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Pilze suchen in Finnland : Die Sporen des Nordens

  • -Aktualisiert am

Ihr Beruf hat Sie in die ganze Welt geführt, die Wurzeln zurück nach Finnland: Saimi Hoyer. Bild: Anja Martin

Das ehemalige Model Saimi Hoyer hat zu ihren finnischen Wurzeln gefunden. Nun nimmt sie Gäste mit auf Pilzkreuzfahrt ins Saimaa-Seengebiet.

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          Das war’s dann wohl mit dem finnischen Jahrhundertsommer. An diesem Tag Mitte August ist der Himmel grau, genauso wie das Wasser des Saimaa-Seengebiets, vier Stunden nordöstlich von Helsinki. Selbst das Grün der vielen Inseln, an denen das Ausflugsboot vorbeifährt, wirkt düster. Doch den vierzig Finnen unter Deck ist das egal. Im Gegenteil: Hätte es jetzt nicht endlich geregnet, nach dieser Hitze, gäbe es keine Pilze oder kaum welche. Sie warten mit leeren Körben und kleinen Messern, in Gummi- oder Wanderstiefeln, Regenjacken und Outdoorhosen auf den ersten Landgang. Bis dahin ist ihnen keinesfalls langweilig, sie hängen an den Lippen einer Frau mit leuchtend roten, lockigen Haaren und zwei weiteren Guides, die mit ihnen in die Pilze gehen werden. Oder auf Pilzkreuzfahrt, wie sie das nennen, weil sie mit dem Schiff zwischen den Inseln kreuzen.

          Finnen gehen gerne in die Wälder und pflücken Beeren oder sammeln Pilze. Das finnische Jedermannsrecht besagt, dass man sich quasi überall bedienen darf, sogar auf Privatgrund. Die Natur gehört allen. Und da auf drei Vierteln der Bodenfläche Wald wächst, ist die Sammelfläche gigantisch. Auf Pilzsuche zu gehen, das gehört in Finnland schon lange dazu. Aber in einer Zeit, in der alle in die Natur wollen, Menschen Bäume umarmen und alles selbst machen, wozu sie irgendwie imstande sind, wird Pilzesammeln momentan von der Tradition zum Trend.

          Die Musik spielt im Wald

          „Wir folgen den Rockstars in die Wälder“, sagt Nina Pennanen, 38, aus Helsinki, und grinst dabei, weil es ein bisschen groupiemäßig klingt. Sie hat sich hier mit einer ebenfalls pilzbegeisterten Freundin verabredet, um auf halber Strecke ein paar gemeinsame Tage zu verbringen. Girls-Weekend mit Funghi. Minna Engqvist, 42, sitzt neben ihr, oben auf Deck. Offenbar sind sie die Einzigen, die sich auch für die Landschaft interessieren, nicht nur für das, was in den Wäldern wartet. Rote Mökki (Häuschen) auf kleinen Felseninseln unter Fichten ziehen vorbei, meist mit Sauna und Boot. Platz gibt es dafür genug, bei den mehr als 13 000 Inseln in der größten Seenplatte Europas. Außerdem halten die Freundinnen Ausschau nach der gefährdeten Saimaa-Ringelrobbe, von denen es noch 400 Stück geben soll. Sie sind so beliebt, dass man sie auf einer Livewebcam des WWF auf ihrem Lieblingsfelsen beobachten konnte. Leider nur bis diesen Mai. Denn da fanden Neugierige die Kamera und störten die Tiere.

          Im Saimaa-Seengebiet in Finnland gibt es tausende Inseln und Steine, die aus dem Wasser ragen.
          Im Saimaa-Seengebiet in Finnland gibt es tausende Inseln und Steine, die aus dem Wasser ragen. : Bild: Anja Martin

          „Mein Vater hat immer gesagt, du musst im Wald ganz still sein, sonst verstecken sich die Pilze“, erzählt Minna. Nina hebt überrascht die Augenbrauen, weil das natürlich nicht stimmt, also biologisch falsch ist, aber auf eine andere Art Sinn ergibt: Es geht um die Wertschätzung dem Wald gegenüber, dieser anderen Welt, sie wahrzunehmen und ruhig zu werden. „Man konzentriert sich, denkt nicht an die Arbeit oder Familiengeschichten“, sagt Nina. „Und wenn man es doch tut, findet man keine Pilze.“ Außerdem sei es wie eine Schatzsuche, man lerne immer etwas Neues und verbringe Zeit mit Menschen, die vermutlich ähnlich verrückt seien wie man selbst. Worauf sie heute hoffen, und immerhin ist es die Zeit dafür: auf den Gemeinen Riesenschirmling (Ukonsieni), einen der größten Pilze Finnlands mit bis zu 40 Zentimeter breiten Hüten, aus denen man sich prima ein Schnitzel braten kann.

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