https://www.faz.net/-gxh-7y1ev

Kunst in Spaniens Einsamkeit : Fluxus im Überfluss

  • -Aktualisiert am

Gut geparkt: Skulptur von Wolf Vostell Bild: Claudia Diemar

Der deutsche Maler, Bildhauer und Happening-Künstler Wolf Vostell hat sich in der Einöde der spanischen Region Extremadura seinen Lebenstraum verwirklicht: ein Museum, das nicht nur ein Museum, sondern auch sein Vermächtnis ist.

          2 Min.

          Wo hört die Landschaft auf, wo fängt die Kunst an? Das Naturschutzgebiet Los Barruecos wirkt wie eine Installation. Dutzende von Masten, je mit einem kleinen Plateau für den Nestbau, sind als Brutplätze für Störche aufgestellt. Darunter grellgrüne Auen, stahlblau schimmernde Wasserflächen und Felsfindlinge wie Skulpturen. Riesengnome mit dicken Bäuchen und Köpfen, mit Knollennasen und kugeligen Pfoten. Und auch hier: Alles, was höher als drei Meter aufragt, wird im Frühling von Störchen bewohnt.

          Die Extremadura, im Westen der iberischen Halbinsel an der Grenze zu Portugal gelegen, ist eine eigentümliche Region. Sie war lange bettelarm. Sie ist noch heute dünn besiedelt. „Dehesa“ wird diese Landschaft genannt. Wildblumen, Gras, Steppe und einzelne, aber gewaltige Steineichenbäume. Schwarze Schweine, die sich an Eicheln satt fressen. Schafherden, die von Hirten durchs Land getrieben werden. Und immer wieder Granitfelsen. Es sieht aus, als würden die Findlinge hier wachsen, als brächen sie aus dem Boden wie Pilze, um vielleicht irgendwelchen Steinbeißer-Riesen als kernige Speise zu dienen.

          Kurzer Prozess zwischen Pilatus und Jesus

          In dieses Zauberland kommt im Frühling 1974 der deutsche Fluxus-Künstler Wolf Vostell gemeinsam mit seiner spanischen Frau Mercedes. Inmitten des heutigen Naturparks Los Barruecos verfällt eine seit Generationen aufgegebene Wollwäscherei. Nicht viel mehr als Ruinen sind geblieben.

          Der Maler, Bildhauer und Happening-Künstler findet hier eine Heimat für sein Schaffen. Die Franco-Diktatur ist noch immer am Ruder, und der Deutsche, der sich gern wie ein orthodoxer Jude gewandet, ist eine einzige Provokation, vor allem für die Dörfler rundum. Kaum jemand dort besitzt damals ein Auto, und jeder träumt von solchem Luxus. Wolf Vostell aber baut eine Art Marterpfahl aus Fahrzeugen und nennt die Installation „Warum dauerte der Prozess zwischen Pilatus und Jesus nur zwei Minuten?“. Bald darauf betoniert er ein Automobil vor einer Felsengruppe ein. Er provoziert und integriert gleichermaßen. Durch sein Schaffen, seine Leutseligkeit, seinen Lebenshunger.

          Der Frieden ist das größte Kunstwerk

          Das Museo Vostell, die ihm überlassene Spielwiese am Ufer eines Sees, verändert sich über die Jahrzehnte. Vor allem aber wächst das Anwesen zu einem umfangreichen Konglomerat. Wer den Weg vom Parkplatz genommen hat, durch die Pforte getreten ist, sieht als Allererstes die Installation „Toros de Hormigo“. Die in Beton gegossenen Lastwagenfragmente sollen von den berühmten vorzeitlichen Skulpturen der fünf Stiere „Los Toros de Guisando“ inspiriert sein. Man schaut auf die grauen Ungetüme, muss unwillkürlich an Kriegsmaschinen denken. „Ich erkläre den Frieden zum größten Kunstwerk“, hingegen verkündet Wolf Vostell im Jahr 1979. Aber lässt sich das nicht ebenso über die Liebe, über das Leben, über die Natur oder wer weiß was sagen?

          Das vage Gefühl der Beliebigkeit bleibt dem Besucher auf dem Weg durch die drei Ausstellungen der Kollektion Wolf und Mercedes Vostell, der Donation Fluxus und der Kollektion zum Thema Konzeptkünstler erhalten. Es gibt monumentale Gemälde wie „Mitos Berlin“ zu sehen, außerdem viele große amerikanische Limousinen, Cadillacs und Buicks vor allem, die zweckentfremdet wurden. Aber die Symbolsprache, einen Cadillac Sedan wie ein Insekt mit mechanischen Schrubberbeinchen ausgelegte Teller hin und her schieben zu lassen oder eine Luxuskarosse mit Pflastersteinen beworfen auszustellen, wirkt heute auf eigentümliche Art und Weise antiquiert.

          Happening mit Storch

          Die umgebende Landschaft dagegen, mit ihren drei sorgsam ausgewiesenen Rundwanderwegen, macht atemlos vor Staunen. Sogar dann, wenn ein betonierter Luxusschlitten vor jäh aufbuckelnde Felsen gerückt ist. Auch die Installation „Warum hat Pilatus Prozess gegen Jesus nur zwei Minuten gedauert?“ wird übrigens von den Störchen genutzt. Sie nisten auf der hoch aufragenden Stele aus Autos und großen Metallteilen. Manche der Vögel ziehen nicht einmal mehr im Winter nach Afrika, sondern bleiben das ganze Jahr am Ort. Das sorgt für Anmut. Und dass viele der Skulpturen mittlerweile weiß sind oder zumindest hell gestreift, nicht weiß wie Schnee, sondern weiß wie Vogelkot, auch dafür sorgen die Tiere. Für Wolf Vostell, der 1998 in Berlin gestorben ist, wäre vermutlich auch dies ein Happening.

          Weitere Themen

          Totes Holz gibt neues Leben

          FAZ Plus Artikel: Nationalpark Kellerwald : Totes Holz gibt neues Leben

          Deutschlands alte Buchenwälder feiern ihr zehntes Jubiläum als Weltkulturerbe. Der Nationalpark Kellerwald beteiligt sich mit einer Erweiterung seiner Fläche – diese umfasst auch spektakuläre Steilhänge am Nordufer des Edersees.

          Topmeldungen

          Die HMS Defender bei ihrer Ankunft im Hafen von Odessa am 18. Juni

          Vorfall im Schwarzen Meer : Wollte die Royal Navy Russland provozieren?

          In Großbritannien verstärkt sich der Eindruck, dass die Royal Navy im Schwarzen Meer ein Zeichen setzen wollte. Moskau droht für Wiederholungen mit Bombenangriffen „nicht einfach in den Kurs, sondern auf das Ziel“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.