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Tel Aviv : Ein Tag am Meer

  • -Aktualisiert am

Der Strand: Ramallah ist nur eine Stunde vom Strand in Tel Aviv entfernt Bild:

Für ein kleines bisschen Reisefreiheit: Eine Israelin schmuggelt Palästinenserinnen aus dem Westjordanland - auf eigene Gefahr. Die Fahrt der Frauen ist eine Reise, die für alle im Gefängnis enden kann. Die Angst fährt immer mit.

          6 Min.

          Die letzten Fotos zeigen sie ungefähr zwei Stunden nach dem Ausflug zum Flohmarkt, rennend in der Dunkelheit am Banana Beach von Tel Aviv. Sie wollten nicht mal für eine Minute stoppen, um zu essen oder zu trinken oder auch nur ein bisschen zu entspannen. Stattdessen zogen sie sofort ihre Sandalen aus, rollten ihre Hosen hoch und rannten ins Wasser. Und rannten und rannten, vor und zurück, zickzack, entlang des langen Strandes, ihre Pferdeschwänze flatterten im Wind. Von Zeit zu Zeit knieten sie sich in den Sand, um ein Foto zu machen.

          Mit diesen Worten berichtete Ilana Hammerman im Mai vergangenen Jahres in der israelischen Tageszeitung „Ha’aretz“ erstmals von einer gefährlichen Reise. Denn die Frauen, die sie beschreibt, sind illegal in Tel Aviv. Es sind Palästinenserinnen, aus dem Westjordanland geschmuggelt von der Israelin Ilana Hammerman, für eine kleine Flucht aus dem Alltag.

          Aya, Lin und Yasmin sind zum ersten Mal in Tel Aviv, dieser pulsierenden, immer wachen Stadt, magnetisch für Touristen und Partywillige, mit Boulevards, Cafés, Strandbars und Flirtgelegenheiten. Sie sind das erste Mal am Meer, obwohl sie nur eine gute Autostunde entfernt leben. Aya, Lin und Yasmin sind Palästinenserinnen. Und Tel Aviv ist für sie verbotenes Territorium.

          Am Meer

          Verbotenes Land

          Die Fahrt der Frauen ist eine Reise, die für alle im Gefängnis enden kann. Ilana Hammerman bricht die Gesetze und spricht darüber; sie will, dass die Besatzung des Westjordanlands öffentlich diskutiert wird. Am großen Fenster ihres Wohnzimmers serviert sie geschälte Orangen, Erdbeeren, Rotwein und Kaffee. Ihre direkte und offene Art unterstreicht ihren Willen, sich nicht einschüchtern zu lassen. Als das Haus, in dem Ilana Hammerman im Jerusalemer Stadtteil Bet Hakerem wohnt, 2005 gebaut wurde, arbeiteten dort auch palästinensische Handwerker. Sie erklärten ihre Wohnorte, indem sie Namen jüdischer Siedlungen im Westjordanland nannten. Hammerman kannte die Namen der arabischen Dörfer, nicht aber die Namen der Siedlungen. Zeitgleich forderte die Lokalzeitung auf, illegale Arbeiter aus den palästinensischen Gebieten anzuzeigen. Ilana Hammerman schrieb der Zeitung einen Brief: Sie würde diese Handwerker einladen, bei ihr zu duschen und zu schlafen; sie müssten schließlich ihre Familie ernähren.

          Ihr Brief wurde nicht gedruckt

          „Wie die meisten Israelis sprach ich kein Arabisch, obwohl wir von arabischen Ländern umgeben sind“, sagt Ilana Hammerman. In einem palästinensischen Dorf zwischen Jerusalem und Hebron begann sie, bei der Frau eines Handwerkers Arabisch zu lernen. Sie wollte für den Unterricht zahlen, die Frau lehnte ab: „Entweder wir sind Freunde oder ich unterrichte nicht.“ Hammerman kommt fast jede Woche, „ich bin dort zu Hause, ich habe eine riesige Familie“.

          So wie Israel für Palästinenser verboten ist, sind für Israelis Teile des Westjordanlands verboten. Das Westjordanland ist in Zone A, B und C aufgeteilt. Zone A untersteht der palästinensischen Autonomiebehörde, B fällt unter palästinensische und israelische Zuständigkeit, und C kontrollieren die Israelis, etwa sechzig Prozent des Westjordanlands. Dass es in Ramallah einen Bauboom gibt, dass in Bethlehem Frauen und Männer zu arabischem Techno die Nacht vertanzen, dass Bars palästinensisches Bier servieren, wissen nur wenige. 1967 besetzte Israel das Westjordanland im Sechs-Tage-Krieg. „Die meisten, die nach 1967 geboren sind, kennen das Westjordanland nicht“, sagt Ilana Hammerman. Die Israelis, die den Palästinensern begegnen, sind Soldaten, an den Checkpoints nach Pässen fragend, woher kommt man, wohin will man. Umgekehrt wollen viele Israelis auf keinen Fall ins Westjordanland, auch nicht mit geführten Touren: Manchen reicht, dass sie im Armeedienst dort waren, andere haben schlicht Angst. Hammerman weiß: „Für die Palästinenserinnen bin ich die erste Jüdin, die keine Soldatin ist.“

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