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Fotografie in Berlin 1945–2000 : Liebeserklärungen

Aufgeblasen: Besucher der Loveparade aus der Serie „Paraden“ von Andreas Rost. Bild: Andreas Rost

Eine Ausstellung in den Reinbeckhallen nimmt die Besucher mit auf einen Spaziergang durch Berlin – und durch die Zeit. Wer diese Bilder sieht, braucht keine Worte mehr.

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          Von hinten sieht es so aus, als schaute der Engel traurig auf die zerstörte Stadt. Er steht auf dem Berliner Dom. Sein Blick geht hinunter auf Trümmer und Ruinen, die der Krieg hinterlassen hat. Es ist der gleiche Blick, für den sich 1946 der Fotograf Herbert Hensky entschieden hat. Hensky ist sechsunddreißig Jahre alt, als er die Stadt fotografiert. Wer seine Bilder betrachtet, braucht keine Worte mehr. Sie erzählen alles, vom Krieg und Neuanfang, von Aufbruch und Leid, Erleichterung und Tatendrang. Es herrscht Friede. Ein Junge in viel zu großem, zerrupftem Mantel und kaputten Schuhen guckt wach in die Kamera. Drei Studenten laufen durch das Tor im zerstörten Gebäude der gerade wiedereröffneten Humboldt-Universität. Sie lachen und sehen hoffnungsvoll nach vorn. Die Sonne scheint, ein neues Leben beginnt. Ein halbes Dutzend Bilder fassen ein Lebensgefühl zusammen – und eine ganze Epoche.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Gut zehn Jahre später blüht in Deutschland das Leben schon wieder, und West-Berlin ist mittendrin, wie Arno Fischer mit seinen Aufnahmen eindrücklich belegt. Eine dunkle Limousine rollt über den Kurfürstendamm, ein junger Mann, das Kinn auf die Hand gestützt, schaut dem Fotografen streng in die Kamera. Hinter ihm ist das Kino „Astor“ zu sehen, das es heute, mehr als sechzig Jahre später, noch gibt.

          Andeutungen einer Teilung

          „Berlin, 1945–2000“ heißt eine Ausstellung, für die von der kanadischen Kuratorin Candice M. Hamelin Arbeiten von dreiundzwanzig Fotografen ausgewählt wurden. Manche berühmt, manche eher Lokalmatadoren. Die meisten Bilder sind im Reportageduktus aufgenommen. So erzählt jedes eine eigene Berliner Geschichte aus dieser wilden, rauhen, anmutigen, bunten, kaputten, lebensfrohen, freien Stadt.

          Der amerikanische Fotograf Will McBride begleitete eine Clique junger, aufgedrehter Menschen in den fünfziger Jahren auf einer Bootstour, zeigt aber auch urige Besucher des Strandbads Wannsee, Leute auf der Straße und wiederum Spuren des Krieges, die Berlin noch immer durchziehen. Ein Herr in Mantel und Hut steht auf dem Bürgersteig und saugt an einer Zigarette, er hat einen Hund an der Leine, neben ihm eine Wasserpumpe, dahinter ein Grüppchen im Kreis, das sich unterhält. Es sind Alltagsbilder einer Stadt, die sich mit allen Kräften wieder aufrichtet.

          Ausgetreten: Hündchen in Charlottenburg, fotografiert 1995 von Arno Fischer. Bilderstrecke
          Berliner Fotografien : Liebeserklärungen

          Eine Ahnung des Tempos, das dabei bisweilen herrscht, vermitteln die Architekturbilder von Anno Wilms, die in beeindruckenden Perspektiven die Neue Nationalgalerie, das Europa-Center und das Bauhaus-Archiv zwischen 1968 und 1979 zeigen. Die Schau changiert zwischen Ost und West. So zeigt sie etwa Soldaten der Nationalen Volksarmee, die Lothar Winkler am 13. August 1961 dabei fotografiert, wie sie an der Grenze zu West-Berlin Stacheldraht aufstellen; Michael Schmidt gewährt durch ein Loch in der Wand einen unscharfen Blick, mutmaßlich in den Osten der Stadt. Es bleibt bei Andeutungen, die man von der geteilten Stadt und ihrer Wiedervereinigung sieht, und doch sagen sie alles.

          Schatten der Vergangenheit

          Hinreißend ist die Serie „Bleibtreustraße“, die Ansichten aus Charlottenburg Ende der sechziger Jahre zeigt. Fotografiert hat sie Max Jacoby, der 1937 mit seiner jüdischen Familie von Berlin nach Argentinien emigrieren musste, aber zwanzig Jahre später zurückkehrte. Die Vergangenheit wirft ihre Schatten. Neben Aufnahmen des Jüdischen Friedhofs Weißensee von Roger Melis ist auf einer großen Leinwand der zerstörte Anhalter Bahnhof aus dem Jahr 1984 zu sehen, aufgenommen von Werner Zellien. Von hier aus wurden Juden deportiert. Eindrückliche Bilder von Karl-Ludwig Lange aus der Oranienstraße der siebziger Jahre, in der einst viele jüdische Familien gewohnt haben, laufen in dieser Aufstellung direkt auf den Anhalter Bahnhof zu.

          Ein atmosphärischer Wechsel erfolgt durch die Serie „Berlin Noir“ von Miron Zownir, der die Stadt von ihrer abgründigen, grotesken und enthemmten Seite zeigt. Ein Paar vor einem vergammelten Jesus-Kreuz: Er lacht mit kaputten Zähnen, sie ist nur von hinten zu sehen, ein Stofffetzen bedeckt unzureichend ihren nackten Hintern, die Strumpfhose ist löchrig, Stacheldraht liegt auf dem Boden. Ein nackter dicker Mann ist in Seilen gefesselt, trägt eine Gasmaske, ein anderer Mann schaut ihn an. Ein Spiel? Man möchte sich abwenden – und weiß doch, dass auch diese dunklen Seiten zu Berlin gehören.

          Aber die Geschichte hört hier nicht auf. Prächtig und stolz zeigt sich das Grand Hotel in der Friedrichstraße bereits als Baustelle, die Harf Zimmermann 1994 fotografiert hat, eine der wenigen Fotografien in Farbe. Vor einem großen Kunstwerk steht man schließlich bei den Bildern von Michael Wesely, der Ende der neunziger Jahre den Potsdamer und Leipziger Platz mit Blenden aufgenommen hat, die über Monate, teils Jahre geöffnet blieben. Lichtspuren, Schraffuren, Bewegungen erzählen von den Veränderungen dieser pulsierenden Stadt. Auch dies die reine Liebeserklärung an Berlin.

          „Berlin, 1945–2000: A Photographic Subject“, Reinbeckhallen, Berlin; bis 24. Januar. Der Katalog, erschienen bei Hartmann Books, kostet 38 Euro.

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