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Vereinigte Staaten : Das Land, der Müll, das Leben

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Mit gutem Beispiel voran: Amerikas First Lady Michelle Obama kauft auf einem Erzeugermarkt in der Nähe des Weißen Hauses in Washington ein. Bild: AFP

Grün, grün, grün sind alle meine Burger: Trotz des Scheiterns in Kopenhagen ist Amerikas Wandlung vom kalorienverschlingenden Energieverschwender zur umweltbewussten Biokostnation in vollem Gange. Ein gutes Omen für 2010?

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          Ein heißer Sommerabend in San Antonio, Texas. Blue Grass dringt aus „The Cove“. Vor der Bar stehen die Leute in einer langen Schlange. Sie haben Hunger, warten darauf, endlich ihre Bestellung abzugeben und sich mit einem Bier vor die Bühne zu setzen. Auf der Speisekarte finden sich vor allem Burger; Burger in verschiedenen Variationen, mit normalen Pommes oder Biosüßkartoffel-Pommes. Und dann gibt es da den „Texas S.O.L. Burger“, der Renner im „Cove“. „S.O.L.“ steht für „sustainable, organic, local“. Verwunderung. Ein zweiter Blick in die Karte macht klar: Hier werden alle Zutaten mit Bedacht gewählt. Keine gehärteten Pflanzenfette, keine Pop-Getränke mit Maissirup, nur Biofleisch und Biogemüse, und das Ganze nachhaltig und aus der Region. Slowfood lässt grüßen, nur sind wir nicht bei einer Käseverkostung im Keller eines Kleinbauern im Piemont, sondern mitten im Cowboyland.

          Was ist los? Wer dieser Tage durch Amerika fährt, erkennt es nicht wieder. So ein Road Trip ist normalerweise auch eine Reise ins eigene Selbst, das man in der Ferne, in den Weiten diesseits oder jenseits des Highways zu finden glaubt. Dieses Mal ist es anders. Eine erste Zwischenstation: die Main Street in Silver City, New Mexico. Das Land ist auf dem Weg zu sich selbst, und alle fahren mit. Eigentlich ist es eine Rückkehr. Nach all den Jahren an der Peripherie sind die zentrifugalen Kräfte verflogen, hat die Krise die Menschen an ihren Ursprung zurückgeworfen. Da sitzen sie in den Cafés an der Main Street, im Bioladen an der Ecke und in der Peace Sandwich Bar im alten Chevy-Autohaus. Wohin man auch kommt: Downtown lebt. Amerika arbeitet schon seit einigen Jahren an der Renaissance seiner Innenstädte, für die es auch ein erfolgreiches Denkmalschutzprogramm gibt. Aber erst in der Wirtschaftskrise hat es seine Zauberformel gefunden: „S.O.L.“. Wie passend, dass das Akronym auch etwas anderes heißt: „Shit out of luck.“ So sagt man, wenn man am Ende seiner Möglichkeiten ist und es ein „weiter so“ nicht mehr geben kann.

          Die Grenzen des Individualismus

          Biobewegung und Mittelstand haben also zusammengefunden. Sie eint der neue Schlachtruf „Buy local!“. Es geht ums Geld, das in der lokalen Gemeinschaft bleiben soll, und natürlich um den neuen, nachhaltigen Fortschritt mit den grünen Jobs und der Energiewende. Die Begeisterung für Fortschritt und Veränderung ist eine uramerikanische Tugend, was allzu oft vergessen wird. Dafür zogen die Pioniere westwärts. Aber diese selbstverständliche Ernsthaftigkeit, mit der die Menschen ihr Leben kompromisslos nachhaltiger und grüner machen wollen, hat uns unterwegs immer wieder erstaunt. Wir folgten der Bewegung bis nach Kalifornien. Der Staat ist arm, aber grün, pleite, aber nicht „out of ideas“. Die multiethnische Gesellschaft an der Westküste wächst beständig und sucht nach Lösungen für Gewaltprobleme, soziale Spannungen, Energiebedarf und Mobilität. Die Menschen haben ein Funkeln in den Augen, wenn sie von der Entschlossenheit erzählen, mit der sie sich der Veränderung ihrer Gesellschaft verschrieben haben. „Plane, Ende Oktober in Kalifornien zu sein. Wer fährt mit nach Westen?“, hieß es in Texas im Internet.

          Mit schlechtem Vorbild ins Verderben: Das Automonstrum Hummer ist das schwergewichtigste Symbol für Amerikas umweltpolitische Unvernunft.
          Mit schlechtem Vorbild ins Verderben: Das Automonstrum Hummer ist das schwergewichtigste Symbol für Amerikas umweltpolitische Unvernunft. : Bild: AP

          Für uns taugte diese Mitfahrgelegenheit nicht. Also einmal noch einen grün geredeten Mietwagen nehmen und diese Freiheit genießen, die billiges Benzin und alternierende Burgerbratereien verheißen. Jedem übertriebenen Individualismus sind hier ja doch recht enge Grenzen gesetzt. Mitten auf dem Freeway verlaufen diese Grenzen, und zwar zwischen denen, die ihr Auto mit anderen teilen, und denen, die immer noch allein unterwegs sind. Die Fahrgemeinschaft hat ihre eigene Spur. Sie schützen eine dicke, durchgezogene Linie und drakonische Strafen vor der Verstopfung durch den sprichwörtlichen Individualverkehr. Wir haben uns gefragt, wie man denn kontrollieren möchte, ob es sich um eine echte Fahrgemeinschaft oder nur um den unvermeidlich gemeinsamen Familienausflug handelt. Typisch deutsch. Darum geht es gar nicht. Zwei und mehr Personen in einem Auto – das ist schon toll genug. Und noch besser, wenn diese Regelung die Zahl derer, die sich im Internet finden, um gemeinsam zur Arbeit zu pendeln, stetig wachsen lässt. Die Informationen dazu kann man im Vorbeifahren großen Schildern entnehmen, gleich unter der Bußgeldsumme.

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