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Tunesien : Das ganze Land schmeckt wie eine Dattel

  • -Aktualisiert am

Die Sonne legt sich über den Chott el Djerid Bild: AFP

Salz, Sand und die lautlosen Weiten der Wüste: Auf der Suche nach dem Orient im Süden Tunesiens, am großen Chott el Djerid und am „Tor zur Sahara“.

          7 Min.

          Es hatte noch geregnet im Winter und Frühjahr, doch im Sommer war alles Wasser fort, und im Herbst wollte kein neues kommen. Die Sonne strahlte, das Land schwitzte, der Schweiß verdunstete und stieg zum Himmel. Zurück blieb eine Salzkruste, eine glänzende Fläche von gewaltigem Ausmaß, fast achttausend Quadratkilometer groß, ein Spiegel von beinahe zweihundert Kilometern Länge, hingestreckt vom Mittelmeer quer durch das gesamte Land bis hin zur Grenze nach Algerien: der Chott el Djerid, der zusammen mit dem Chott el Fejaj den größten Salzsee der Sahara bildet, eine Senke, aus der kein Tropfen entweicht, es sei denn, er wählt den Luftweg. Zurück bleiben die Kristalle, zu schwer, um zu verdunsten, dafür von einer Leuchtkraft, die einer ganzen Region Farbe gibt.

          Der Chott el Djerid leuchtet nach Kräften. Doch es sind nur wenige, die an diesem Tag Sinn für seinen Farbenzauber haben. Die Fahrer der über den Damm rollenden Wagen haben es erkennbar eilig. Nicht viel können sie offenbar dem Licht abgewinnen, in dessen Glanz der Himmel gleich doppelt erleuchtet scheint. Es ist ein beeindruckendes Schauspiel, an dem die meisten Wagen achtlos vorbeirauschen. Die Fahrer, lässt das Tempo vermuten, haben dieses Licht schon zahllose Male gesehen. Achtlos durchqueren sie den stillen See, sicher gelotst über die großzügig ausgebaute Dammstraße, die seit einem Vierteljahrhundert die bröckelige Piste aus der Kolonialzeit ersetzt und auf der jetzt die Moderne an den Rand der Sahara rollt - eine Moderne, die auch das Bewusstsein von der Knappheit der Zeit in die Region brachte.

          In einem Meer der Stille

          Eine Stunde kann man sich immerhin noch nehmen für die Durchquerung des Chott el Djerid, eine ausgesprochen romantische Stunde, die allerdings auch ahnen lässt, warum es die einheimischen Passanten so eilig haben: So viel Ruhe lässt sich auf Dauer schwer ertragen. Abseits der Küstenregionen ist Tunesien ein einsames Terrain, nicht nur im Chott el Djerid. Kleine Landstädtchen wie Tataouine, Matmata, El Hamma sind kaum mehr als Flecken in einem Meer der Stille, einem trockenen Meer aus Sand, Ton und Fels. Das Land ist schweigsame Weite, die sich manchmal zu ruppigen Bergketten staut und manchmal ausrollt in endlosen Ebenen. Eine grandiose Landschaft, das ja, aber keine Kulturlandschaft. Nur da und dort hat es sich gelohnt, Hand anzulegen, denn meistens verweigert sich der Boden seiner Kultivierung, lässt sich kaum etwas abringen.

          Bild: F.A.Z.

          Freigebig ist er nur an ausgewählten Orten, der Rest ist Weg, Strecke, Distanz, auch im Zeitalter des Autos nur mit einigem Aufwand zurückzulegen. Selbst als Besucher ist man am Ende froh, wenn man der Stille glücklich entronnen ist und Douz am östlichen Rand des Chott el Djerid erreicht. Douz, „das Tor zur Sahara“, so nennt sich die Stadt, und das mit einigem Recht. Denn Douz grenzt tatsächlich direkt an die Sahara, Stadt und Sand trennt hier nichts als eine schlichte Steinmauer. Es ist fast schon komisch: Ein kleiner Sprung nur, und man ist in der großen Wüste, hat den Beton hinter sich gelassen und tritt in den Sand, der sich von hier aus ein paar tausend Kilometer in fast alle Richtungen schiebt.

          Die Wüste lebt

          Doch zumindest an ihren Rändern ist die Wüste noch längst nicht Wüste, jedenfalls nicht im metaphysischen Sinn. Bevor man, einem gängigen Topos der Sahara-Literatur folgend, in den sandigen Weiten zu sich selbst findet, muss man erst einmal die Scharen von Kameltreibern hinter sich gelassen haben, die sich hier mit den Touristen tagtäglich zum großen Narrenspiel namens Sahara-Romantik verabreden. Und die steht bei den meisten Besuchern hoch im Kurs: An den Füßen mögen noch Turnschuhe oder Badeschlappen hervorlugen, doch über alles andere hat sich ein weißblau gestreiftes Beduinengewand gelegt, aus dem nun ein verkleideteter Westmensch hervorschaut. Das sieht einigermaßen gewöhnungsbedürftig aus, aber weil fast alle das Kostüm anlegen, fällt es bald nicht weiter auf. So hilft der Vater der Mutter aufs Kamel, und los geht es in gemächlichem Schritt der Wüste entgegen, hinaus zu Freiheit und Abenteuer.

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