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Zypern : Freiheit zwischen Stacheldraht und Sandsäcken

  • -Aktualisiert am

Kummer und Verzweiflung über Schicksale trennen die Insel auch anderthalb Jahre nach ihrem Beitritt zur Europäischen Union, mehr noch als die Grenze. Daß sie für EU-Bürger seit Mai 2004 offen ist, scheinen viele im griechischen Teil eher zu ignorieren. Wenn Urlauber nach Besuchsmöglichkeiten des Nordens fragen, wirkt die Haltung oft gar abwehrend, ja warnend.

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          "Pfüati Gott!" ruft Andros Papadopoulos seinen Gästen nach, wenn sie das Restaurant verlassen - gleichgültig, ob sie aus Bayern oder Norddeutschland, aus der Schweiz oder aus England kommen. Der kraushaarige Kellner im Hotel Nissi Beach am Strand von Agia Nappa, im griechischen Teil von Zypern, ist ein Original, fast immer zu einem Scherz aufgelegt. Aber wenn das Gespräch auf den türkisch besetzten Teil der Insel kommt, schlägt seine Stimmung schlagartig um. Ernst, ja zornig erzählt er von den Vertriebenen, von Landsleuten, die seit der Okkupation des Nordens durch die Türken 1974 verschwunden sind.

          Kummer und Verzweiflung über Schicksale trennen die Insel auch anderthalb Jahre nach ihrem Beitritt zur Europäischen Union, mehr noch als die Grenze. Daß sie für EU-Bürger seit Mai 2004 offen ist, scheinen viele im griechischen Teil eher zu ignorieren, obwohl inzwischen auch ein paar tausend Bewohner der türkischen Region bei ihnen arbeiten. Wenn Urlauber nach Besuchsmöglichkeiten des Nordens fragen, wirkt die Haltung oft gar abwehrend, ja warnend. Wer allein dorthin aufbrechen will, erhält selbst von Reiseveranstaltern gelegentlich den Rat, von solchen Plänen lieber abzusehen und, wenn es schon sein müsse, lieber an organisierten Ausflügen teilzunehmen.

          Veranstalter scheuen Risiko

          Önal Dorak, Geschäftsführer des Nordzypern Tourismuszentrums in Frankfurt, kommentiert das alles abschätzig: Die Verantwortlichen im griechischen Teil der Insel machten Propaganda. Sie hätten kein Interesse daran, daß der Tourismus und die Wirtschaft insgesamt in Nordzypern gestärkt würden. Auf griechischer Seite wird die Zurückhaltung eher nüchtern mit der politischen Lage und ihren Folgen erklärt. Angesichts verschärfter Haftungsregelungen seien die Reiseveranstalter vorsichtig in Hinblick auf alles, was sie nicht verantworten könnten, sagt Gunther Träger, der Honorarkonsul von Zypern für vier deutsche Bundesländer ist und als Inhaber der Presseagentur C&C Contact & Creation auch die Öffentlichkeitsarbeit für die Fremdenverkehrszentrale Zypern in Frankfurt am Main koordiniert. Denn nach wie vor hat kein Staat außer der Türkei den türkisch besetzten Teil Zyperns anerkannt.

          Nachdem im April 2004 der Wiedervereinigungsplan von Kofi Annan, dem Generalsekretär der Vereinten Nationen, auf griechischer Seite wegen Bedingungen, die als unannehmbar empfunden wurden, in einer Volksabstimmung abgelehnt wurde, hat weder der EU-Beitritt Zyperns kurz darauf noch der Beginn der Verhandlungen über einen EU-Beitritt der Türkei vor einigen Wochen etwas vorangebracht. So ist rechtlich immer noch vieles unklar. "Die Reiseveranstalter wollen da kein Risiko eingehen", sagt Träger. Daß sich die Unternehmen einem gewissen Druck der griechischen Seite beugen, ihren Kunden Fahrten nach Nordzypern nicht allzu schmackhaft zu machen, hält er dagegen für unwahrscheinlich.

          Auf eigene Faust über die Grenze

          Urlauber in der griechischen Inselregion wirken entsprechend verunsichert, was sie dürfen und was nicht. Die Wirkung bleibt nicht aus. Nach Trägers Kenntnis wollen nur fünf bis sechs Prozent der Touristen vom Südteil Zyperns aus den Norden besuchen. Zusätzlich irritiert sind sie durch Regelungen mancher Autoverleiher. Das Auswärtige Amt bezeichnet zwar Fahrten mit Mietwagen vom Süden in den Norden der Insel und zurück grundsätzlich als möglich, schränkt aber ein, daß die jeweilige Mietwagenfirma dies zulassen müsse. Tatsächlich können Kunden in den Vertragsbedingungen von Autovermietern im griechischen Teil gelegentlich Klauseln entdecken, die ihnen Fahrten in die türkisch besetzte Region untersagen. Mit Mietwagen, die im Nordteil der Insel gemietet wurden, können Reisende ohnehin nicht in den Südteil fahren.

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