https://www.faz.net/-gxh-7snx4

El Salvador : Die grausame Glückstat des Feuerberges Ilopango

Ein idyllisches Bild mit grausamer Vergangenheit: Als der Vulkan Ilopango vor vermutlich 1500 Jahren ausbracht, vernichtete er alles Leben im Umkreis von hundert Kilometern. Bild: ullstein bild

El Salvador ist nicht nur der kleinste, sondern auch der widersprüchlichste Staat Mittelamerikas. Ganz gleich, ob man vor der Zerstörungswut der Vulkane erschaudert oder die kostbarsten Schätze des Meeres verspeist - langweilig wird es im Land des Weltenretters nie.

          Das Meer ist grob und geizig geworden. Es tobt und rast, wehrt sich mit aller Gewalt gegen die Gierigen, die es weiter ausplündern wollen, wirft sich wie wahnsinnig gegen die Küste und würde die Fischerboote auf seinem Rücken am liebsten mit Mann und Makrele verschlingen. So groß ist der Groll des Meeres, dass die Fischer von La Libertad nur mit einem Trick ihren Hals und Fang retten können: Sie haben eine fünfzig Meter lange und zehn Meter hohe Mole auf den Ozean hinausgebaut, an deren Ende ein Kran mit rachitischem Dieselmotor die Schaluppen aus den Wellen hievt. Vier Seile werden an der Reling befestigt, dann geht es schwankend aufwärts, während die Fischer ihre Boote balancierend im Gleichgewicht halten und auf der Mole mit müden Gesichtern den mickrigen Fang begutachten. Ein paar Kalmare, eine Handvoll Goldbrassen, ein einziger prachtvoller Langostino zum Trost, mehr hat der Pazifik nicht herausgerückt nach einem ganzen Tag der Schufterei. Leise Flüche, Achselzucken, das übliche Gemurmel: Was soll man machen, besser als der Job der Austernjungen, die mit Messer, Eimer und Schnorchel in die wütenden Wellen hinaus schwimmen müssen, ist die Arbeit auf dem Boot allemal. Und warum sich die verrückten Surfer aus aller Welt dieses Meer freiwillig antun, das können sie beim besten Willen nicht verstehen. Diese Kerle sagen, La Libertad sei der Himmel auf Erden. Dabei ist es doch die Hölle.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Die besten Stücke aus dem Höllenfang kommen keine hundert Meter weit. Sie landen in den Restaurants neben der Mole, die unter einem geschwungenen Zeltdach maritime Kostbarkeiten aus Poseidons Schatzkiste zu Juwelierspreisen servieren. Allein bei der Fischsuppe will man weinen vor Glück und ein Halleluja gen Himmel schicken als Dank für dieses Füllhorn aus Languste und Gamba, Taschenkrebs und Wolfsbarsch, Miesmuschel und Oktopus, frisch wie der Morgentau, rein wie die Seele einer Meerjungfrau, duftend wie die Essenz des Ozeans und schmachtend begleitet von einer Mariachi-Kombo, die von Liebe, Eifersucht und schändlichem Betrug kündet mit ihren Klampfen, die so groß wie Kontrabässe und immer noch kleiner als die Wampen der Sangeskünstler sind. Während wir die letzten Krebsscheren knacken, werden auf der Mole die letzten Fischer wie Schiffbrüchige aus dem Meer gefischt - und plötzlich halten wir inne, weil wir begreifen, dass man El Salvador nicht symbolträchtiger in einem einzigen Bild zusammenfassen kann als hier an der Mole von La Libertad.

          Ein Bürgerkrieg von masochistischer Grausamkeit

          Schlemmen und Schuften, Glück und Leid, Armut und Reichtum, Tragik und Pathos, Krieg und Frieden, Hoffnung und Hoffnungslosigkeit - im kleinsten Land Mittelamerikas haben die Widersprüche keinen Platz, um voreinander zu fliehen. Sie sind Schicksalsgenossen, so eng aneinandergekettet, dass man sie immer im selben Atemzug aufnimmt. El Salvador war einmal der Musterknabe Zentralamerikas, das bedeutendste Tourismusziel weit und breit, der wichtigste Kaffeeproduzent, der fortschrittlichste Industriestandort - und hat zwischen 1980 und 1992 in einem Bürgerkrieg von masochistischer Grausamkeit mit fünfundsiebzigtausend Toten einen großen Teil seiner Zukunftschancen zerschossen und zerbombt. Die Salvadorianer sind so fleißig, diszipliniert, aufrichtig, dass sie ehrfürchtig die „Japaner Zentralamerikas“ genannt werden - und haben gleichzeitig mit der biblischen Plage ihrer Jugendbanden die Alltagskriminalität zu perfider Perfektion gebracht. Kein anderer Staat auf Erden darf sich mit Christus dem Weltenretter als seinem persönlichen Schutzpatron schmücken - und kaum ein anderer wartet sehnsüchtiger auf den Moment, in dem er endlich errettet wird.

          Als steinerner Gigant balanciert der Salvator Mundi in der Hauptstadt San Salvador auf einer Weltkugel und scheint wenig Interesse daran zu haben, in nächster Zeit wundertätig zu werden. Stattdessen blickt er ein wenig missmutig auf die flirrende, surrende, geschäftig brummende Stadt, vielleicht ist er ja eingeschnappt, weil er sie mit so vielen anderen Monumenten teilen muss. Vom Nationalhelden bis zum Nationalvogel, vom Revolutionär bis zum Konterrevolutionär, vom Kaffeelatifundisten bis zum Kaffeelatifundistenmörder würdigt man hier alles, was auch nur im Entferntesten würdigenswert erscheint.

          Die Nackte auf dem Steinsockel

          Erzbischof Óscar Romero, Held der Armen, Kämpfer für Gerechtigkeit, Märtyrer des Glaubens an das Gute im Menschen, der 1980 von rechtsextremen Todesschwadronen vor seinem Altar erschossen wurde, wird gleich dutzendfach geehrt und dabei in den Stand eines Nationalheiligen befördert. Die heimkehrenden Salvadorianer, die im Ausland ihr Geld verdienen müssen und mit Vier-Milliarden-Dollar-Überweisungen pro Jahr ihre Heimat vor dem ökonomischen Kollaps bewahren, finden ihr schwülstiges Willkommensdenkmal auf der Straße vom Flughafen in die Stadt. Und selbst die Verfassung hat ein eigenes Mahnmal - in Gestalt einer wohlproportionierten, auffallend aufreizenden, weil gänzlich unbekleideten Dame mit Waage und Schwert, die von den Einheimischen nur „La Chulona“, die Nackerte, genannt wird. Vielleicht stört sich der Weltenretter an ihrem unzüchtigen Anblick ja ganz besonders. Und vielleicht hat er deswegen San Salvador so lange von Erdbeben heimsuchen lassen, bis vom kolonialen Erbe kaum noch etwas übrig geblieben ist.

          El Salvadors Geißel: Die Jugendbanden der Mara, deren Erkennungszeichen auffällige Tätowierungen sind, terrorisieren das Land.

          San Salvador ist heute eine moderne Stadt wider Willen mit Einkaufs- und Vergnügungszentren wie der Gran Vía, in denen sich die Reichen und die Schönen, die Jeunesse dorée und die Expatriierten in sorgenfreiem Ambiente treffen. Ihre Kinder können sie in der Fußgängerzone unbeaufsichtigt spielen lassen und ihre Autos auf einem Parkplatz abstellen, der mit seinen grellen Scheinwerfern und dem haushohen Wachturm eher an ein Hochsicherheitsgefängnis erinnert. Die Hässlichen und die Armen, die Jeunesse perdue mit ihren Narben, Tattoos und schwarzen Seelen, ist hier ausgesperrt und untergetaucht. Wir sehen sie trotzdem, weil sie in den Straßen pausenlos von der Polizei kontrolliert wird: Schuhe ausziehen, um versteckte Drogen aufzuspüren, Hemd hochheben, um verräterische Tätowierungen zu entdecken - die Erkennungszeichen der Mara Salvatrucha und Barrio18, der Jugendbanden, die einst in Los Angeles groß und stark wurden, dann von den Amerikanern aus dem Land geworfen wurden und jetzt die salvadorianische Gesellschaft wie ein schleichendes Gift zerstören. Sie kontrollieren das Geschäft mit Drogen und Menschenhandel, Prostitution und Schutzgelderpressung, sind für die meisten der zehn, zwölf Morde pro Tag verantwortlich und verschleppen schon Zehn-, Zwölfjährige an den Schulen, um sie zu rekrutieren oder aber zur Einschüchterung der anderen zu töten.

          Das Pompeji Mittelamerikas

          Touristen werden selten Zeugen und so gut wie nie Opfer dieser Gewalt. Und trotzdem fühlen wir uns jenseits von San Salvador wohler, in der Kordillere mit ihren Vulkanen und Kraterseen, Bergregenwäldern und Kolonialdörfern, Kaffeeplantagen und Maya-Ruinen wie Joya de Cerén, dem Juwel von Cerén. Nichts weniger als das Pompeji Mittelamerikas ist Cerén, eine einzigartige archäologische Rarität, von der Unesco zum Weltkulturerbe geadelt und von den Touristenmassen trotzdem geschnitten - dieser stille Ort hat keine Chance gegen die spektakulären präkolumbianischen Großattraktionen wie Tikal, Uxmal oder Chichén Itzá. Im siebten Jahrhundert verschwand Joya de Cerén beim Ausbruch des Vulkans Ilopango unter einer fünf Meter dicken Ascheschicht und überlebte so als einziges, erhaltenes Bauerndorf der Maya-Kultur. Der Alltag der einfachen Leute ist hier zu besichtigen, als sei vor tausendvierhundert Jahren der Film der Zeit einfach angehalten worden. Chili-Schoten und schwarze Bohnen liegen an den Feuerstellen, als wollte die Mutter ihre Familie gleich zum Essen rufen. Das Maisbier Chicha wartet in seinem Krug auf das nächste Fest. Und im Dampfbad, einem kuppelförmigen, von heißen Lavasteinen beheizten Bau mit winzigem Eingang, scheinen immer noch Maya bei der rituellen Reinigung zu hocken. Jedenfalls wunderten wir uns nicht, wenn sie gleich aus dem Türchen gekrochen kämen.

          Ausnahmsweise ruhig: Normalerweise schlägt der Pazifik an El Salvadors Küste hohe Wellen - und ist deshalb ein Dorado für Surfer.

          Der Ilopango und seine Brüder wirken heute ganz friedlich und schlafen meist so tief, als wollten sie nicht an ihre früheren Wutausbrüche und Übeltaten erinnert werden. Und so fahren wir furchtlos an den Flanken der erloschenen, schlafenden oder auch nur lauernden Vulkane auf der „Ruta de las Flores“ entlang, der Blumenstraße, die eine Handvoll kolonialer Dörfer miteinander verbindet - eines hübscher als das andere und jedes mit Kopfsteinpflaster, bunten Schindeldachhäuschen, zypressenbeschatteten Hauptplätzen und viel zu großen, von lauter Weltenrettern bewohnten Dorfkirchen möbliert. Dazwischen verstecken sich die Kaffeeplantagen, als wollten sie mit dem Lärm der Welt nichts zu schaffen haben. Die schönsten und ältesten von ihnen sind allerdings so großzügig, den Reisenden Exil für eine Zeitfluchtreise übers Wochenende zu gewähren. Dann kann man sich in den Haciendas zwischen Antiquitäten, Trödel und Nippes, zwischen Brokatdecken, Porzellanfigürchen, Heiligenbildnissen, Aktzeichnungen und Schaukelstühlen wie ein postkolonialer Kaffeebaron fühlen und sich in den wunderbaren Gärten unter einem Mangobaum oder einer Jacaranda-Kaskade ein paar Jahrzehnte zurück träumen - in jene illusionistische Zeit, als ganz El Salvador von Paris träumte und den Beistand des Weltenretters noch nicht nötig hatte.

          Marimba-Klänge zu Ehren des Allmächtigen

          Man geht früh schlafen an der Straße der Blumen. Denn das Nachleben ist so aufregend wie ein Nachtschattengewächs. Dem Dörfchen Ataco zum Beispiel, berühmt für Dutzende naiver Wandgemälde an den Hausfassaden, fallen mit Sonnenuntergang so plötzlich die Augen zu wie einem Kleinkind, so dass wir von einer Minute zur nächsten verblüfft und verloren, umgeben von mehr Straßenkötern als Menschen, im Funzellicht der Laternen auf der Gasse stehen. Eine Handvoll Tante-Emma-Läden ist noch geöffnet, eine Bar mit drei traurigen Gestalten sehen wir - und hören plötzlich laute Musik, fröhlichen Gesang, herzhaftes Lachen, Freudenschreie, Lustjauchzen, Beifallsstürme zu Marimba-Klängen, eine Mordsparty scheinbar, also nichts wie hin. Die Musik wird immer lauter, das Lachen immer ekstatischer, da vorne muss es sein und ist es auch. Doch es ist keine Party, keine Orgie, nichts da mit Sex and Drugs and Rock ’n’ Roll. Noch nicht einmal eine Familienfeier ist es, sondern der Gottesdienst einer radikalchristlichen Kirchengemeinde, die aus höherem als irdischem Anlass jauchzt und damit zumindest dem Landesnamen alle Ehre macht: Herr im Himmel, sieh’ her, wir sind bereit zur Errettung. Etwas beschämt ob unserer Tugendlosigkeit schleichen wir davon und sind heute Abend in unserem Schaukelstuhl dann eben der großgrundbesitzende „cafetalero“ mit Sehnsucht nach den Champs-Elysées.

          Die Cowboys Zentralamerikas: Beschauliches Leben in den Bergdörfern El Salvadors.

          Wir können uns ja an der Küste austoben, in Orten wie der Ferien- und Fischerkolonie Barra de Santiago, zu der uns in Windeseile eine Serpentinenstraße vom vulkanischen Kaffeebohnenland hinunter ins Reich der Zuckerrohrplantagen, Kokospalmenhaine und Alleen mit vierzig Meter hohen Ceiba-Bäumen bringt. Die Kühle der Berge zerfließt in der Hitze der Ebene, das Zwitschern der Vögel weicht Bachata- und Cumbia-Rhythmen, und die Geruhsamkeit der Kordillere macht diesem explosiven Gemisch aus Trägheit und Heißblütigkeit Platz, das es nur in den Tropen gibt.

          Rotzlöffel ärgern Krokodile

          El Salvadors Widersprüche sitzen in Barra de Santiago friedlich im Schatten der Königspalmen beisammen. In den Garküchen, Bretterbudenrestaurants und Strandbars mit ihrem Sandstrandfußboden und Palmwedeldach wird unterschiedslos an alle Klassen „Pilsener“ und die lokale Wodka-Variante „Petrov“ ausgeschenkt. In den Hütten des einfachen Volkes zeugen Kinderscharen von der Fruchtbarkeit und auch der Zügellosigkeit ihrer Bewohner, die den Palästen offensichtlich keinen Krieg an den Hals wünschen. Und in den Villen der luxuriösen Öko-Lodge gleich nebenan fürchten sich die Gäste nicht vor dem Zorn des Volkes. Sie verzichten auf einen Hochsicherheitszaun, als hätte es nie einen Bürgerkrieg zwischen Arm und Reich gegeben.

          Der Pazifik ist in Barra de Santiago sanftmütiger als in La Libertad. Er schmiegt sich an einen breiten Strand und lässt sich von Mangroven besänftigen, die wie tausendarmige Kraken ins Meer wachsen und sich zu einem fünften Element aus Wasser und Erde verweben. Natürlich gebe es dort auch Krokodile, sagt der Fischer, der uns in seinem Kahn mitnimmt, aber die seien friedlich, solange man sie nicht ärgere, was die Rotzlöffel aus dem Dorf trotzdem immer wieder täten. Anscheinend haben sich die Echsen gerade den Bauch vollgeschlagen, denn der Fang unseres Fischers ist erbarmungswürdig. Zwei Dollar, sagt er und wirft einen resignierten Blick auf das Dutzend jämmerlich zappelnder Silberleiber in seinem Boot. In anderthalb Stunden werden wir wieder in La Libertad sein, bei unseren Austern und Langusten, immer die wilde Küste entlang, vorbei an Straßenschildern, die vor kreuzenden Surfern warnen. Doch davon erzählen wir dem Fischer lieber nichts.

          Weitere Themen

          Das perfekte Wochenende in Prag Video-Seite öffnen

          Stadt der hundert Türme : Das perfekte Wochenende in Prag

          Manche behaupten, sie sei die schönste Hauptstadt Europas. Doch die tschechische Hauptstadt hat viel mehr zu bieten als Karlsbrücke, Veitsdom und gutes Bier. Mit diesen Tipps erleben sie einen wunderbaren Kurztrip in die Stadt an der Moldau.

          Topmeldungen

          Die Pinterest-App ist zuhause auf vielen Smartphone-Homescreens.

          Vor Börsengang : Pinterest legt Zahlen offen

          Dass etwa eine Viertelmilliarde Menschen die Bilderpinnwand nutzen, war schon bekannt. Aber wie viel Umsatz Pinterest macht, und was unterm Strich steht, gab das Unternehmen jetzt erst bekannt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.