor: indem ihnen Schriftsteller je eine eigene Geschichte andichten.

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