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Vereinigte Staaten : Der beste Ort, um nichts zu tun

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Der Herzschlag der Provinz: Dämmerung am Michigan-See. Bild: AP

So schön kann Provinz sein: An den stillen Ufern des Michigansees ist Amerika vollkommen mit sich im Reinen - und feiert die besten Footballpartys des ganzen Landes.

          Welche Stadt, wenn nicht Chicago, könnte solche Geschichten schreiben: Die aufstrebende Metropole des Mittleren Westens leitet die Abwässer von Schlachthäusern, Fabriken und Wohnungen in den Chicago River, der sich dann als stinkende Kloake in den Michigansee entleert. Weil den Einwohnern aber ihr See als Trinkwasserreservoir lieb und teuer ist und weil immer mehr Krankheiten grassieren, beschließt die Stadtverwaltung, die Fließrichtung des Chicago River umzukehren und die Brühe mit Hilfe von Schleusen und Kanälen in einen Zufluss des Mississippi zu leiten. So geschehen im Jahr 1900 und in Chicago gefeiert als eine technische Großtat, vergleichbar mit dem Bau des Panamakanals. Weniger Grund zur Freude haben die Städte am Mississippi, die plötzlich neben dem eigenen Abwasser den Dreck ihres nördlichen Nachbarn verkraften müssen. Doch den Beschwerden und Klagen trotzt Chicago jahrzehntelang vor allen gerichtlichen Instanzen, bis sich mit der Deindustrialisierung das Problem von selbst erledigt. Der Fluss aber fließt bis heute in die falsche Richtung.

          Chicago und dem Lake Michigan ist das gut bekommen. Die vierzig Kilometer lange Uferlinie der Metropole besteht fast überall aus öffentlich zugänglichen Sandstränden und Parkanlagen. Chicago ist deshalb ein Seebad. Wer das nicht glaubt, der rausche mit dem Fahrstuhl ins vierundneunzigste Stockwerk des John Hancock Centers. Der Wolkenkratzer ist zwar nur der dritthöchste der Stadt, er steht aber unmittelbar an der Uferlinie, und von seiner Aussichtsplattform erkennt man direkt unterhalb schon Oak Street Beach, den ersten Badestrand. Von dort reiht sich ein Sandstreifen an den nächsten. Dahinter stehen Apartmenthäuser mit grandiosem Seeblick. Das Panorama und der schnelle Profit haben den Bauherren offenbar das ästhetische Urteilsvermögen vernebelt. Während sich Chicago überall mit Wolkenkratzern der Extraklasse schmückt und als Freilichtmuseum für Hochhausarchitektur gilt, präsentiert sich seine Küste als architektonische Kleingeisterei.

          Die Badewanne Chicagos

          Wohnungen sind dort dennoch kaum bezahlbar, aber die wahrhaft Reichen sind noch weiter nach Norden ausgewichen. In Vororten wie Evanston, Winnetka oder Glencoe, die sich bis zur Staatsgrenze zwischen Illinois und Wisconsin erstrecken, stehen am Seeufer schmucke Backsteinhäuser, prächtige Villen und amerikanische Imitate europäischer Schlösser, fast alle umgeben von ausladenden Gärten oder perfekt ondulierten Parks. Die nicht enden wollende Sheridan Road verläuft parallel zum Seeufer und ist ein Monument für die kontinuierliche Anhäufung von Reichtum beim Geschäftemachen in Chicago. Und weil man in Amerika vom Erfolg gern etwas abgibt, haben die Wohlhabenden zwischendurch immer wieder Uferabschnitte freigelassen für öffentliche Parkanlagen und den ungehinderten Zugang zum Strand für jedermann.

          Das andere Gesicht des Sees: eine Wasserhose im Anmarsch.

          Strände gibt es am Michigansee, der ungefähr so groß ist wie Hessen und Nordrhein-Westfalen zusammen, auch anderswo im Überfluss. Seit mehr als einem Jahrhundert dient er den Einwohnern von Chicago deshalb als Urlaubsziel und Badewanne. Schon Ernest Hemingway verbrachte die Sommer seiner Kindheit in einem Ferienhaus bei Petoskey, das die Eltern ein Jahr nach seiner Geburt gekauft hatten. Auch nach seinen Erlebnissen im Ersten Weltkrieg erholte er sich dort mehrere Monate lang. 1921 heiratete er seine erste Frau Hadley Richardson in Horton Bay und verbrachte mit ihr die Flitterwochen im Ferienhaus der Familie. In einem Brief an seinen Freund James Gamble kommt seine Begeisterung für die Landschaft überschäumend zum Ausdruck: "Diese großartige Luft des Nordens. Das beste Forellenrevier im ganzen Land. Keine Übertreibung. Ein feines Land. Schöne Farben, absolute Freiheit, kein Urlaubstrubel. Du kannst faulenzen, schwimmen und fischen, wann immer du willst. Es ist der beste Ort auf der Welt, um nichts zu tun."

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