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Urlaub in Deutschland : Ein Fetisch namens Wandern

  • -Aktualisiert am

Wege gibt es viele in Deutschland. Dieser Himmelsweg liegt im Spessart bei Lohrhaupten. Bild: Oliver Maria Schmitt

Geht’s noch – oder spazierst Du schon? Nicht nur in Taunus und Spessart wandelt der Profi jetzt auf Premium-Wegen.

          6 Min.

          Ich bin auf dem besten Weg. Er beginnt auf einer Anhöhe, weit schweift der Blick über den Taunus, der Pfad führt an einem plätschernden Bächlein entlang zu einem bequakten Krötenteich, durch einen Talgrund und ein Dörfchen mit Back- und Spritzenhaus, dann durch einen hellichten Buchenwald. An Aussichtspunkten laden Bänke zum Schauen und Chillen ein, alles ist bestens beschildert. Und als ich einen steilen Hang in einem Nadelwald emporkraxle und der Weg plötzlich anders verläuft als auf der Karte, da sehe ich zum ersten Mal einen Wegweiser, den ich noch nie zuvor auf einem Wanderweg gesehen habe: „Umleitung“. Tatsache und kein Zweifel – ich bin auf einem „Premiumwanderweg“ unterwegs.

          Dennoch kommt mir kein Mensch entgegen. Denn ich bin spät dran. Aus grauer Städte Mauern zieh ich durch Wald und Feld, aber erst nach dem Mittagsläuten. Bin ja nicht blöd und ziehe im Frühtau zu Berge, wenn die ganzen klapperstockbewehrten Karohemdenrentner schon seit Stunden unterwegs sind, um Wanderwege und Rastplätze zu verstopfen. Nein, als überzeugter Spätwanderer drehe ich mich morgens, wenn der Tag angeht und die Sonn' am Himmel steht, noch mal gemütlich rum. Azyklisch starte ich am frühen Nachmittag und genieße die vorwurfsvollen Blicke der schon wieder zurückkehrenden Profiwanderer; denn ich liebe es, gegen die Uhrzeit zu laufen: Werde ich es schaffen, das Ziel noch vor der Dämmerung zu erreichen?

          Heute bin ich wieder im Taunus unterwegs, Dr. Quack sei Dank. Es ist vielleicht meine zehnte Premiumwanderung. Ich habe diese Luxusvariante der Wanderwegwelt erst im letzten Jahr entdeckt. Es war ein funkelnder Vorfrühlingstag, ich war im Rheingau unterwegs, parkte bei Rauenthal auf einem Wanderparkplatz und stiefelte los in die Botanik. Ich erwartete nichts Besonderes. Doch wie aus dem Nichts zog die Natur plötzlich ein Register nach dem anderen: Der Weg führte an einem Bächlein entlang, schlängelte sich durch Wälder und Weinberge, durch blühende Streuobstwiesen, ein Hase schlug Haken, eine Anhöhe wurde erreicht, von der der Blick weit ins Rheintal schweifte – so ging das immer weiter. Der Beschilderung entnahm ich, dass ich auf der „Rheinsteig-Rundtour Rauenthaler Spange“ unterwegs war, ausgezeichnet mit dem „Wandersiegel Premiumweg“.

          Typisch deutsch

          Seitdem bin ich ein begeisterter Premiumwanderwegweiserfollower – vielleicht weil dieses lange Kompositum genauso irre und so typisch deutsch ist wie das ganze Premiumwanderwesen. Dabei war jede meiner Premiumtouren anders, und jede war besser als all meine Wanderungen in den Jahren zuvor. Wohl auch deswegen, weil ich bislang nie ein richtiger und schon gar kein begeisterter Wandersmann war. Ich strolchte mehr so laienmäßig durch die Gefilde, wie ein Spaziergänger, der sich verlaufen hat.

          Das fing schon im Kindesalter an: auf den sonntagnachmittäglichen Wanderungen mit den Eltern, die eigentlich gar keine Wanderungen waren, sondern ein dauerhaftes Herumirren in süddeutschen Wäldern. Immer auf der Suche nach nicht vorhandenen oder nicht mehr sichtbaren Wegmarkierungen. Im Idealfall hatte der Vater noch eine aus der Zeitung ausgeschnittene Wanderempfehlung in der Sakkotasche, die dann Sätze wie diesen zur Deutung freigab: „Vom Parkplatz Hößlinsülzer Forst führt der mit einer schwarzen Raute auf weißem Grund markierte Weg südöstlich zu einer Gabelung, die rechter Hand am Waldrand zum Sendeturm Schweinsberg führt, die aber vor der Abbiegung nach Untergruppenbach in Richtung Schmellenhof in westlicher Richtung über den mit einem gelben Punkt auf blauem Grund markierten Hohlweg wieder verlassen werden muss.“

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