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Ungarn : Das "House of Terror" in Budapest

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Unter den zahlreichen Sehenswürdigkeiten der ungarischen Hauptstadt Budapest gehört das "House of Terror" zu den jüngsten. Es hat sich zur Aufgabe gemacht, die totalitäre Epoche des zwanzigsten Jahrhunderts aus der Perspektive eines unterworfenen Volkes aufzuarbeiten.

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          Straßen, hat Walter Benjamin geschrieben, gleichen den ausgestellten Erinnerungen einer Stadt. Daran gemessen, ist die Andrassy ut in Budapest eine Prachtstraße - von Kastanienbäumen gesäumt, führt der große Boulevard vom Umkreis von Stephansdom und Opernhaus bis zum Millenniumsdenkmal und dem Szechenyi Bad. Nur ein Haus stört die gleichförmige Schönheit der Fin-de-siecle-Fassaden. Eine schwarze meterbreite Metalleiste, die sich über die gesamte Quer- und Seitenfront des Hauses zieht, scheint das Gebäude geradezu aus seiner Umgebung herauszuschneiden. Vor dem Eingang wacht eine obskure Person in schwarzem Ledermantel, die jeden Ankömmling so düster anschaut, daß manche den Impuls verspüren mögen, gleich wieder abzudrehen. Wer dennoch Einlaß begehrt, erntet ein ausdrucksloses Kopfnicken, und wie von Geisterhand bewegt, öffnet sich die massige Holztür, und wir treten ein ins "House of Terror".

          Unter den zahlreichen Sehenswürdigkeiten der ungarischen Hauptstadt Budapest gehört das "House of Terror" zu den jüngsten. Wie das große "Museum der Okkupation" in Riga hat es sich zur Aufgabe gemacht, die totalitäre Epoche des zwanzigsten Jahrhunderts aus der Perspektive eines unterworfenen Volkes aufzuarbeiten und in ein neues Geschichtsbild einzufügen. Schon der Eintritt in das Museum, durch eine sich geisterhaft öffnende Tür und über eine Rampe in den Eingangsbereich irritiert den Besucher. Lubljanka-Atmosphäre herrscht im Gebäude, ein Eindruck, der durch die Gestaltung des Innenhofes noch verstärkt wird. Wie ein Artefakt aus einer anderen Welt beherrscht ein furchterregender und auf einer schwarzen Plattform aufgestellter russischer Panzer den Innenraum. Inmitten einer Öllache und vor einer zehn Meter hohen Wandtapete mit vielen hundert Porträtbildern, repräsentiert er den machtpolitischen Hintergrund jenes Terrors, dem nach dem Zweiten Weltkrieg fast zehn Prozent der ungarischen Bevölkerung zum Opfer fielen.

          Ein Gebäude wie ein Ungeheuer

          Schon der erste Raum verdeutlicht die multimediale und stark emotionalisierte Konzeption des Museums. Auf einem großen, endlos laufenden Monitor verändern sich die Grenzen Europas im zwanzigsten Jahrhundert wie eine Art geostrategisches Protoplasma im Sekundentakt. Das imponierende Territorium des ungarischen Reichsteiles der k. u. k. Monarchie vor dem Ersten Weltkrieg prangt als Großungarn auf dem Bildschirm, dann schrumpft das Land schon Augenblicke später nach dem Frieden von Trianon auf ein Drittel seines Umfanges zusammen. Anschließend expandiert im Westen das Dritte Reich, eine großes schwarzes Gebilde, das wie ein gefräßiges Ungeheuer nacheinander Österreich, die Tschechei, Polen und Frankreich schluckt, während Ungarn als Verbündeter dieses nationalsozialistischen Gebildes im Zweiten Weltkrieg wieder größer wird. Dann beginnt sich der ganze Bildschirm zum Rhythmus einer furchterregenden Musik rot einzufärben: Die Rote Armee rückt von Osten heran und besetzt Osteuropa und Ungarn.

          Was diese sowjetische Besetzung für Osteuropa bedeutete, verdeutlicht ein weiterer Saal. Ausgelegt mit einem Landkartenteppich des russischen Machtbereiches und beschallt mit einer Musikcollage aus Schostakowitsch und Ligeti, sieht man sich zehn umgekehrt auf dem Teppich befestigten konischen Lampen gegenüber, die die großen sowjetischen GULags darstellen, in denen zwischen dem Weißen Meer und Magadan in der Stalinzeit weit über zehn Millionen Menschen aus alles Teilen Eurasiens umkamen. Auf acht Leinwänden, die auf beiden Seiten des großen Raumes synchron zur Musik geschaltet sind, berichten Opfer von ihren Leiden. Parallel zu ihren Erzählungen, für die niemand eine Übersetzung benötigt, sieht man Eisfelder, hört eine Leichenrede, sieht wieder Lagereingänge, Stacheldraht und Stollen, das Bühnenbild des Todes im GULag.

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