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Tauchgang : Eine Grabkammer am Grund des Roten Meers

  • -Aktualisiert am

Ende einer Dienstfahrt: Geländewagen im Frachtraum der „Thistlegorm” Bild: Bernd Kregel

Im Golf von Suez vor Ägyptens Küste liegt die „Thistlegorm“, ein versenktes, britisches Kriegsschiff aus dem zweiten Weltkrieg, und dient Tauchern aus aller Welt als Ausflugsziel. Interesse für die Umstände des Untergangs ermöglicht einen anderen Blick auf das Wrack.

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          Reglos und Ehrfurcht gebietend liegt sie im Sand wie eine Sphinx in der Wüste. Doch das ist sie nicht. Die „Thistlegorm“ ist bloß ein Schiffswrack auf sandigem Meeresgrund. Bloß das? Nein, ein wenig mehr ist sie schon; eine Art Geschichtsmuseum, das eine Zeitreise in die Wirren des Zweiten Weltkrieges ermöglicht: in die heiße Phase des Nordafrika-Feldzuges mit den Kontrahenten Rommel und Montgomery.

          Im Golf von Suez in dreißig Meter Tiefe hat der britische Frachter in aufrechter Position seine letzte Ruhe gefunden. Bis zum Oberdeck mit drei offenen Ladeluken sind es sogar nur fünfzehn Meter. Wie ein Pelz überziehen Korallen und Anemonen die stählernen Aufbauten und die auf dem Deck freistehenden Eisenbahnwaggons. Fledermausfische und grimmige Zackenbarsche haben von diesem künstlichen Riff Besitz ergriffen.

          Ein Wrack vor Anker?

          Auffallend am Bug sind zwei mächtige Ankerwinden. Seltsam aber, oben an der Bugwand hängt kein Steuerbordanker. Stattdessen führt seine schwere Ankerkette am Bug vorbei in die Tiefe und verschwindet im sandigen Untergrund. Ein Wrack vor Anker? Dafür muss es eine Erklärung geben.

          Die Spur führt zurück ins Jahr 1941. Die „Thistlegorm“, voll beladen mit Nachschub für Montgomerys Truppen, ist unterwegs im Roten Meer. Dringend wird sie in Alexandria erwartet für die britische Großoffensive „Operation Crusader“ gegen Rommels Afrikakorps. Im Suezkanal jedoch blockiert ein Schiffswrack die Fahrrinne. Die „Thistlegorm“ muss im Schutz ihres Konvois im Golf von Suez vor Anker gehen.

          Überraschungsangriff

          Tage verstreichen. Es ist die Nacht des 6. Oktober 1941. Zwei deutsche Jagdbomber sind unterwegs im Luftraum über dem Roten Meer. Ihr Auftrag: die „Queen Mary“ zu versenken, den wichtigsten Truppentransporter der Alliierten. Doch das Schiff entwischt. Da entdecken sie im Mondlicht den vor Anker liegenden Konvoi britischer Schiffe. Eine unverhoffte und willkommene Gelegenheit zum Angriff. Das größte der Schiffe passt genau in das Beuteschema der Jäger. Im Tiefflug werden zwei für die „Queen Mary“ bestimmte Spezialbomben auf die „Thistlegorm“ abgeworfen.

          Sie schlagen ein hinter der Brücke auf der Höhe des vierten Laderaums. Ausgerechnet dort lagert kistenweise Munition. Im Blitzlichtgewitter der Detonationen zerbirst das Schiff an der Einschlagsstelle in zwei Teile. Wie Blei versinkt es in den dunklen Fluten und reißt neun Seeleute mit in den Tod.

          Vier Jahrzehnte Ruhe

          Nach dem Krieg entdeckt Jacques Cousteau das Grab der „Thistlegorm“ auf einer der „Calypso“-Expeditionen. Über den genauen Fundort schweigt er sich aus. So versinkt die „Thistlegorm“ fast vier Jahrzehnte lang in Dornröschenschlaf. Erst 1991 gelingt es deutschen Sporttauchern, ihr Grab wieder ausfindig zu machen. Seitdem gehört „das größte betauchbare Schiffswrack aller Zeiten“ Tauchern aus aller Welt.

          Ein erster Tauchgang führt vom Bug aus an der Backbordseite entlang zu der klaffenden Wunde, die beide Schiffsteile mehr als zehn Meter voneinander trennt. Hier liegen, durch die Wucht der Detonationen über eine weite Fläche verstreut, Trümmerteile und umgestürzte Panzerfahrzeuge. Fast außerhalb der Sichtweite, in Umrissen nur erkennbar, eine über Bord geschleuderte Dampflokomotive, gespenstisch aufrecht, wie zur Abfahrt bereit.

          Hinab in die Laderäume

          Mit mächtiger Schraube und intaktem Ruder liegt das abgesprengte Heckteil nach Backbord geneigt im Sand. Auf dem Oberdeck zeichnen sich Konturen einer Luftabwehrkanone ab. Ihr Rohr ist jetzt nach unten gerichtet - gleichsam eine Geste der Trauer über die eigene Ohnmacht bei dem Überraschungsangriff in jener dramatischen Nacht.

          Entdeckermut führt beim zweiten Tauchgang hinab in die Laderäume. Was sich dort im Lichtkegel der Taucherlampen ausbreitet, ähnelt der verschwenderischen Fülle eines Pharaonengrabs. Dabei geht es hier nicht um vergoldete Beigaben fürs Jenseits, sondern um praktische Ausrüstungen für den Krieg: Uniformen und Stiefel, Kisten voller Gewehre, Feldbetten, tragbare Generatoren, Granaten für schweres Geschütz und Reservereifen jeder Größe bis hin zu Flugzeugtragflächen und -motoren.

          Doch tief unten im Schiffsbauch verbirgt sich noch eine zweite Ebene von Laderäumen mit neuen Überraschungen. Dicht an dicht parken hier Bedford-Lastkraftwagen, auf den Ladeflächen Wüstenmotorräder in Reih und Glied festgezurrt. In erstaunlich gutem Zustand scheinen sie immer noch darauf zu warten, entladen zu werden.

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