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Vereinigte Staaten : Die letzte Schlacht des Gotteskriegers

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Einsamer Kampf statt Volksaufstand: In diesem Haus verschanzte sich John Brown mit seinen letzten Getreuen. Bild: Ronald D. Gerste

In der Nacht vom 16. auf den 17. Oktober 1859 wollte der religiöse Fanatiker John Brown die Sklaverei in Amerika handstreichartig abschaffen. Am Schauplatz der Wahnsinnstat wird bis heute daran erinnert.

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          Festes Schuhwerk und eine Taschenlampe sollte man mitbringen, rät der National Park Service, und einzufinden habe man sich nach Sonnenuntergang auf der Kennedy Farm, einem abgelegenen Bauernhof, der heute ein kleines Museum beherbergt. Dann, im Dunkeln, geht es los: zehn Kilometer durch teilweise dichtbewaldetes Gelände, oft weit genug von der Landstraße 340 entfernt, um durch keinerlei Autogeräusche und damit Erinnerungen an die Gegenwart gestört zu werden. Sie spielt keine Rolle bei der nächtlichen Wanderung, denn aller Teilnehmer Sinne sind auf die Vergangenheit gerichtet. Wie vor einhundertfünfzig Jahren, wie in jener Nacht auf den 17. Oktober 1859, wird man sich dem kleinen Ort nähern. Eine Brücke führt über den Potomac hinüber, ähnlich jener, auf der sich damals zweiundzwanzig bewaffnete Gestalten dem in tiefem Schlaf liegenden Städtchen näherten. Der Anblick des nur von wenigen Lichtern erleuchteten Ortes, pittoresk auf einer Klippe am Zusammenfluss von Shenandoah und Potomac gelegen, zerstreut letzte Zweifel, an einer Zeitreise teilzunehmen. Denn dort unten, in den kopfsteingepflasterten Gassen von Harpers Ferry, scheint für alle Ewigkeit das Jahr 1859 zu herrschen.

          Es ist sogar, sagt der Ranger des National Park Service ins Dunkel hinein, noch ruhiger, noch beschaulicher als damals. Als sich die Bewaffneten in jener Nacht vor hundertfünfzig Jahren Harpers Ferry näherten, blickten sie von der Bergkuppe aus auf ein Städtchen mit dreitausend Einwohnern und einer großen Industrieanlage. Heute leben nur noch dreihundert Menschen in Harpers Ferry, einem Ort an jener Stelle, an der die Bundesstaaten Maryland, Virginia und West Virginia zusammenstoßen. Der kleine Ort lebt ausschließlich von geschichtsinteressierten Besuchern, in diesem Jahr mehr denn je. Harpers Ferry nämlich schrieb sich in die Annalen der amerikanischen Historie ein, in blutgetränkten Lettern - mit dem Angriff der Männer, die aus dem Dunkel einer Herbstnacht kamen und Amerika verändern wollten.

          Gewehre für eine ganze Nation

          Nicht nur zum hundertfünfzigjährigen Jubiläum des Überfalls von John Brown in diesem Oktober kann man sich auf die Spuren einer Kette von Ereignissen begeben, die wie ein Fanal auf Amerikas Weg in den Bürgerkrieg wirkten - und nicht nur nachts, wie bei den Wanderungen anlässlich des Jahrestages. Auch tagsüber, vornehmlich am Wochenende, veranstaltet der National Park Service Spaziergänge auf den Spuren von John Brown. Der Weg führt dabei auf eine kleine Insel, Virginius Island im Shenandoah River, wenige hundert Meter vom Ortseingang entfernt, die heute weitgehend von Laubwald und Dickicht überwachsen ist. Wenn man sich durch die dichte Vegetation seinen Weg bahnt, stößt man vereinzelt auf Reste einer untergegangenen Industrialisierung: das Fundament eines Schornsteins an der Stelle einer ehemaligen Werkzeughalle, einen Mühlstein am Ufer des träge dahinfließenden Flusses, Mauerreste und die leer in den Himmel ragenden Pfeiler einer von dem Fluss und den Zeitläufen hinweggeschwemmten Eisenbahnbrücke. Hier stand einst eine von nur zwei großen Waffenschmieden der Vereinigten Staaten; die zweite befand sich in Springfield, Massachusetts. In Harpers Ferry wurden Gewehre und Karabiner, Pistolen und auch Piken hergestellt, für den Bedarf einer Nation, die sich um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts immer weiter nach Westen ausdehnte.

          Doch es war eine Nation mit einem schweren Geburtsfehler: der Sklaverei. John Brown war ein fanatischer Abolitionist, ein Sklavereigegner, der diese menschenverachtende Institution mit der Waffe in der Hand abschaffen wollte. Im fernen Kansas hatte der gottesfürchtige Mann bereits an blutigen Auseinandersetzungen teilgenommen, jetzt wollte er die Nation aufrütteln und das Übel der Sklaverei mit Feuer und Schwert ausrotten. Das Ziel Browns und seiner Mitstreiter waren das Waffenlager der Regierung und die Waffenschmiede von Harpers Ferry. Brown wollte die Waffenvorräte an sich bringen und die Sklaven der Region mit ihnen ausrüsten, um einen Sklavenaufstand anzuzetteln, wie ihn das nach seiner Meinung sündige Land noch nie gesehen hatte. Bis auf den heutigen Tag gibt es in Amerika kein einhelliges Meinungsbild über John Brown: War er ein Freiheitskämpfer und Märtyrer, der sein Leben für die Unterdrückten gab, oder war er der erste amerikanische Terrorist?

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