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Urlaub im Südost-Pazifik : Heute ein Robinson Crusoe

  • -Aktualisiert am

Ein Schiff wird kommen: Inzwischen wird die Insel öfter angefahren Bild: Martin Kaluza

Rund 1500 Touristen verschlägt es jedes Jahr auf die Insel, die Daniel Defoe zu seinem berühmten Roman inspirierte. Mittlerweile bleibt man dort gerne freiwillig.

          Flora de Rodt kommt auf die Terrasse ihres kleinen Restaurants getippelt. Auf dem Tablett balanciert sie eines der mehrstöckigen Fischsandwiches, für die sie auf der ganzen Insel bekannt ist. Sie bereitet sie mit einem Stück saftig gebratener Vidriola zu, einer Makrelenart, und belegt sie mit viel Salat, Avocado, Tomaten und Käse. Floras Spezialrezept hat sich bis zum Festland herumgesprochen, gerade erst hat eine Zeitung in Valparaíso darüber berichtet. Im Gastraum hängt ein Foto ihres Urgroßvaters, des Barons Alfred von Rodt, nach dem sie ihr Restaurant mit Meerblick benannt hat. „Er hat die Insel 1877 kolonisiert“, sagt Flora stolz. Die Isla Robinsón Crusoe ist mit fünfzig Quadratkilometern halb so groß wie Sylt und gehört zum Juan-Fernández-Archipel im südöstlichen Pazifik. Heute leben hier Dutzende Nachfahren des Schweizer Barons.

          Knappe zwei Stunden dauert der Flug in einer achtsitzigen Propellermaschine von Santiago de Chile aus, 670 Kilometer über den Pazifik. Der Flugplatz der Insel liegt buchstäblich im Nichts. Im Dorf war kein Platz für eine Piste, die Maschinen landen auf der anderen Seite, hinter den Bergen, wo es staubtrocken ist und kein Baum wächst. Der anderthalbstündige Transfer vom Flugplatz ins Dorf in einem offenen Fischerboot mit Außenbordmotor ist im Flugticket inbegriffen.

          Die Bucht, in der die Fluggäste an Bord gehen, wimmelt von Juan-Fernández-Seebären, einer Robbenart, die nur hier vorkommt. Auf halbem Weg tummelt sich unvermittelt ein Dutzend Delphine um das Boot. Aus dem Meer ragen breite, wie mit dem Messer geschnittene Felswände. Hinter ihnen erhebt sich der Yunque (der „Amboss“), ein 915 Meter hoher Berg mit breitem Grat, der aussieht, als habe jemand ein Brett aufrecht in die Insel gerammt.

          Felsige Abgründe

          Ihren Namen verdankt das Eiland dem schottischen Seefahrer Alexander Selkirk, der 1704 auf einem Freibeuter unterwegs war und nach einem Streit von seinem Kapitän auf der Insel ausgesetzt wurde. Selkirk war das historische Vorbild für die Romanfigur Robinson Crusoe. Vier Jahre und vier Monate schlug der Seemann sich allein auf der damals unbewohnten Insel durch, bevor ihn ein englisches Schiff wieder aufsammelte. Sein Bericht über diese Zeit erregte in der englischen Öffentlichkeit großes Aufsehen und inspirierte Daniel Defoe zu seinem berühmten Roman. Nach Alexander Selkirk ist eine andere Insel des Archipels benannt. Sie liegt 187 Kilometer weiter östlich, der Seefahrer hat dort allerdings nie gelebt.

          Ein Großteil der fünfhundert Einwohner arbeitet als Fischer. Sie fangen vor allem Langusten. Eine Handvoll Privatunterkünfte und ein Hotel versorgen die 1500 Touristen, die es im Jahr hierher verschlägt. Ilka Paulentz betrieb eine solche Unterkunft. In den Morgenstunden des 27. Februar 2010 verlor sie ihr Haus binnen Sekunden. Nach dem großen Erdbeben auf dem chilenischen Festland riss ein Welle, stellenweise fünfzehn Meter hoch, das halbe Dorf mit sich: Häuser, das Postamt, die Polizeistation. Von der Turnhalle ist nur noch der Fußboden zu sehen. Die chilenischen Behörden hatten es versäumt, eine Tsunami-Warnung zu der abgelegenen Insel zu schicken. Sechzehn Menschen starben auf Robinson Crusoe, jeder Bewohner hat Freunde oder Verwandte verloren.

          Ilka hatte großes Glück. „In der Nacht schlief ich fest und bemerkte den Tsunami erst, als das Wasser mein Schlafzimmerfenster durchbrach“, erzählt sie. Mitsamt ihrem Haus wurde Ilka von der ersten Welle fortgespült, konnte sich in der Bucht aus den Trümmern befreien und überlebte die zweite Welle, indem sie im Mut der Verzweiflung unter ihr hindurchtauchte. Inzwischen hat sie sich ein neues Haus gebaut - an derselben Stelle, an der das alte stand. Angst hat sie nicht. „Ich bin nicht hierhergekommen, um auf dem Hügel zu wohnen“, sagt sie.

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