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Vereinigte Staaten : Im Land des röhrenden Elchs

Nicht gleich abheben: Die Pisten des berühmten Skigebiets verleiten dazu Bild: ASSOCIATED PRESS

Schön ist Amerika und seltsam auch. Es liebt die Gefahr genauso heftig wie den Kitsch. Das begreift man schnell beim Skifahren unter Cowboys in Jackson Hole, dem berühmten Skigebiet vor den Toren des Yellowstone Nationalparks.

          8 Min.

          Wie verzweifelt müssen die Männer gewesen sein, wie verwirrt vor Verlangen, wie lange wohl haben sie auf den Anblick einer Frau verzichten müssen, um diesen Berg „Der große Busen“ zu nennen. Arme Kerle!, denkt man sich voll des Mitleids mit den französischen Trappern, deren Vorstellung von der weiblichen Anatomie auf ihren langen Streifzügen durch die Rocky Mountains so dramatisch verblasste. Wir genießen das Glück des klaren Blicks und sehen im Grand Teton eher eine geballte Faust, die dem Himmel droht, einen scharfkantigen Temperamentsausbruch der Geologie inmitten der rundgeschliffenen Bergrücken von Jackson Hole, einschüchternd schön, die Demut vor der Natur verdoppelnd und die Immobilienpreise verdreifachend, falls „mountain view“ geboten wird. Denn die Menschen in Jackson Hole bewundern ihren Spitzbusenberg wie einst die Trapper, wenngleich ihnen die Geschichte mit dem Namen eher peinlich ist.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Ohne allerdings zu erröten, sprechen sie Teton völlig arglos „titen“ aus, womit sie wiederum manche fremdsprachigen Gäste in Verlegenheit bringen und scheinbar auch den Berg, der im Dämmerlicht so wunderbar errötet, dass man sich an ihn schmiegen will, ach Busen der Natur! In arger Verlegenheit ist auch jener Skifahrer, der sich auf den Pisten der Teton Range in die Verzweiflung manövriert hat. Armer Kerl! Er war eigentlich auf der Suche nach einem Anfängerbuckel, landete aber an einer pechschwarzen Piste, steckt jetzt in der Sackgasse, hat die Skier von sich geworfen und weist das Angebot einer gemeinsamen Abfahrt in aller Vorsicht mit den Hinweis zurück, er sei nicht suizidgefährdet. Zurücklaufen kann er nicht, dazu ist der Schnee viel zu tief, hinunterfahren traut er sich nicht, dazu ist die Buckelpiste viel zu steil, hockenbleiben geht schon gar nicht, dazu ist es viel zu kalt - nackte Angst, blanke Panik, da hilft nur noch die Pistenrettung.

          Trappermesser statt Silberbesteck

          Der Mann hätte es wissen können: Das Skigebiet von Jackson Hole in Wyoming hat einen Ruf wie Donnerhall. Ehrfurchtsraunend spricht man von ihm, das steilste, wildeste, anspruchvollste Wintersportgebiet der Vereinigten Staaten sei es, ein Dorado der Freerider, ein Himmelreich der Vertikalen, ein Glücksversprechen nur für die Waghalsigsten. Wer gerne auf planierten Pistenautobahnen herumrutscht, wird hier seines Lebens nicht froh. Und wer von faustischen Selbstzweifeln geplagt wird, nimmt spätestens bei den Warnschildern an den Grenzen des Skigebiets Reißaus: „This is the point of your decision“ steht dort mephistophelisch dräuend, Skifahrer, sei bereit für die Stürme des Lebens im Tiefschnee, hier rettet dich kein Pistenengel mehr! Etwas kulinarischer drücken es die Leute in Jackson aus: Die Skigebiete im feinen Aspen seien das Filet Mignon des Wintersports, die mildtätigen Buckel in Utah seine Hähnchenbrust. Jackson Hole aber sei das T-Bone-Steak, ein kräftiger, mächtiger Brocken Fleisch, den man mit dem Trappermesser isst, nicht mit dem Silberbesteck.

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