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Vietnam : Blaue Stunde in Vietnam

  • -Aktualisiert am

Die Bucht von Nha Trang Bild: F.A.S. - Klaus Weddig

„Ong Troi“ nennen die Vietnamesen den Himmel, was übersetzt „Ehrwürdiger Herr Himmel“ heißt. Er wölbt sich über den endlosen Stränden von Hám Tien und Nah Trang.

          Gegen Ende der Regenzeit sind die Stunden in Hám Tien hörbar. Alles, was den Tag ausmacht, ist am Klang zu erkennen. Nur wer noch in der Dunkelheit aufwacht, erlebt einen Moment absoluter Stille: die Vögel reglos, kein Hauch in den Palmen, selbst das Meer liegt spiegelglatt. Der Morgen an der vietnamesischen Küste beginnt mit einem unglaublichen Blau, das den Strand, die Palmen, die Bungalows und die Straße ertränkt und wie in brillantestem Kodachrome leuchten läßt. Aus dieser blauen Stunde schälen sich die ersten Gestalten und durchschneiden die Stille: konzentriert mit Tai Chi. Ein erhabener Anblick um fünf Uhr früh.

          Dreißig Kilometer lang ist der Strand von Hám Tien zwischen dem umwerfenden Fischerdorf Mui Ne und der quirligen Provinzhauptstadt Phan Thiet. Rang, „Ort, wo die Sonne langsam aufgeht“, hieß dieser Küstenstreifen früher. Er gilt als einer der schönsten Strände Vietnams, was man sofort glauben möchte. Doch für Superlative ist es zu früh: Ein Großteil der mehr als 3000 Kilometer langen Küste des Landes ist noch überhaupt nicht touristisch vermessen. Selbst Hám Tien ist erst seit kurzem auf Reisekarten zu finden. 1995 entstand hier mit zwölf Tropenholzbungalows „Coco Beach“, das erste private Ferienresort der sozialistischen Republik.

          „Dream of Coco Beachification“

          Seitdem ging alles schnell, wie überall im Land. Zwar war Rang bereits 1976, gleich nach Ende des Krieges gegen die Amerikaner, von den siegreichen Kommunisten in Hám Tien unbenannt worden: „Tien“ heißt soviel wie „voran, vorwärts!“. Doch auf diese Entwicklung mußten die Bewohner lange warten. Die Provinz Binh Thuan zählt zu den regenärmsten des Landes, außer Fisch und Salz war hier lange nichts zu holen. Erst die Einleitung der Doi-Moi-Politik, der vietnamesischen Perestroika Ende der achtziger Jahre, brachte Bewegung. Die Zahl der Privatunternehmen im Land hat sich seitdem verdreifacht, das einstige Armenhaus wurde zum zweitgrößten Reis-, Kaffee- und Cashewnußexporteur der Welt. Und auch in Hám Tien geht es stetig voran - wo 1995 nicht einmal eine Sandstraße entlangführte, fahren heute Schwärme von Mopeds und immer mehr Jeeps für Touristen auf eben asphaltiertem Grund. Am weißen Sandstrand deutet die wachsende Zahl der Sonnenschirme, Hängematten und Surfschulen auf einen bald flächendeckenden „Dream of Coco Beachification“.

          Gu Mo Ni Ma Da, sagt die Serviererin: Guten Morgen, Madame

          Für Urlauber beginnt der Tag in Hám Tien mit Reisnudelsuppe und frischem Baguette. Selten sichtbares Federvieh gibt erstaunliche Töne von sich, das Meer beginnt mit einer Art morgendlichen Räusperns die ersten Wellen zu spucken. Dazu kommen die Geräusche aus den offenen Küchen, die die Gäste unter den großen Reisstrohdächern dicht am Meer versorgen: das Zischen der Woks, vor allem aber das Schlagen großer Messer, die schier unendliche Mengen frischer Kräuter, Fisch und Obst teilen. Wer sehr gute Ohren hat, hört auch das Tropfen des schwarzen Kaffees. Der nämlich wird in Vietnam direkt am Tisch in einem Blechaufsatz über dem Glas aufgebrüht. Keine zwanzig Meter weiter ziehen schmale Fischersleute große Schleppnetze an Seilen um den Hüften an Land.

          Ein Blick auf das Meer zeigt rasende Drachensegel

          „Good morning, Madame!“ sagt eine lächelnde Person, die klebrig-süße Kondensmilch zum Kaffee nachreicht. Das „Good morning“ ist englisch, das „Madame“ französisch und der Akzent vietnamesisch, weshalb jede Silbe einzeln steht und den schließenden Konsonanten verliert. „Gu Mo Ni Ma Da!“ Selbst wer zu diesem Zeitpunkt bereits eine Woche in der wundersam aufregenden Hektik Saigons verbracht hat, kann sich einen besseren Morgen auch kaum vorstellen.

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