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Vereinigte Staaten : Kartoffel, spricht der Motor

  • -Aktualisiert am

Wenn ein obszönes Röhren durch den Canyon dröhnt, man die Wiesen riechen kann und auch den frischgepressten Teer, dann reist man richtig. Einmal im Leben, so will es das unerbittliche Gesetz des Lebens, muss man auf einer Harley-Davidson durch Colorado fahren.

          Einmal im Leben, so will es das unerbittliche Gesetz des Lebens, einmal im Leben muss ein echter Mann in eine enge Stahlröhre steigen, den alten Kontinent hinter sich lassen und dort landen, wo die Freiheit nach Asphalt und Benzin schmeckt, wo sie grenzenlos ist und praktisch erfahrbar. Einmal im Leben muss ein echter Mann eine Harley-Davidson satteln, den Motor anwerfen und einfach losfahren. Allein loszufahren wäre aber viel zu riskant - die Vereinigten Staaten von Amerika sind riesengroß, wie schnell hat man sich da verfahren - deshalb tat ich mich mit anderen echten Männern zu einer Fahrgemeinschaft zusammen. Wir konzentrierten uns auf den rechteckigen Reißbrettstaat Colorado, denn der, sagten die Männer, sei der schönste von allen.

          Wir waren ein Haufen wilder Kerle, eine verschworene Gemeinde, verbunden durch ein gemeinsames Schicksal: Wir alle waren Brillenträger, wir kamen aus Deutschland, und wir waren verheiratet. Wir, das waren der Cowboy aus München, der Chef unserer Gang, der niemals mit Helm, immer nur mit Lederschlapphut fuhr; das war der schwäbische Techniker, der alle Motorräder dieser Welt mit verbundenen Augen zerlegen und wieder zusammensetzen kann; das war der Lebemann aus Hamburg, der genau wusste, wie man cool durchs Dasein kommt; und das war ich, der fette Junge aus Frankfurt.

          Sein Name war „Fat Boy“

          So war mein Name, denn meine Harley hieß "Fat Boy". Der Cowboy und der Techniker fuhren prächtige "Electra Glides", tonnenschwere Kreuzer auf zwei Rädern, mit Windshield und Stereoanlage, der Lebemann ritt eine "Road King", was auch sonst, und ich den "Fat Boy", ein Kraftrad, das den Namen verdient: Gabelholme wie Laternenpfosten, massive Scheibenräder, kürbisgroßer Scheinwerfer und ein Hinterrad in Lkw-Dimension. Getrieben von sechzehnhundert Kubik, von zwei polternden Maßkrügen, die wild um die Wette krachten, wenn man den Gasgriff aufzog. Ein rollender Koloss. Die Füße stehen auf Trittbrettern, den Lenker führt man wie einen Pflug. Kein Wunder, dass Schwarzenegger in "Terminator II" einen fetten Jungen fuhr.

          Ikone der Freiheit: Ein Motorradhändler wirbt um Kunden.

          Wir starteten in Denver, der Hauptstadt Colorados, die man Mile High City nennt, weil sie eine Meile hoch liegt, auf 1608 Metern. Der tiefste Punkt unserer Reise. Zuvor stärkten wir uns mit zitronengegerbtem Büffelfleisch, geräucherten Jakobsmuscheln und Guacamole, die so frisch war, dass sie noch zuckte. Am Tisch saßen Einheimische, sie warnten uns: "Never go east of Denver!" Rechts der Hauptstadt gebe es nur Farmer und Flachland, die Sensationen lauerten ausschließlich links, im Westen, droben in den Rocky Mountains, wo der Himmel die Berge küsst. Und wo immer wir auch haltmachten, sagten sie, keinesfalls sollten wir uns in politische Diskussionen verwickeln lassen. Obama oder McCain oder diese wildgewordene Alaska-Mutti, egal - eines dürften wir nie vergessen: "These people carry weapons!"

          Formlose Zeremonien

          Dann wurde es ernst. Wir bekamen die Maschinen ausgehändigt. Nach einer sekundenlangen Einführung in die Technik und in die wichtigsten Grußregeln (Harley-Fahrer grüßen sich durch Heben der linken Hand, sie grüßen niemals japanische oder einspurige Fahrzeuge unter fünfhundert Kubik, denn das sind keine Bikes, sondern Fahrräder mit Hilfsmotor) wurde uns in einer betont formlosen Zeremonie das Deutsch-Coloradische Freundschaftsabzeichen verliehen. Der Techniker fragte noch nach Wischläppchen, um die chromblitzenden Maschinen im Notfall von Staubanhaftungen befreien zu können. Denn noch mehr als alles andere kommt es beim Harleyfahren auf das korrekte Aussehen an.

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