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Vereinigte Staaten : Wohnkunstwerke aus Müll

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Verschachtelter Energiespeicher: Fast zweihundert „Earthships” sind bisher in der Ebene vor den Sangre de Cristo Mountains gebaut worden. Bild: Chris Kelley

In der Wüste des amerikanischen Bundesstaates Neu-Mexiko lädt ein Architekt zum Probewohnen in besonderen Häusern ein: Die „Earthships“ sind aus Müll gebaut und Energieerzeuger, Wasserwerk und Gemüseladen in einem.

          Michael Reynolds erinnert sich noch gut an eine seltsame Marotte seines Vaters: Jedes leere Mayonnaiseglas, jede Weinflasche, jeden Milchkarton habe er aufgehoben. Zu schade zum Wegwerfen, habe er immer gesagt und das Zeug im Keller verstaut. „Meine Mutter trieb das fast in den Wahnsinn“, sagt Reynolds.

          Jahrzehnte später treibt der Sammeltick des Vaters Früchte: Sein Sohn Michael baut heute Häuser aus Abfall. Seit fast vierzig Jahren experimentiert der Architekt in Taos, im amerikanischen Bundesstaat Neu-Mexiko, mit Wohnstrukturen, die sich um die Energie- und Müllprobleme moderner Zivilisationen drehen. „Schauen Sie mal“, sagt Reynolds und greift über seinen mit Zetteln, Plänen und zwei Computern vollgestopften Schreibtisch hinweg in ein Regal nach einem seltsamen, glänzenden Zylinder. Es sind zwei Flaschenhälften, mit Klebeband zusammengefügt. „Ein Glasziegel“, sagt Reynolds. „Es gibt so viele Dinge, die viel zu schade zum Wegwerfen sind. Und die Leute betrachten sie als Müll.“

          Das Geheimnis der Biotektur

          Ganz anders Michael Reynolds. Der Mann, der hier in seinem Büro mit Gipsfußboden und verglaster Südseite in der Hochwüste von Neu-Mexiko über einem Stapel Zeichnungen sitzt, hat eine phantasievollere Vorstellung vom Recyclen als Leute, die in der alten Dose eine neue sehen und Altglas als Rohstoff für neue Flaschen betrachten. Reynolds baut Mauern aus alten Reifen, Wände aus Aludosen, lichtdurchlässige Glasmosaike aus Flaschenbäuchen. Er konstruiert Häuser, die ihren Wasserbedarf aus Regen und Schnee bestreiten, Strom aus Sonnenlicht gewinnen und ihre Heizung und Kühlung ohne Brennstoffe bewerkstelligen. Seitdem er Ende der sechziger Jahre das Architekturstudium in Cincinnati abschloss, bastelt Reynolds an energieautarken Wohngebilden - und hat sich damit fast um seine Architektenkarriere gebracht.

          Mit einer Schaffellmütze auf dem Kopf und in Socken erzählt Reynolds von seiner Karriere. Als „Biotektur“ bezeichnet Reynolds sein Werk. Der Strom für sein Macbook und den klobigen alten Zwanzig-Zoll-Monitor dahinter wird von Solarzellen auf dem Dach produziert, und obwohl es hier keine Heizung, keinen Ofen und keinen Kamin gibt, ist es sogar in Socken warm. Auf der anderen Seite der Jalousie, die Reynolds' dunkles Büro gegen den offenen Raum abgrenzt, wächst eine Staude Bananen.

          Existieren statt Wohnen

          „Earthships“, was so viel wie „Erdschiffe“ bedeutet, nennt Reynolds diese Häuser, fast zweihundert von ihnen stehen inzwischen auf der weitläufigen Ebene vor den Sangre de Cristo Mountains westlich von Taos. Es sind seltsam verschachtelte Konstrukte, halb in der Erde vergraben. Keines ist wie das andere, aber alle sind seltsame Hybriden aus runden und kantigen Elementen, aus organischen Formen und Hightech-Funktionalität. „Das hier ist nicht einfach Wohnen. Es ist eine Art zu existieren“, sagt Michael Reynolds.

          Reynolds bezeichnet seine Bauten mit Bedacht nicht als Häuser, „weil das bloß engstirnige Vorstellungen produziert. Wenn ich Earthship dazu sage, kann es alles Mögliche sein.“ Tatsächlich sind diese Domizile nicht nur Obdach, sondern auch Stromproduzent, Wasserwerk und Gemüseladen. Die Solarzellen auf dem Dach erzeugen eineinhalb bis zwei Kilowatt Strom. Sammelbecken mit einhundertachtzig Quadratmeter Gesamtfläche - die Hochwüste hier hat nur zwanzig Zentimeter Niederschlag im Jahr - leiten Regen- und Schmelzwasser durch eine Filteranlage in Tanks, die zweiundzwanzigtausend Liter fassen. Pflanzenbeete mit Obst, Gemüse und Kräutern durchziehen den vorgelagerten Wintergarten und die Wohnräume. Und die Gebäude erzeugen ohne Verbrauch von Brennstoffen ihre eigene Heizung und Kühlung.

          Wüste als Klimaanlage

          Für den Normalwohner klingt das allzu märchenhaft, ganz besonders angesichts des eiskalten Winds, der über die nächtliche Hochwüste vor Taos fegt. Das Thermometer zeigt minus neun Grad an, ein Albtraum, bei solchem Wetter in einem unbeheizten Haus übernachten zu müssen. Doch im Innern des „Corner Cottage“, des modernsten Earthship von Michael Reynolds, in dem man für hundertvierzig Dollar nächte- oder wochenweise probewohnen kann, zeigt das Thermometer satte fünfundzwanzig Grad an - auch noch am frühen Morgen. Die Strandbad-Temperatur resultiert aus „der Anwendung von Grundschul-Physik“, wie Reynolds sagt: Die Nord-, Ost- und Westwände des Hauses sind aus mit Erde gefüllten Reifen erbaut. Die Nordseite bedeckt ein Erdwall, nach Süden ist ein flurschmaler Wintergarten mit abgeschrägten Fenstern vorgelagert. Die Thermalmasse des Hauses, erklärt Reynolds, speichert die einfallende Sonnenwärme. Während einem draußen vor der Tür die Nasenspitze gefriert, ist man drinnen barfuß und im T-Shirt unterwegs. Die Pflanzenbeete im Wohnzimmer sorgen für eine fast tropische Atmosphäre. Wem es zu warm wird, der kann mit der Hilfe von Abzugsklappen für Luftzirkulation aus der eisigen Wüste sorgen.

          Jedes Earthship ist maßgeschneidert. „Hier ist alles handgemacht“, sagt Phil Baseheart, der auf der Baustelle gegenüber gerade eine Isolierplane anbringt. Im Hausinnern stapelt ein junger Mann Bierdosen und Zement zu einer Mauer, draußen schlagen zwei kräftige Kerle mit Vorschlaghämmern Erde in alte Reifen. Baseheart ist seit sechzehn Jahren hier, er hat sein eigenes Earthship errichtet. Als Bauleiter in Reynolds' zwölfköpfiger Baucrew verdient sich der studierte Architekt seine Brötchen. „Am Anfang wurden diese Gebäude als Hippie-Hütten verlacht“, erinnert er sich, „aber inzwischen sind es Hightech-Domizile.“

          Querdenker und Aussteiger

          Fast vier Jahrzehnte architektonische Experimentierlust stecken darin. Im Jahr 1969 kam Reynolds nach New Mexico, „um Motocrossrennen zu fahren und mich dabei schwer genug zu verletzen, um für Vietnam untauglich zu sein“. Der große Unfall blieb jedoch aus, Vietnam fand trotzdem ohne ihn statt, und im Jahr 1970 kaufte sich Reynolds in Taos eine Scheune, die aus alten Bahnschwellen gebaut war. Reynolds fügte eine Treppe aus Bierdosen hinzu, errichtete einen Anbau aus alten Reifen, experimentierte mit Materialien und Formen. „Ich spielte und lernte, so einfach war das“, sagt er. Es war keine große Vision, die er entwarf und zu erfüllen suchte. Er folgte einfach den Stichworten in den Medien: Nachdem er eine Sendung über den Holzkahlschlag und das Müllproblem mit Dosen gesehen hatte, baute er sich einen Ziegelstein aus Bierdosen. Als die Ölkrise ausbrach, begann er sich mit Thermalmasse zu beschäftigen. Als er Berichte über Wasserknappheit sah, bastelte er ein Regensammelsystem für seine Häuser. Und als die Qualität und der Preis von Nahrungsmitteln die öffentliche Debatte enterte, konzipierte er Innengärten für seine Earthships, die mit dem Grauwasser aus dem Haushalt versorgt wurden und auch im Winter Früchte trugen.

          „Vor zehn Jahren blickte ich auf und bemerkte plötzlich, dass ich ein nachhaltiges Haus geschaffen hatte“, sagt Reynolds. Umweltaktivisten, Querdenker und Aussteiger versammelten sich um ihn, manche mit Universitätsabschlüssen, andere mit Handwerkserfahrung, mit großen Erwartungen und utopischen Ideen. Eine Kommune entstand, die den Traum vom grünen Dasein lebte und weiterentwickelte, in der die Menschen Land gemeinsam besaßen und ihre eigenen Earthships bauten. Doch Mitte der neunziger Jahre traf Reynolds auf ein Problem, dem seine Erfinderlust nicht gewachsen war: Die Baugesetzgebung. Plötzlich wurde es ernst auf dem Spielplatz. Ein Beamter aus der Stadtverwaltung von Taos und ein Funktionär der Architektenkammer Neu-Mexikos bissen sich in Reynolds' Waden fest: Seine Gebäude entsprächen in keiner Weise den staatlichen Normen, sie umgingen die gängigen Regulatorien und verstießen gegen die Bauverordnung. Reynolds wurde zum Sündenbock ehrgeiziger Beamter, die im architektonischen Wilden Westen von New Mexicos Hochwüste aufzuräumen gedachten.

          Ein neuer Lebensstil

          Man schloss seine Kommune, weil sie nicht den Parzellierungsregularien entsprach. Man entzog ihm die Architektenlizenz. Da ging sich Reynolds einen Anzug und eine Krawatte kaufen und nahm den Kampf gegen die Normen auf - nicht, um seine Lizenz zurückzuerhalten, sondern um weiterbasteln zu können. Er passte seine Kommune den behördlichen Ansprüchen an, und er brachte im Capitol von Santa Fe ein Gesetz ein, in dessen Rahmen experimentelles Bauen ohne bürokratische Hürden möglich wäre.

          Reynolds kann sich über das Justizgestrüpp in Rage reden: „Wir sind uns doch alle einig, dass wir etwas an unserem Lebensstil ändern müssen, oder? Und die Technologien für grünes Leben sind da. Die Leute wollen es. Alle Voraussetzungen für ein CO2-neutrales Leben sind gegeben - aber unsere Gesetze lassen es nicht zu. Das ist doch idiotisch!“ Vier Jahre dauerte es, bis er endlich im Jahr 2006 den „Sustainable Development Testing Sites Act“ durchgefochten hatte. Der Brite Oliver Hodge hat Reynolds Kampf in dem preisgekrönten Dokumentarfilm „Garbage Warrior“ festgehalten.

          Die Flotte der Erdenschiffe

          Als im Dezember 2004 ein Tsunami über Südostasien hinwegfegte, Häuser zerstörte und Brunnen verseuchte, reiste Reynolds mit seinem Team ins Katastrophengebiet und zeigte den Leuten, wie sie aus den Trümmern - Plastikflaschen, Reifen, Pappe, Erde - ein Haus bauen konnten, das sein eigenes Trinkwasser generierte. Als der Wirbelsturm „Katrina“ im Jahr 2005 New Orleans verwüstete, tat er das auch dort. Und in diesem Sommer wird er auf Einladung der australischen Regierung nach Melbourne reisen, um beim Wiederaufbau der von den Waldbränden vernichteten Gegenden zu helfen. „Wenn einem alles um die Ohren fliegt“, sagt Reynolds, „sind die Leute, die in einem Earthship leben, okay. Ich baue überall da, wo man mich lässt.“

          Im holländischen Zwolle stehen mittlerweile ebenso Earthships von Michael Reynolds wie in der Normandie. Auch im spanischen Valencia, im schottischen Kinghorn, in Jamaica und Brasilien findet man seine Häuser. Und überall auf der Welt bauen die Leute nach Anleitungen aus Reynolds' Büchern und Seminaren ihre eigenen. Im Juni wird Reynolds vor den Vereinten Nationen auf einer Konferenz sprechen, an der unter anderen Eric Schmidt, der Vorstand von Google, und der amerikanische Umweltminister erwartet werden.

          Konfuzius hat recht

          Inzwischen hat sich auch in Taos der Wind gedreht. Vor zwei Jahren hat die Stadt Michael Reynolds in ihre Bau- und Wohnungskommission gebeten. Vor den Sangre de Cristo Mountains existieren heute drei Earthship-Gemeinden auf insgesamt fünfeinhalb Quadratkilometern, und noch immer wird weiter gebaut, experimentiert, verbessert - per Hand. Zahlreiche Investoren und Baukonzerne, die an ihn herantraten, um Earthship-Gemeinden im großen Stil zu entwickeln, hat Michael Reynolds abblitzen lassen. „Klar sehen die auch grün. Das Grün der Dollarscheine nämlich“, sagt Reynolds. Erst kürzlich habe ein Interessent ihn doch glatt gefragt, wann er endlich die Entwicklung abschließen und mit dem Geldverdienen anfangen wolle. „Ich habe geantwortet: Überhaupt nicht. Niemals. Ich verdiene genügend Geld, ich reise um die Welt und lerne sie besser kennen als jeder Tourist.“

          In Taos lebt Reynolds noch immer in dem originalen Earthship, das er entwarf und baute, als er vor zwanzig Jahren mit seiner dritten Frau zusammenkam und ein Domizil für die beiden und ihre gemeinsamen vier Kinder brauchte. Ob es fertig sei? Reynolds überlegt nur eine Sekunde „Natürlich nicht. Konfuzius sagt: Mann, der Haus fertig baut, stirbt.“

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