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Pietro Donzelli : Blick zurück in Wehmut

Café in Rosolina, 1954 Bild: Abb. aus dem besprochenen Band

Als in den fünfziger Jahren die Moderne in Italien sachte anklopfte, suchte der Fotograf Pietro Donzelli noch schnell nach Bildern, die es bald nicht mehr geben würde. Eine Ausstellung in Rüsselsheim.

          2 Min.

          Das ist der Stoff, aus dem Legenden sind: Erschöpft und geschunden, aber befreit, macht sich nach Kriegsende der Soldat Pietro Donzelli von seinen Einsätzen kreuz und quer im Land auf den Weg nach Mailand, seinem Zuhause, und begreift unterwegs zum ersten Mal seine Heimat als einen Ort, der ihm Geborgenheit vermittelt. Doch Italien ist auf dem Sprung in die Moderne, was immer das bedeuten mag. Veränderung allemal, so viel ist sicher, ob zum Guten oder Schlechten – wer wollte wagen, das vorherzusagen? Und so saugt der Kriegsheimkehrer mit Blicken alles auf entlang der Route, nimmt zu Hause den Fotoapparat aus dem Schrank, den er sich Anfang der vierziger Jahre gekauft hatte, und reist die Strecke, die er kam, zurück, um festzuhalten, was ihn unterwegs bewegt hat und was nun für immer verlorenzugehen droht. Das Auffällige. Das Typische. Vor allem aber das Gewöhnliche, Alltägliche. Was er auf dieser neuen Reise sucht, sind Entsprechungen für seine Erinnerung. Das Land steht auf der Kippe, längst in Lauerstellung allem Neuen gegenüber. Donzelli aber schaut noch einmal wehmütig zurück. Und so können seine Bilder gar nicht anders werden als melancholisch und sentimental.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Im Kino liefen zu jener Zeit die Filme, für die sich schon bald der Begriff Neorealismus einbürgerte. Sie erzählten von Fahrraddieben und bitterem Reis, von der bebenden Erde und von Besessenheit. Es waren Dramen in Schwarzweiß, die vom Schattendasein glückloser Menschen unter einer brutal glühenden Sonne erzählten und die heute stellvertretend für eine ganze Epoche stehen. Dass auch Fotografen diese Geschichten erzählten, mit demselben Engagement und oft denselben Bildlösungen, verstand man allenfalls als Fußnote der Kunstgeschichte. Pietro Donzelli (1915 bis 1998) war einer dieser Fotografen, vielleicht der beste.

          Eine seltsame Stille über all den Bildern

          Als Archivar einer Telefongesellschaft hatte er schon vor dem Krieg mit Fotografien zu tun. Unmittelbar nach dem Krieg wurde dann die Bildkunst selbst zu seiner großem Leidenschaft. Obwohl er nach wie vor bei der Telefongesellschaft angestellt war und nur im Nebenberuf als Magazinredakteur, Kurator großer Ausstellungen und Herausgeber von Büchern arbeitete, wurde er in Italien für viele so etwas wie ein Leitstern. Zumal er nach wie vor selbst unentwegt fotografierte, nicht zuletzt während seiner ausgedehnten Dienstreisen zwischen der Po-Ebene im Norden und Sizilien im Süden. Die Bilder erschienen in Zeitungen und Illustrierten. Schon 1968 verlieh ihm die Vereinigung der italienischen Fotografen den Titel „Maestro fotografico“. Bis Pietro Donzelli auch bei uns bekannt wurde, vergingen noch Jahrzehnte.

          Nun widmen ihm die Opelvillen in Rüsselsheim eine umfangreiche Ausstellung. Sie wird zum Spaziergang durch eine verlorene Epoche. Was nicht nur an der Mode liegt, in der die Menschen gekleidet sind, oder den fast altertümlich anmutenden Verkehrsmitteln, an den Reklametafeln in den Großstädten und den archaischen Szenen entlang Ufern und Reisfeldern. Mehr noch verweist die seltsame Stille über all den Bildern, fast physisch spürbar, auf eine vergangene Zeit. Träge zieht nicht nur der Fluss durch die Landschaft, träge bewegen sich auch die Menschen durchs Leben, weniger noch: Sie schmiegen sich in den Sand des Strands, sitzen dösend im Stuhl, den Kopf an die Wand gelehnt. Selbst der Klarinettenspieler auf Donzellis wohl berühmtester Fotografie liegt auf einem Bett, und der Barbier in seiner Hütte irgendwo auf dem Land ist auf der Holzbank eingenickt. Auch Gegenständen entlockt Donzelli ein Moment des Verharrens, dem Stapel Stühle am Rande eines Straßencafés oder den leeren Gläsern auf einer Theke. Dabei war der Startschuss in die neue Welt schon längst gegeben.

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