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Triest : Vom Leben in Cafés und zwischen Buchdeckeln

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In Triest arbeiteten die Außenseiter der Literatur, deren Ruhm auf sich warten ließ, James Joyce etwa, Italo Svevo und Umberto Saba. Eine Spurensuche.

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          Die Signora in der Pasticceria Pirona ist sich der Bedeutung ihres Wirkens bewusst. Mit der Miene eines Priesters, der die Hostie verteilt, reicht sie Windbeutel über den Tresen der alten Jugendstil-Konditorei. Draußen fegt der Wind an diesem Sonntagmorgen graue Wolken zum Meer hinab. Drinnen umklammern zwei britische Studenten andächtig ihre Cappuccino-Tassen. "Ja, er hat dort drüben über der Apotheke gewohnt und ist oft hierhergekommen", erklärt ihnen die Verkäuferin. Dann spricht sie seinen Namen aus wie eine Liebkosung, die Vokale langgezogen, die Konsonanten wie mit Sahne umhüllt: "Jaames Joooyce! Ein großer Dichter! Mit einer großen Vorliebe für Süßes."

          Triest, die Hafenstadt an der Adria, am äußersten Ende Italiens und mitten in Europa gelegen, ist eine Metropole der Dichter, aber sie macht kein großes Aufhebens darum. Nur wer gezielt sucht, wird die gelben, orange- oder rosafarbenen Täfelchen an den Hauswänden bemerken, die wie mit einem leisen Flüstern Geschichten erzählen: Hier wohnte im Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg James Jocye, der sich und seine kleine Familie nur mühsam als Englischlehrer durchbrachte und dessen Frau in dem zugigen Logis Depressionen bekam. Dort wurde Italo Svevo geboren, Kaufmann und verkannter Schriftsteller, der im entlegenen, damals noch habsburgischen Triest die literarische Moderne Italiens mit auf den Weg brachte. Und da drüben schrieb Umberto Saba seinen Canzoniere, einen der schönsten Gedichtzyklen der italienischen Sprache, den er 1921 trotzig im Eigenverlag veröffentlichte. In Triest arbeiteten die Außenseiter.

          Menschen mit Bodenhaftung

          Bis zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts hatte die bürgerliche Provinzmetropole des k. u. k. Reiches nicht gerade durch ihre Dichter auf sich aufmerksam gemacht. Dann aber entstanden plötzlich aufregende Werke, die zerrissene moderne Menschen zum Thema hatten. Triest hatte auf einmal eine eigene Literatur, und man merkt ihr an, dass sie inmitten eines italienisch-österreichisch-slowenischen Völkergemischs entstanden ist, in einer Stadt, in der Menschen mit Bodenhaftung bei Versicherungen und Banken arbeiten und in der das Meer so verwirrend nah an die Piazza heranbraust, als wolle es diese ganze nüchterne Geschäftigkeit in die große blaue Weite hinausziehen.

          Triest ist keine Stadt, die sich dem Besucher an die Brust wirft. Man muss die Atmosphäre vergangener Größe mögen und darf kalten Wind nicht scheuen, man muss es lieben, an verregneten Tagen mit Büchern in Kaffeehäusern zu sitzen und auf einen Silberstreif über dem Meer zu warten. Im Tergesteo etwa, dieser einzigartigen Institution im Herzen der Stadt, kann man so Stunden verbringen. In dem klassizistischen Gebäude mit seiner Einkaufsgalerie und der verglasten Bar traf sich einst die Geschäftswelt, um bei Kaffee und Zigarren handelseinig zu werden.

          Auch Ettore Schmitz, der einer deutsch-jüdisch-italienischen Familie entstammte und unter dem Namen Italo Svevo publizierte, kam hierher, nachdem er durch seine Heirat zum Herrscher über ein kleines Lackfabriken-Imperium geworden war. Neben Verträgen studierte der heimlich schriftstellernde Kaufmann die Menschen, ihre Rivalitäten, ihren Ehrgeiz, ihre Aufstiegsträume. Svevos Helden sind anders als die schönen stolzen Heroen, die die italienische Literatur bis dahin bevölkerten. Seine Gestalten sind lebensunfähig, unbeweglich und kommen mit den Zwängen der neuen kapitalistisch organisierten Gesellschaft und der modernen Arbeitswelt nicht zurecht.

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