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Karen Krüger (kkr)

Türkei : Getürkt

  • -Aktualisiert am

Schöner Schein: In Antalya ist nur selten etwas von den Problemen zu merken, die die Türkei immer wieder ins Wanken bringen. Bild: dpa

Die Türkei zählt zu den beliebtesten Reisezielen der Deutschen. Wie trügerisch das Urlaubsparadies ist, hat einmal mehr der Tod der drei Jugendlichen aus Lübeck gezeigt.

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          Antalya, Alanya, Kemer, Side, Marmaris, Bodrum - die Türkei ist wunderschön. Solange man als Urlauber an diesen Orten bleibt, kann einem nichts passieren. Man ist weit weg von den Schattenseiten des Landes, muss sich nicht mit Armut, Kopftuchstreit, Terrorismus und all den anderen Problemen auseinandersetzen, die das Land ins Wanken bringen. Nirgendwo sonst in der Türkei ist die Infrastruktur besser entwickelt als in den Urlaubsorten, nirgendwo sonst sind die Straßen so schön gepflastert und blank geputzt wie an den Uferpromenaden entlang der Hotels. Und nirgendwo sonst kann man sich als Frau freizügiger bewegen. Die türkische Ägäis ist ein Urlaubsparadies, geschaffen, um den ausländischen Besuchern und den Gästen aus der türkischen Oberschicht zu gefallen. Dass im Rest des Landes ganz andere Gesetze herrschen, davon bekommen die Touristen nur ganz selten etwas mit.

          Groß war deshalb der Schrecken unter den Touristen, als im August 2006 in Antalya und Marmaris Bomben der PKK explodierten und mehrere Menschen getötet wurden. Mit Unverständnis registrierten sie auch, dass das Gericht in Antalya, vor dem sich der Deutsche Marco W. wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs im Sommer 2007 verantworten musste, das Verfahren mit fadenscheinigen Begründungen immer weiter in die Länge zog. Für Türken dagegen gehören sowohl die Bedrohung durch den Terrorismus als auch die Willkür der Justiz längst zum Alltag. Mit dem Tod der drei Lübecker Schüler, die sterben mussten, weil ihnen in ihrem Hotel im Badeort Kemer gepanschter Wodka verkauft wurde, ist jetzt die türkische Wirklichkeit mit schrecklicher Konsequenz in die scheinbar unantastbare Urlaubswelt hereingebrochen.

          Gepantschter Alkohol für die Hälfte

          Seit Jahren machen immer wieder Fälle von gepanschtem Schnaps Schlagzeilen in der türkischen Presse. Sechzig bis siebzig Prozent der hochprozentigen Getränke in den Küstengebieten sollen nach Angaben des Verbandes türkischer Spirituosenhersteller aus illegalen Quellen stammen: gepanscht oder geschmuggelt, oft auch beides. Vor allem der Anisschnaps Raki wird in den Küchen der Schwarzbrenner gebraut. Denn für viele Türken ist der legal hergestellte, fünfundvierzigprozentige Raki unerschwinglich - eine Flasche kostet umgerechnet zwischen zwölf und zwanzig Euro, der gepantschte Alkohol ist dagegen für die Hälfte zu haben.

          Der hohe Preis hat mit dem Alkoholgehalt des Raki zu tun. Denn je mehr Volumenprozent ein Getränk hat, desto höher sind die Steuern, mit denen der türkische Staat es belegt. Unter der konservativ-religiösen Regierung von Ministerpräsident Erdogan, der selbst nie Alkohol trinkt und dies gerne auch von seinem Volk behaupten würde, wurden die Steuersätze noch erhöht. Bis zum Jahr 2002 war die Produktion von Raki in staatlicher Hand, den Schwarzbrennern sollte so das Handwerk gelegt werden. Dass die Auflösung des Monopols zumindest in dieser Hinsicht ein Fehler war, zeigte sich schon zwei Jahre später: Aus der Raki-Fabrik des Herstellers "Yeni Raki" wurden damals fünfhunderttausend Etiketten-Hologramme gestohlen, mit denen auf Flaschen die Echtheit des Schnapses garantiert werden sollte. Fünf Millionen Flaschen Raki zog man daraufhin zur Sicherheit aus dem Handel. In den Meyhanes, wie die Raki-Restaurants genannt werden, beschäftigen die Besitzer sogar Vorkoster, die den ersten Schluck aus jeder neu geöffneten Flasche nehmen.

          Vertreibung aus dem Paradies

          Inzwischen soll ein vermeintlich fälschungssicherer Plastikverschluss die Echtheit des Raki garantieren. Dennoch gibt es keinen Türken, der nicht erst den Verschluss kontrolliert, bevor er sich ein Glas einschenkt. Alle Urlauber müssten das auch tun, doch es wird ihnen in den Ferienorten nicht empfohlen. Denn das käme einer Vertreibung aus dem Paradies gleich.

          Karen Krüger
          Redakteurin im Feuilleton.

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