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Alex Webb in Frankfurt : Poesie des Paradoxes

Thessaloniki, Greece, 2013. Bild: Alex Webb/Magnum

Wenn der Fotograf Alex Webb verreist, bringt er vor allem eines mit zurück: Fragen. Eine Ausstellung in Frankfurt.

          Am Ende, sagt Alex Webb, verstehe er die Welt oft selbst nicht mehr. Weshalb ihm seine Kamera auch viel weniger dabei helfe, Antworten zu finden, als Fragen zu formulieren. Für jemanden, der seit vierzig Jahren dem Zusammenschluss der berühmtesten Bildjournalisten unserer Zeit angehört, der Agentur „Magnum“, ist das ein überraschendes Bekenntnis. Doch ungeniert geht Webb noch einen Schritt weiter, indem er behauptet, Bilder könnten überhaupt nichts erklären, Wörter seien dafür viel geeigneter. Und prompt gerät er ins Stocken, eben auf der Suche nach dem richtigen Wort, jenem Begriff, der präzise zusammenfasst, was er damit meint. „Photographs“, sagt er schließlich, „acknowledge.“

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Acknowledge? Das Langenscheidt-Wörterbuch nennt für das Verb sechs Möglichkeiten der Übersetzung. Und wenn man sie nacheinander liest, faltet sich hinter Webbs knapper Behauptung eine ganze Philosophie auf: anerkennen, zugeben und sich zu etwas bekennen, bestätigen, quittieren und beglaubigen. Da begreift man, weshalb sich Alex Webbs Interesse an enggesteckten Magazinaufträgen sein Leben lang in Grenzen hielt. Mit seinen Bildreportagen illustriert er ebenso wenig von Redakteuren vorgegebene Ideen wie angelesenes Wissen, vielmehr folgt er einfach nur seinem Blick.

          Hinter den Bergen warten mehr Berge

          Was Webb sieht, ist nicht immer schön. Zumal am Anfang seiner Karriere, in den siebziger und achtziger Jahren, lieferte er überaus beunruhigende Bilder. Ein ums andere Mal war er damals in Mexiko und der Karibik unterwegs. Vor allem in Haiti hat er dem Grauen mehr als einmal ins Gesicht geschaut. Dann liegen auf seinen Bildern im gleißenden Sonnenlicht vor knallbunten Fassaden verstümmelte Leichen auf dem Asphalt. „Möge ihre Zukunft glücklicher sein als ihre Vergangenheit“, wünscht er den Haitianern in seinem Fotoband „Under a Grudging Sun“ – zitiert aber auch deren Sprichwort: „Hinter den Bergen warten mehr Berge.“ Auf Prognosen über die Zukunft der Insel lässt er sich nicht ein. Wie überhaupt Prognosen nicht seine Sache sind.

          Saut d’Eau, Haiti, 1987 Bilderstrecke

          „Walk, and watch, and wait.“ So beschreibt Alex Webb seine Vorgehensweise. Er ist ein aufmerksamer Flaneur. Eine Vorliebe hat er vor allem für das entwickelt, was manche als Paradox bezeichnen würden. Die Kompositionen sind komplex, die Motive oft rätselhaft durch Ausschnitt und Perspektive. Verstörend sind sie insbesondere dann, wenn selbst bei offensichtlicher Armut oder politischen Ungerechtigkeiten die Szenen in einen Farbenreichtum getaucht sind, der Frohsinn und Optimismus verbreitet. Es ist, als vibriere die Luft, als pulsierten die Orte vor Leben. Einmal fällt im Gespräch mit Alex Webb der Begriff Surrealismus, mehrmals der Begriff Poesie. Und womöglich macht man es sich nicht einmal zu leicht, wenn man sagt, seine Bilder schilderten die Welt, wie sie mit Worten gerade nicht beschrieben werden könne.

          In Frankfurt ist Webbs Arbeiten nun eine großartige Ausstellung gewidmet, die den Besucher mitnimmt auf eine Reise um den halben Erdball. Nach Indien und Uganda, nach Griechenland und in die Türkei, vor allem jedoch nach Mexiko und in die Karibik, wo Alex Webb mehr als dreißig Jahre gearbeitet hat. Die Fotografien addieren sich zu einem Feuerwerk der Eindrücke und Farben. Alles sehr bunt. Und zugleich so eigenwillig, oft befremdlich, dass man die Welt anschließend anders betrachtet.

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