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Zug von Moskau nach Nizza : Spurwechsel ans Meer

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Müde von Moskau, gehen die Passagiere früh schlafen an diesem Abend, immer drei pro Abteil, übereinander. Ja, etwas eng ist es schon, doch die Betten sind weich und gemütlich. Aber wo, bitteschön, sind die Russen, die bis spät in die Nacht mit Wodka und ukrainischem Speck zechen und am Ende schluchzend Lieder über die Heimat singen? Nicht hier. Auch im russischen Zugrestaurant herrscht völlige Stille, als der Zug in der Nacht Minsk durchquert.

Sigarjety, Alkogol?

Vielleicht ist es die Nervosität vor der Grenze, die Weißrussland von Polen und der EU trennt? Immer wieder werden an den russischen Flughäfen Menschen zurückgehalten, die keinen Unterhalt für ihre Kinder zahlen, Schulden oder sonstige Gründe haben, das Land zu verlassen.

Um fünf Uhr morgens klopft Sergej. „Graniza, graniza- die Grenze in Brest. Schon erscheinen am Ende des Ganges die ersten Uniformierten. Eine junge weißrussische Zöllnerin fragt: Sigarjety, Alkogol? Kopfschütteln. Der Grenzer überprüft das russische Visum, das weißrussische Transitvisum, dann fragt er meine Freundin, die zu Besuch in Russland war und nun auf dem Weg nach Italien ist: „Wo ist die Registrierung?“ Wer nach Russland reist, muss sich - egal, ob er im Hotel oder bei Freunden wohnt - bei der örtlichen Migrationsbehörde melden, dafür bekommt er jene Registrierung. Die in diesem Falle fehlt. Eisesstille. „Suchen Sie“, bellt er mit einem Gesicht so kalt wie ein sibirisches Arbeitslager. „Ich komme nach dem Radwechsel wieder. Wenn Sie die Registrierung nicht finden, nehme ich Sie mit auf die Polizeiwache.“ Stille Panik. Prowodnik Sergej hilf! „Erleb’ ich zum ersten Mal“, schüttelt der den Kopf. Normalerweise sei den Grenzern die Registrierung egal. Für meine Freundin folgt eine quälend lange Stunde: Verhöre im kalten Neonlicht einer weißrussischen Polizeistation statt Côte d’Azur?

Der Zug fährt währenddessen in eine lange Halle ein, und weißrussische Bahner in schmutzigen Jacken beginnen wie seit Jahrzehnten an dieser Grenze zwischen Sowjetunion und Europa den Radwechsel: Die Gleise liegen östlich von Polen 1520 Millimeter voneinander entfernt, die Spurweite ist also 85 Millimeter breiter als bei uns. Die Waggons werden nun beiderseits von stählernen Hebeböcken „untergehakt“ und um anderthalb Meter angehoben. Dann wird das gesamte Drehgestell herausgeschoben - und mit Rädern ersetzt, die auf die Euro-Spurweite passen. Von der Decke hallt das Krachen und Quietschen, vermischt mit den Rufen der Arbeiter, zwei Meter unter den Fenstern läuft ein Mann in abgewetzten Hosen mit Plastiktüten hin und her. Er will uns Bier, Cola oder Wodka verkaufen.

Inzwischen haben wir in höchster Verzweiflung Sergej 20 Euro gegeben: Er soll die Sache mit der Registrierung regeln. Und tatsächlich schlüpft er kurz vor dem bösen Grenzer in unser Abteil und nickt: „Alles in Ordnung.“ Der Grenzer händigt uns wortlos die Pässe aus. Wir überqueren den Fluss Bug, und die polnischen Grenzsoldaten besteigen den Zug: „Przepraszam, paszport - Verzeihen Sie, Passkontrolle.“ Herzlich willkommen in der EU.

Flüssiggas, Kohle, Fiats

Wir erwachen am Ostbahnhof von Warschau, draußen steht eine nicht enden wollende Schlange von Waggons, unsere ständigen Begleiter auf dem Weg durch Europa. Hier sind sie gefüllt mit russischem Flüssiggas für Europa, in Schlesien werden sie bis zum Rand mit Kohle gefüllt sein, in Tschechien - aus Katowice kommend - mit nagelneuen Fiat 500 beladen.

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