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Zug von Moskau nach Nizza : Spurwechsel ans Meer

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In Waggon 5 haben es sich derweil der 73-jährige Anatolij und seine zehn Jahre jüngere Frau Maria gemütlich gemacht, er mit Glatze, braungebrannt und in Radlerhosen, sie im Trainingsanzug. Aus dem Abteil schlängelt sich ein Verlängerungskabel zur Steckdose im Flur. Damit halten die beiden ihr Notebook am Laufen. Man mag verstehen, warum sie das Fensterkino, das auf der Reise an ihnen vorbeizieht, nicht mehr allzu spannend finden: Sie besitzen ein Haus in der Nähe von Innsbruck und machen die Reise schon zum zehnten Mal. Anatolij ist beileibe kein Oligarch, aber gut verdienend: Der Physiker hat schon in den Neunzigern ein IT-Zentrum gegründet, inzwischen kann er es sich erlauben, die Hälfte seiner Lebenszeit in Österreich mit Radfahren und Wandern zu verbringen.

Fastfood hat Zugverbot

Aber warum reist er im Zug? „Wir haben zu Sowjetzeiten das ganze Land mit dem Zug bereist, vom Kaukasus über Zentralasien bis nach Wladiwostok“, sagt Anatolij. „Das ist einfach eine sehr schöne Art zu reisen.“ Von Duschen im Waggon und derart gemütlichen Betten konnten die beiden damals freilich nur träumen. Einen Waggon weiter beginnt die Luxusklasse: Die Fahrkarten kosten hier über 1000 Euro, und die Menschen sind nicht gerade gesprächig. „Oft sind das Geschäftsleute, die einfach mal zwei Tage offline sein und sich von der Arbeit erholen wollen“, erzählt Prowodniza Alla. „Die schlafen und essen einfach zwei Tage lang.“ Essen ans Bett, Dusche im Abteil, Fernseher, einfach mal niemanden sehen.

An den Fenstern zieht nun Katowice vorbei, dann Zebrzydowice und Bohumin. Je weiter man von Osten nach Westen fährt, desto gepflegter werden die Bahnhöfe, desto weniger Müll sieht man entlang der Strecke und desto weniger sind die Städte geprägt von den grau-gräulichen Plattenbauten. Im Restaurant lassen es sich zwei Schweizer Bahner gutgehen - kein Wunder bei dem starken Franken. „Zugrestaurants, in denen noch richtig gekocht wird - das gibt’s doch sonst nirgendwo mehr in Europa“, sagt Heinz aus Zürich begeistert. Ein polnisches „Tyskie“ nach dem anderen schafft der eilige Kellner Dennis heran, dazu Kiewer Koteletts, polnische Wareniki, frische Salate, überbackenen Lachs.

„Mir ham da ein dechnisches Problem“

Um kurz vor acht rollen wir im tschechischen Břeclav ein. Und wie an fast jeder Grenze wird auch hier die Lokomotive gewechselt. Der einzige Grund dafür: Die „Transitländer“ wollen auch etwas verdienen am Zug aus Moskau. Und ausgerechnet hier müssen die Passagiere über eine Stunde warten: „Mir ham da ein dechnisches Problem“, erklärt der empfangende österreichische Bahner. Die Russen sind amüsiert ob der desavouierten Mär von den pünktlichen Deutschen. Einen Unterschied zwischen Deutschen und Österreichern machen sie nicht.

Den Brenner überquert der Zug leider im Dunkeln, am Morgen zieht Südtirol mit seinen nicht enden wollenden Obstplantagen vorbei. Und der Zug wird immer leerer: In Innsbruck ist der Physiker von Bord gegangen, in Verona steigt der Steinbruchbesitzer aus, in Mailand verlassen die Schweizer den Zug. Im Restaurant herrscht entspannte Fröhlichkeit, als es ab Genua am Meer entlanggeht. Barkeeper Dennis legt eine CD ein, die eine Sammlung der „Bravo Hits“ von 1997 sein könnte: „Hey Mister Wichtig, du machst da was nicht richtig“ dudeln Tic Tac Toe. Draußen liegen Menschen am Strand.

Pünktlich auf die Minute (der Fauxpas der Österreicher ist auf unbekannte Weise wettgemacht) rollt der Zug am Samstagmittag unter die prächtigen Bahnhofsbögen von Nizza. Die frühsommerliche Wärme zaubert den ausgelaugten Moskauern ein Lächeln auf die Lippen. Nur Sergej und die Prowodniki sehen nicht so recht glücklich aus: Sie werden einige Stunden auf dem Abstellgleis verbringen. Bereits am selben Abend geht es zurück nach Moskau.

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