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Vereinigte Staaten/Mexiko : Sisyphus am Grenzzaun

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Hier umarmt sich niemand mehr, und Familienneuigkeiten müssen an der amerikanisch-mexikanischen Grenze in Gebärdensprache ausgetauscht werden. Bild: Nina Rehfeld

Die Barriere zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko wird immer weiter verstärkt. Doch Flüchtlinge hält sie kaum ab, denn sie ist vor allem eines: ein Fanal der Heuchelei.

          8 Min.

          Hallo, mein Freund!, ruft Dan Watman durch den amerikanischen Grenzzaun zwischen San Diego und Tijuana einem Mann auf der anderen Seite zu. "Was machst du so?" Eine Windböe vom Meer verwischt die Antwort, und Watman formt mit der Hand einen Trichter um sein Ohr, um besser verstehen zu können. Noch vor ein paar Monaten hätte er die Hand des anderen schütteln können. Friendship Park heißt dieser Flecken rund um den weißen Obelisken, der 1849 hier plaziert wurde, um die neue Landesgrenze nach Mexikos Abtritt des heutigen amerikanischen Südwestens an die Vereinigten Staaten zu markieren. Nach Norden erstreckt sich ein Naturschutzgebiet, der kalifornische Border Field State Park, nach Süden blickt man auf den Strand von Tijuana und einen Apartmentkomplex in den Hügeln dahinter. Achtunddreißig Jahre lang war der Friendship Park Treffpunkt von Familien, die auf beiden Seiten der Grenze lebten. Man berührte sich durch den Drahtzaun in den Dünen oder umarmte einander durch die Eisenstreben am Strand, küsste Babys, reichte Briefe und Geschenke von hüben nach drüben. Doch das ist vorbei.

          Initiiert wurde der Park 1971 vom damaligen kalifornischen Gouverneur Ronald Reagan - dem Mann, der sechzehn Jahre später in Berlin Michail Gorbatschow zurufen sollte: "Tear down this wall!" Die Berliner Mauer und der Eiserne Vorhang fielen wirklich. Aber in San Diego begann man mit dem Bau einer neuen Mauer. Dort, wo vorher ein schlichter Zaun die mexikanisch-amerikanische Grenze gebildet hatte, wurde Anfang der neunziger Jahre ein metallener Wall errichtet. Nur der Friendship Park blieb ausgespart. "Wir haben hier auf beiden Seiten des Zauns binationale Picknicks, Yogastunden, Salsaunterricht veranstaltet", sagt Dan Watman, der zu diesem Zweck den Verein Border Encuentro gründete. Sonntagnachmittags zelebrierte ein kalifornischer Pfarrer die katholische Messe und reichte Oblaten und Messwein durch die Maschen. Dann zog die amerikanische Grenzpatrouille Ende 2008 einen zweiten Zaun, der den Friendship Park zum Niemandsland machte. Jetzt müssen Worte und Blicke dreißig Meter überbrücken. Es werden nicht länger Umarmungen und Oblaten ausgetauscht, sondern Stinkefinger in Richtung der amerikanischen Grenzpatrouille gezeigt. Und Dan Watman veranstaltet neuerdings für geteilte Familien Kurse in Gebärdensprache.

          Ein Sprint ins Glück

          Es ist Ebbe, und am Strand könnte man um die geräumig plazierten Eisenstreben herumspazieren, in denen die Grenze hier ausläuft. Doch prompt taucht ein Jeep der Grenzpolizei auf. Nein, sagt man uns, wir dürfen hier nicht einfach hinüberspazieren, das wäre Grenzfriedensbruch. Wir müssten schon die offiziellen Übergänge benutzen. Von der anderen Seite ist der Zaun durchlässig. Am Wochenende spielen oft Kinder zwischen den Eisenstreben, manchmal schlagen ganze Familien auf der amerikanischen Seite ihr Lager auf, eine Geste trotziger Missachtung. Die Grenzer lassen es geschehen. Nur wenn einer aus dem Süden plötzlich nach Norden sprintet, der Skyline von San Diego entgegen, jagen sie hinterher. Manche Flüchtlinge, erzählen die Männer mit den schusssicheren Westen, rennen einfach den Strand entlang, andere paddeln auf Surfbrettern hinüber. Hin und wieder werden Ertrunkene angespült, einmal haben sie einen gerettet, der sich an einen Basketball klammerte. "Die meisten Mexikaner können nicht schwimmen", sagt ein Grenzer, "wenn sie im Meer von einem Sog erfasst werden, war's das." Nachts ist hier besonders viel los, auch mit dem zweiten Zaun. Die Verstärkung sei nötig gewesen, sagt man uns, weil es am Grenzzaun einen regen Handel mit Drogen und Geld gegeben habe. Manche hätten sogar Babys herübergereicht.

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