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Flugscham : Umpacken im Kopf

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Wie wenig wirksam solche Minibeträge sind lässt sich neuerdings relativ schonungslos herausfinden, und zwar auf einem dem Greenwashing völlig unverdächtigen Portal. Das neue Angebot Compensaid.com wird nämlich von Lufthansa betrieben, ist aber für alle Linienflüge anwendbar. Hier kann der Passagier mit Flugnummern und Buchungsklasse seine Reise eingeben und dann per Schiebeschalter entscheiden, wie lange es dauern soll bis die entstehende CO2-Emission kompensiert ist. Und zwar auf der linken Seite des Schiebers mit dem Kauf von CO2-neutralem synthetischem Bio-Treibstoff, der heute erst in kleinen Mengen verfügbar und mindestens dreimal teurer ist als übliches Kerosin. Und auf der rechten Seite mit dem Pflanzen von Bäumen. Für die von Flyla für 20 Euro angeblich kompensierten Flüge weist Compensaid eine Emission von 1,38 Tonnen CO2 aus. Die lassen sich entweder innerhalb von 20 Jahren kompensieren wenn man für 27,64 Euro Bäume pflanzt. Oder sofort, wenn der Reisende für 674,98 Euro nachhaltigen Biosprit kauft. Der Flugpreis kommt noch hinzu und somit zahlt man mehr als das doppelte als bei Flyla der Flug inklusive angeblicher Kompensation kostet.

Sinnlosen Extra-Flügen durch den Vielfliegerstatus

Aber auch Compensaid berücksichtigt keinerlei Nicht-CO2-Effekte der Flüge. Generell tobt ein Streit zwischen Umweltaktivisten und der Luftfahrtbranche darüber, was überhaupt eine Tonne CO2 kosten soll. Viele Anbieter rechnen eine Tonne gleich ein Euro, Ausgleichs-Portale wie Atmosfair setzen allerdings 23 Euro pro Tonne an. Da leuchtet die Kritik ein, der sich EasyJet gerade aussetzen muss: Für die angebliche Kompensation werden künftig gerade mal etwa 30 Cent pro Passagier aufwendet.

In der Diskussion um nachhaltigeres Fliegen kamen die weit verbreiteten Vielfliegerprogramme bislang kaum vor. Sie veranlassen viele Geschäftsreisende zu völlig sinnlosen Extra-Flügen, den „Mileage Runs“, nur um ihren Vielfliegerstatus zu erhalten. Allein beim deutschen IT-Riesen SAP gibt es weltweit bis zu 40.000 Vielflieger, von denen manche umgerechnet bis zu 45 volle Tage pro Jahr im Flugzeug sitzen und dabei 200 Flüge absolvieren – es erinnert an George Clooney in „Up in the Air“. „Bei 20 Prozent unserer Mitarbeiter besteht ein klares Suchtpotenzial nach Vielfliegermeilen. Bei uns im Konzern wird noch viel zu viel geflogen und diese Programme sind dabei wirklich ein Problem, mehr Nachhaltigkeit durch weniger Flüge zu erreichen“, räumt Marcus Wagner ein, Projektleiter für Nachhaltigkeit bei SAP.

Da hilft es auch nicht, dass Mitglieder von Miles & More, dem Vielfliegerprogramm der Lufthansa-Gruppe, neuerdings Meilen spenden können um damit ökologische Stromerzeugung im Amazonas zu fördern. „Wir lassen die Mitarbeiter jetzt intern eine CO2-Abgabe zahlen und überlegen, eine Art eigenes Prämiensystem einzuführen für Leute die nicht fliegen“, erklärt Marcus Wagner seine Versuche gegenzusteuern. Anderswo sind die Diskussionen schon viel radikaler: Der Chef des Billigfliegers Wizz Air forderte ein Verbot der klimaunfreundlicheren Business Class. Und im britischen Wahlkampf wird derzeit eine Vielflieger-Steuer diskutiert, die mit jedem weiteren Flug ansteigt und gleichzeitig Familien das Vergnügen ihres jährlichen Urlaubsflugs unbesteuert lässt. Sogar ein Verbot von Privatjets, den größten Emissionsschleudern unter den Flugzeugen, wird in England gefordert. Kein Wunder dass sich etliche Vielflieger am Ende des Jahres 2019, das so viel verändert hat in der Wahrnehmung, kaum noch trauen, ihre Gold- oder Platinkarten demonstrativ am Rollenkoffer zur Schau zu stellen. Noch vor kurzem waren das ultimative Statussymbole.

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