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Zug von Moskau nach Nizza : Spurwechsel ans Meer

  • -Aktualisiert am

Am Bahnhof in Moskau Bild: IMAGO

Nicht nur für Menschen mit Flugangst: Nach fast hundert Jahren fährt nun wieder einmal in der Woche ein Zug von Moskau nach Nizza - mit 80 Stundenkilometern durch Europa. Ein Reisebericht.

          Wie an einer Perlenkette aufgereiht steht kurz nach vier Uhr nachmittags an der Tür jedes Waggons ein Zugbegleiter, die Frauen im hellgrauen Rock und einer roten Baskenmütze, die Männer mit Schirmmütze und hellgrauem Jackett. Eigentlich fehlt nur noch das Orchester, das einen Marsch spielt, als der Zug sich langsam in Bewegung setzt. 50 Stunden und 23 Minuten liegen vor ihm und 3315 Kilometer. Von Moskau nach Nizza.

          Es hat lang gedauert, bis dieser Zug wieder fahren konnte: Bis 1917 brachte er die russischen Adligen an die Côte d’Azur, wo sie das Geld der Arbeiter und Bauern und ihre Ländereien in den Casinos von Nizza oder San Remo durchbringen konnten. Zuerst der Krieg und schlussendlich die Bolschewiken setzten diesen sehr eigenen Butterfahrten ein Ende. 2010 schien der russischen Eisenbahn die Zeit für eine Wiederbelebung der Strecke gekommen. Einmal in der Woche fährt nun ein Zug hin und tags darauf wieder zurück. Moskau-Nizza, mit 80 Stundenkilometern durch Europa.

          Draußen ziehen die kilometerlangen Feierabendstaus vorbei: Nicht enden wollende Schlangen von Mercedes, Renault, VW, japanischen und koreanischen Fabrikaten - ein echter Lada ist im reichen Moskau kaum noch unterwegs. Am Ufer der Moskwa grüßen die neu errichteten Glastürme des Wolkenkratzer-Viertels Moskau-City. Dann kommen die „Schlafrayons“ - Vorstädte, wo sich Plattenbau an Einkaufszentrum an Ikea an Plattenbau reiht.

          Dresscode: gemütlich

          Endlich wird es ländlicher. Weite, oft verwilderte Felder wechseln sich ab mit russischen Dörfern, die sich - das wissen Eingeweihte - in vielen Fällen in Wochenendhaus-Siedlungen der Moskauer verwandelt haben. Und immer wieder Fichtenwälder, Birke und Ahorn erwachen nach dem langen russischen Winter gerade erst zum Leben. Die Russen im Waggon haben sich inzwischen fit gemacht für die Fahrt: In gemütlichen Trainingsanzügen oder Pyjamas, an den Füßen Hausschuhe, schlappen sie zum Abteil des Zugbegleiters. Der trägt wenig später den dampfenden Tee in die Abteile, die Gläser in den typisch russischen Metalluntersätzen. Die Löffel stoßen an den Glasrand. Dieses helle Klingeln wird der Soundtrack des russischen Zugerlebnisses.

          Unser Waggon hat zwei Zugbegleiter, „Prowodnik“ genannt. Oder „Prowodniza“, wenn es eine Frau ist. Dass man meistens nur einen von ihnen sieht, liegt am Schichtdienst: Schläft Prowodnik Sergej, wacht Prowodniza Natascha. Schläft diese, erfüllt er die Wünsche der Fahrgäste: Bringt Tee und Kaffee ins „Coupé“, klappt jenen die Betten aus, die schlafen möchten. Und jedes Mal, wenn der Zug hält, setzt er zur Uniform seine Mütze auf, öffnet die Waggontür und wischt mit einem Tuch die Haltegriffe ab.

          Es fährt ein Zug nach irgendwo - an der Côte d’Azur

          Bei Sergej geht das schon seit 23Jahren so, er hat auf den Strecken nach Prag, Paris und Berlin gearbeitet, als die Züge nach Westen noch mit Kohle geheizt wurden. Statt Kohle zu schippen, schiebt Sergej heute Kaffeetabs in den plastikrot glänzenden Kaffeeautomaten, der so auch an Bord des Raumschiffs Enterprise stehen könnte. Und bedient die verschiedensten Leute: einen Smolensker Steinbruchbesitzer mit Flugangst, eine weißblonde Schönheit, die auf dem Weg zu ihrem russischen Mann in Nizza ist, der dort als Fitnesstrainer arbeitet. Mit ihr im Abteil sitzt eine schon ältere Ukrainerin, die als Haushälterin in Nizza arbeitet, bei einem „sehr reichen Manager einer Ölfirma“. Sie hat ein Schengenvisum von der polnischen Botschaft bekommen, muss deshalb also die polnische Grenze überqueren.

          Müde von Moskau, gehen die Passagiere früh schlafen an diesem Abend, immer drei pro Abteil, übereinander. Ja, etwas eng ist es schon, doch die Betten sind weich und gemütlich. Aber wo, bitteschön, sind die Russen, die bis spät in die Nacht mit Wodka und ukrainischem Speck zechen und am Ende schluchzend Lieder über die Heimat singen? Nicht hier. Auch im russischen Zugrestaurant herrscht völlige Stille, als der Zug in der Nacht Minsk durchquert.

          Sigarjety, Alkogol?

          Vielleicht ist es die Nervosität vor der Grenze, die Weißrussland von Polen und der EU trennt? Immer wieder werden an den russischen Flughäfen Menschen zurückgehalten, die keinen Unterhalt für ihre Kinder zahlen, Schulden oder sonstige Gründe haben, das Land zu verlassen.

          Um fünf Uhr morgens klopft Sergej. „Graniza, graniza- die Grenze in Brest. Schon erscheinen am Ende des Ganges die ersten Uniformierten. Eine junge weißrussische Zöllnerin fragt: Sigarjety, Alkogol? Kopfschütteln. Der Grenzer überprüft das russische Visum, das weißrussische Transitvisum, dann fragt er meine Freundin, die zu Besuch in Russland war und nun auf dem Weg nach Italien ist: „Wo ist die Registrierung?“ Wer nach Russland reist, muss sich - egal, ob er im Hotel oder bei Freunden wohnt - bei der örtlichen Migrationsbehörde melden, dafür bekommt er jene Registrierung. Die in diesem Falle fehlt. Eisesstille. „Suchen Sie“, bellt er mit einem Gesicht so kalt wie ein sibirisches Arbeitslager. „Ich komme nach dem Radwechsel wieder. Wenn Sie die Registrierung nicht finden, nehme ich Sie mit auf die Polizeiwache.“ Stille Panik. Prowodnik Sergej hilf! „Erleb’ ich zum ersten Mal“, schüttelt der den Kopf. Normalerweise sei den Grenzern die Registrierung egal. Für meine Freundin folgt eine quälend lange Stunde: Verhöre im kalten Neonlicht einer weißrussischen Polizeistation statt Côte d’Azur?

          Der Zug fährt währenddessen in eine lange Halle ein, und weißrussische Bahner in schmutzigen Jacken beginnen wie seit Jahrzehnten an dieser Grenze zwischen Sowjetunion und Europa den Radwechsel: Die Gleise liegen östlich von Polen 1520 Millimeter voneinander entfernt, die Spurweite ist also 85 Millimeter breiter als bei uns. Die Waggons werden nun beiderseits von stählernen Hebeböcken „untergehakt“ und um anderthalb Meter angehoben. Dann wird das gesamte Drehgestell herausgeschoben - und mit Rädern ersetzt, die auf die Euro-Spurweite passen. Von der Decke hallt das Krachen und Quietschen, vermischt mit den Rufen der Arbeiter, zwei Meter unter den Fenstern läuft ein Mann in abgewetzten Hosen mit Plastiktüten hin und her. Er will uns Bier, Cola oder Wodka verkaufen.

          Inzwischen haben wir in höchster Verzweiflung Sergej 20 Euro gegeben: Er soll die Sache mit der Registrierung regeln. Und tatsächlich schlüpft er kurz vor dem bösen Grenzer in unser Abteil und nickt: „Alles in Ordnung.“ Der Grenzer händigt uns wortlos die Pässe aus. Wir überqueren den Fluss Bug, und die polnischen Grenzsoldaten besteigen den Zug: „Przepraszam, paszport - Verzeihen Sie, Passkontrolle.“ Herzlich willkommen in der EU.

          Flüssiggas, Kohle, Fiats

          Wir erwachen am Ostbahnhof von Warschau, draußen steht eine nicht enden wollende Schlange von Waggons, unsere ständigen Begleiter auf dem Weg durch Europa. Hier sind sie gefüllt mit russischem Flüssiggas für Europa, in Schlesien werden sie bis zum Rand mit Kohle gefüllt sein, in Tschechien - aus Katowice kommend - mit nagelneuen Fiat 500 beladen.

          In Waggon 5 haben es sich derweil der 73-jährige Anatolij und seine zehn Jahre jüngere Frau Maria gemütlich gemacht, er mit Glatze, braungebrannt und in Radlerhosen, sie im Trainingsanzug. Aus dem Abteil schlängelt sich ein Verlängerungskabel zur Steckdose im Flur. Damit halten die beiden ihr Notebook am Laufen. Man mag verstehen, warum sie das Fensterkino, das auf der Reise an ihnen vorbeizieht, nicht mehr allzu spannend finden: Sie besitzen ein Haus in der Nähe von Innsbruck und machen die Reise schon zum zehnten Mal. Anatolij ist beileibe kein Oligarch, aber gut verdienend: Der Physiker hat schon in den Neunzigern ein IT-Zentrum gegründet, inzwischen kann er es sich erlauben, die Hälfte seiner Lebenszeit in Österreich mit Radfahren und Wandern zu verbringen.

          Fastfood hat Zugverbot

          Aber warum reist er im Zug? „Wir haben zu Sowjetzeiten das ganze Land mit dem Zug bereist, vom Kaukasus über Zentralasien bis nach Wladiwostok“, sagt Anatolij. „Das ist einfach eine sehr schöne Art zu reisen.“ Von Duschen im Waggon und derart gemütlichen Betten konnten die beiden damals freilich nur träumen. Einen Waggon weiter beginnt die Luxusklasse: Die Fahrkarten kosten hier über 1000 Euro, und die Menschen sind nicht gerade gesprächig. „Oft sind das Geschäftsleute, die einfach mal zwei Tage offline sein und sich von der Arbeit erholen wollen“, erzählt Prowodniza Alla. „Die schlafen und essen einfach zwei Tage lang.“ Essen ans Bett, Dusche im Abteil, Fernseher, einfach mal niemanden sehen.

          An den Fenstern zieht nun Katowice vorbei, dann Zebrzydowice und Bohumin. Je weiter man von Osten nach Westen fährt, desto gepflegter werden die Bahnhöfe, desto weniger Müll sieht man entlang der Strecke und desto weniger sind die Städte geprägt von den grau-gräulichen Plattenbauten. Im Restaurant lassen es sich zwei Schweizer Bahner gutgehen - kein Wunder bei dem starken Franken. „Zugrestaurants, in denen noch richtig gekocht wird - das gibt’s doch sonst nirgendwo mehr in Europa“, sagt Heinz aus Zürich begeistert. Ein polnisches „Tyskie“ nach dem anderen schafft der eilige Kellner Dennis heran, dazu Kiewer Koteletts, polnische Wareniki, frische Salate, überbackenen Lachs.

          „Mir ham da ein dechnisches Problem“

          Um kurz vor acht rollen wir im tschechischen Břeclav ein. Und wie an fast jeder Grenze wird auch hier die Lokomotive gewechselt. Der einzige Grund dafür: Die „Transitländer“ wollen auch etwas verdienen am Zug aus Moskau. Und ausgerechnet hier müssen die Passagiere über eine Stunde warten: „Mir ham da ein dechnisches Problem“, erklärt der empfangende österreichische Bahner. Die Russen sind amüsiert ob der desavouierten Mär von den pünktlichen Deutschen. Einen Unterschied zwischen Deutschen und Österreichern machen sie nicht.

          Den Brenner überquert der Zug leider im Dunkeln, am Morgen zieht Südtirol mit seinen nicht enden wollenden Obstplantagen vorbei. Und der Zug wird immer leerer: In Innsbruck ist der Physiker von Bord gegangen, in Verona steigt der Steinbruchbesitzer aus, in Mailand verlassen die Schweizer den Zug. Im Restaurant herrscht entspannte Fröhlichkeit, als es ab Genua am Meer entlanggeht. Barkeeper Dennis legt eine CD ein, die eine Sammlung der „Bravo Hits“ von 1997 sein könnte: „Hey Mister Wichtig, du machst da was nicht richtig“ dudeln Tic Tac Toe. Draußen liegen Menschen am Strand.

          Pünktlich auf die Minute (der Fauxpas der Österreicher ist auf unbekannte Weise wettgemacht) rollt der Zug am Samstagmittag unter die prächtigen Bahnhofsbögen von Nizza. Die frühsommerliche Wärme zaubert den ausgelaugten Moskauern ein Lächeln auf die Lippen. Nur Sergej und die Prowodniki sehen nicht so recht glücklich aus: Sie werden einige Stunden auf dem Abstellgleis verbringen. Bereits am selben Abend geht es zurück nach Moskau.

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