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Unterwegs in Grönland : Zeit für eine Abkühlung

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Wo gewohnte Maßstäbe fehlen: Wie hoch die Eisberge in den Himmel ragen und wie weit die Landzunge entfernt liegt, ist in Grönland schwer zu ermessen. Bild: Nina Rehfeld

Das Labyrinth der Fjorde erforscht man am besten mit denen, die hier zu Hause sind. Auf Hundeschlitten mit Inuit-Jägern durch den Südosten Grönlands.

          „Gestern hätten Sie hier sein müssen“, sagt der dicke dänische Kioskverkäufer im winzigen Flughafen von Kulusuk, als wir bei windstillem Schönwetter im Südosten Grönlands ankommen. „Null Sicht, Achtzig-Stundenkilometer-Winde. Die Sirene war an.“ Die Sirene in Kulusuk, einem Dreihundert-Seelen-Dorf mit ein paar Dutzend bunten Holzhäusern am Angmassalik-Fjord, warnt vor dem Piteraq, einem Sturmwind, der vom Inlandeis aus die Ostküste erfasst und Geschwindigkeiten von bis zu 250 Stundenkilometern erreicht.

          Wir hatten versucht, gestern hier zu sein und waren auch schon fast da. Aber der Pilot unserer isländischen Maschine musste wegen des Piteraq den Landeanflug abbrechen und ins nur eineinhalb Flugstunden entfernte Reykjavik zurückkehren. Der einzige isländische Sicherheitsbeamte des Flughafens empfing uns mit freundlichem Grinsen. „Ich hab mal eine ganze Woche in Kulusuk festgesessen. Ist halt Grönland.“ Sogar die Wikinger sind an Grönland einst gescheitert, weil sie sich den dauernd wechselnden Bedingungen in dieser harschen Landschaft nicht anpassen konnten.

          Das Gefühl von Schutzlosigkeit ist überwältigend, als wir am nächsten Tag auf dem Hundeschlitten aus Kulusuk ausziehen, drei Zelte und Proviant für zehn Tage im Gepäck. Ringsherum erstreckt sich ein Labyrinth von Fjorden. Sie fassen schneebedeckte Gebirge ein. Im Frühling ist diese Landschaft ein Gebilde aus Schnee und Meereis, in dem Land und See ineinander übergehen wie der Horizont in den Himmel. Das nächste Dorf, Sermiligaq, liegt fünfzig Kilometer Luftlinie entfernt, dazwischen ist nichts, abgesehen von ein paar Polarfüchsen, Robben und dem einen oder anderen Eisbär. „Oupa“ ist denn hier auch das meistgehörte Wort, die Antwort auf viele Fragen: Kommt ein Sturm? Gibt’s hier Eisbären? Ist dort die Eisgrenze? Vielleicht.

          Kufenrinnen,Tatzenspuren

          Klassische Hundeschlitten-Ausflüge in diesen Breitengraden sind Sightseeing-Touren unter verschärften klimatischen Bedingungen. Aber dieser Trip ist sowohl für die Grönländer als auch für die veranstaltende X-Plore Group aus Barcelona eine Neuerung - ein gemeinsamer Jagdausflug von sechs Europäern und drei Inuit-Jägern aufs Eis, eine Begegnung mit dieser unwirtlichen Landschaft und den Menschen, die ihr seit Tausenden Jahren ihre spärlichen Reichtümer abtrotzen.

          Bald verlieren sich die Kufenrinnen und Tatzenspuren, denen wir aus dem Dorf hinaus aufs Eis folgen, die Hunde suchen sich ihren eigenen Weg. Mit schlackernden Zungen und wackelnden Schwänzen traben die Zwölfergespanne durch den Schnee, breitschultrig und beschwingt. Die Führung der Hunde beschränkt sich auf wenige Kommandos: Links, rechts, vorwärts und Stopp, aber eine klare Richtung ist in einer Landschaft, die gerade Linien verspottet, ebenso Nebensache wie andere Vorstellungen von Ordnung. Wenn sich die Gespanne ineinander verheddern, wird eben angehalten und entwirrt.

          In Fahrradgeschwindigkeit durchmessen wir eine Welt aus schroffen Bergen und Schnee-Ebenen, in der gewohnte Maßstäbe fehlen. Ob die Berge ringsrum ein paar hundert oder tausend Meter hoch sind, ob die nächste Landzunge einen Kilometer oder zehn entfernt liegt, ist schwer zu ermessen.

          Die Schlittenhunde sind nur halb domestiziert und selbst hervorragende Jäger.

          Die Ammassalimmiut schlossen als letztes der Inuitvölker erst 1884 Kontakt mit der westlichen Welt, als der dänische Polarforscher Gustav Holm hier auftauchte. Heute sind sie wie so viele indigene Völker halb zivilisiert. Sie leben von einer Rente der dänischen Regierung, wachsen mehrsprachig auf, wohnen in Häusern ohne fließendes Wasser, aber mit Flachbildfernsehern und Hello-Kitty-Spielzeug. Aber wie vor tausend Jahren gehen sie mit dem Hundeschlitten auf die Jagd nach Robben und Eisbären.

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