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Vereinigte Staaten : Drei Fässer Wein aus Kalifornien

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Der Weg nach Sonoma beginnt an der Golden Gate Bridge in San Francisco. Nur eine Stunde später sitzt man bereits auf der Terrasse eines Weingutes, genießt die Sonne und trinkt ein Glas fruchtig-frischen Sauvignon Blanc.

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          Der Weg nach Sonoma beginnt an der Golden Gate Bridge in San Francisco. Nur eine Stunde später sitzt man bereits auf der Terrasse eines Weingutes, genießt die Sonne und trinkt ein Glas fruchtig-frischen Sauvignon Blanc. Es ist die beste Art, San Francisco adieu zu sagen und sich auf das Thema Wein einzustimmen.

          Wenn von kalifornischem Wein die Rede ist, gilt Napa Valley noch immer als das Maß aller Dinge. Völlig zu Unrecht. Denn längst haben die Winzer im benachbarten Sonoma bewiesen, daß sie nicht mehr nur die Nummer zwei sind. Sie erzeugen mindestens ebenso gute Weine, und obendrein erlauben Boden und Klima im Weinbaugebiet von Sonoma eine weitaus größere Sortenvielfalt: Nicht nur die Publikumsfavoriten Sauvignon Blanc und Chardonnay, Merlot und Cabernet Sauvignon sind hier zu Hause; die Kellermeister erzeugen außerdem hervorragenden Riesling und Gewürztraminer, Pinot Noir und Syrah. Daß sie auch mit italienischen, spanischen und portugiesischen Rebsorten experimentieren, sei nur der Vollständigkeit halber notiert.

          Die Renaissance von Zinfandel

          Sonoma ist ein komplettes Wein-Universum: ein Stückchen Bordeaux und Burgund zusammengewürfelt, den Rhein, die Loire und die Rhône hindurchgeleitet und schließlich noch einige Brocken Champagne, Piemont und Toskana hinzugefügt. Hier befinden sich Boden und Klima für eine anderswo kaum vorstellbare Rebenvielfalt. Die Winzer müssen bloß richtig kombinieren: Nordhang oder Südhang, Berg- oder Tallage, Küstennähe oder Landesinneres. Vor allem aber müssen sie die kühlenden Nebelbänke berücksichtigen, die sich im Sommer vom Pazifik aus ins Land schieben. Denn deren Ausbreitung bestimmt letztlich, welche Traube an welcher Stelle gedeiht.

          Sonomas Winzer beschäftigen sich nicht nur mit den international verbreiteten Rebsorten, sie erzeugen auch mit dem Zinfandel ein kalifornisches Unikat. Die lange Zeit kaum beachtete Rebe besitzt hier ideale Wachstumsbedingungen und erlebt eine brillante Renaissance. Die teilweise hundert Jahre alten Rebstöcke, die in einigen abgelegenen Tälern überlebt haben, sind ein önologischer Glücksfall. Denn jetzt können die Kellereien mit moderner Technik beweisen, welch charaktervolle, fruchtig-pfeffrige Rotweingiganten sich aus dieser einst vernachlässigten Traube gewinnen lassen.

          Weingut statt Luxusauto

          Um den Zinfandel rankt sich auch eine für den kalifornischen Weinbau typische Erfolgsgeschichte. Die Anfänge der Ravenswood Winery im Jahre 1976 schildert ihr Gründer Joel Peterson in lapidaren Worten: "Kein eigenes Land, keine Trauben, keine Kellerei, kein Geld. Und doch haben wir 327 Kisten Zinfandel erzeugt." Zwanzig Jahre später war das Unternehmen an der Nasdaq-Börse notiert, und kurz darauf wurde es für viel Geld von einer großen Getränkefirma gekauft. Daß solche Aufstiege in Sonoma auch heute noch möglich sind, beweisen Winzer vom Schlage eines Rick Hutchinson. Jahrelang war er Kellermeister bei einem befreundeten Weingut, dann hat er sich 1997 Hals über Kopf selbständig gemacht und die Amphora Winery gegründet. Sein erster Jahrgang bestand aus drei Fässern, die jetzige Produktion liegt bei dreißigtausend Flaschen. Hutchinson allerdings hat keine Ambitionen auf Erweiterung oder Verkauf, der Mann produziert Wein, weil es ihm Spaß bereitet. Und im Gespräch räumt er gern mit dem Kostenmythos auf: "Für den Preis eines Luxusautos kann man in Sonoma auch heute noch ins Weingeschäft einsteigen."

          Hutchinson ist nur ein kleiner Mitfahrer auf dem großen Weinkarussell von Sonoma, das Individualisten immer wieder neue Chancen eröffnet. Die Region hat genug Platz für alteingesessene Landwirte und traditionelle Weingüter, für vermögende Zuwanderer, Wein-Hippies und jede Art von Aussteigern, die sich aus welchem Grund auch immer im Weinbau betätigen. So kommt die für europäische Augen ungewöhnliche Typologie kalifornischer Winzer und Weingutsbesitzer zustande: Regisseure und Schauspieler aus Hollywood, Millionäre aus Boston und Chicago, Aussteiger von der Wall Street, Rancher aus Texas, verkrachte Studenten, ein ehemaliger Professor der Universität Berkeley. Sie kaufen mit ihrem mehr oder weniger sauer verdienten Geld ein paar Hektar Land oder gleich ein fertiges Weingut, absolvieren einige Semester an der Weinbaufakultät oder machen einen Schnellkurs in Önologie. Und schon sind sie enthusiastische "winemaker", die sich keine schönere Lebensaufgabe mehr vorstellen können.

          Platz genug für Mini-Winzer

          Überall in Sonoma haben sich mittlerweile namhafte Weingüter aus Napa Valley und sogar internationale Konzerne Weinberge gesichert. Nicht zufällig entschied sich auch die Kellerei Gallo für Sonoma als Standort zur Herstellung ihrer Qualitätsweine. Die Firma stammt ursprünglich aus dem kalifornischen Central Valley, wo sie mit billigem Massenwein ein Vermögen verdient hat. Jetzt ist Gallo der größte Grundbesitzer und Erzeuger in Sonoma. Auf dem Gelände im Dry Creek Valley steht eine gewaltige futuristische Anlage mit Edelstahltanks und ineinander verschlungenen Rohrleitungssystemen; im Weinkeller stapeln sich sage und schreibe sechzigtausend Eichenfässer. Doch sogar das kolossale Angebot dieses Weinimperiums macht den Einsteigern und Mini-Winzern ihre Existenz nicht streitig. Noch, so scheint es, bietet Sonoma für jeden etwas. Auch für den Konsumenten: Denn obwohl sich viele Kellereien auf dem Höhepunkt ihres Könnens befinden und Weine von Weltklasse mit entsprechenden Preisen erzeugen, kann man noch überraschende Entdeckungen machen. Ein guter und dennoch preiswerter Zinfandel läßt sich ohne Schwierigkeiten finden.

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