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Stationen : Westfalen und der Wilde Westen

  • -Aktualisiert am

Auf den Burgzinnen von Elisabet Neys Haus in Austin flattern der "Lone Star" von Texas und die blauweißen bayerischen Rauten an derselben Fahnenstange. Drinnen, in den hohen Atelierräumen mit den unverputzten Wänden treten dem Besucher nicht nur die Gründerväter des amerikanischen Staates, Samuel Houston und Stephen F. Austin, in Lebensgröße und mit der Flinte im Arm entgegen, sondern auch der Bayernkönig Ludwig II., unbewaffnet.

          Auf den Burgzinnen von Elisabet Neys Haus in Austin flattern der "Lone Star" von Texas und die blauweißen bayerischen Rauten an derselben Fahnenstange. Drinnen, in den hohen Atelierräumen mit den unverputzten Wänden treten dem Besucher nicht nur die Gründerväter des amerikanischen Staates, Samuel Houston und Stephen F. Austin, in Lebensgröße und mit der Flinte im Arm entgegen, sondern auch der Bayernkönig Ludwig II., unbewaffnet und visionär ausschreitend.

          Die Bildhauerin Elisabet Ney hat sie alle in Marmor gemetzt; die Amerikaner und die alten Europäer: Bismarck, Garibaldi, Schopenhauer, Cosima Wagner und Jacob Grimm. Ihre Heimatstadt Münster richtet ihr gerade zum 175. Geburtstag eine Ausstellung im Stadtmuseum aus, aber in Texas, dessen Bürgerin sie siebenundvierzig Jahre lang war, ist sie dauerhaft vertreten: Die Herren Houston und Austin bewachen die Vorhalle des Kapitols der texanischen Hauptstadt, und im Vorort Hyde Park liegt ihr Atelier, eine architektonische Caprice aus Tempel, Ritterburg und Grenzfestung - heute ein Museum.

          Die Künstlerin auf dem Dach

          Man klinkt das eiserne Törchen auf und watet durch struppiges Gras zum Eingang unter dem griechischen Portikus. Hinter der Tür sitzt ein Mädchen mit verknoteten Beinen über einen niedrigen Tisch gebeugt und liest. Sonst ist niemand da. Zwischen weißen Büsten, Medaillons und Statuen hängt das Foto einer jungen Frau im gegürteten Handwerkerkittel mit unerhört kurzen Haaren. Eine spindelige Leiter führt in den Turm hinauf. In der Sommerhitze - Austin liegt auf demselben Breitengrad wie Kairo - schlief die Künstlerin auf dem Dach unter einer aufgespannten Plane.

          Ney hat in ihrem Leben viele widerstrebende Züge unter einen Hut gebracht, wenn auch unter einen ziemlich extravaganten: Westfalen und der Wilde Westen, die Residenz des bayerischen Königs in München und eine Farm in Texas, ihre Karriere als Bildhauerin und eine Existenz als Feministin, Frau eines Philosophen und Mutter eines Tunichtguts, den sie zum idealen Menschen erziehen wollte. Ihr Atelier war die Keimzelle, aus der sich eine Gesellschaft von Förderern der schönen Künste entwickelte. Sarah Bernhardt und Enrico Caruso machten Miss Ney hier ihre Aufwartung.

          Das Haus in der Prärie

          Vor hundert Jahren lag das Haus weit vom Stadtzentrum entfernt auf einer Prärie, die ein Unternehmer namens Shipe in Baugrundstücke parzelliert und mit seiner eigenen Trambahn erschlossen hatte. Er nannte die Gegend Hyde Park, baute sich ein tolles Haus und spekulierte auf gutsituierte Nachbarn. Zuvor waren hier das Messegelände, die Pferderennbahn und der Standort der staatlichen Irrenanstalt. Als die 1861 die ersten Patienten aufnahm, sollen die letzten Indianer abgezogen sein.

          Elisabet Ney ließ sich 1892 in Hyde Park nieder und sprengte mit ihrer gemauerten Klause die baulichen Vorgaben, die das Viertel heute zu einem der entzückendsten und architektonisch interessantesten von Austin machen: ein "Elite Suburb", dessen Straßenraster von Ulmen und immergrünen Eichen beschattet wird. Die Häuser tragen umlaufende Veranden auf gedrechselten Säulen, weiße Holzschindeln, Dachkränze, Geländer und Verstrebungen wie aus Häkelspitze. Korbstühle unter Vordächern, Palmen und Magnolien sprechen von einem anderen Lebensgefühl, als es sich heute in geschlossenen, von Klimaanlagen heruntergekühlten Innenräumen einstellt.

          Im Licht des Mondscheinturms

          Beleuchtet wurde die Elite damals von starken Bogenlampen, die gebündelt auf die Spitze eines vierzig Meter hohen filigranen gusseisernen "Mondscheinturms" montiert waren und einen Kreis von hundert Metern Durchmesser fluteten; eine Maßnahme, die nicht bei allen Bewohnern gleich gut ankam. Gärtner im Zentrum fürchteten, ihr Kohl werde Tag und Nacht wachsen, während die am Rand ihr Haustürschloss nicht fanden.

          In den zwanziger Jahren, als in Hyde Park auch nicht mehr ganz so feine Leute als Bauherren zugelassen waren, entstanden ganze Karrees aus hölzernen Bungalows - sachlicher als die viktorianischen Tortenstücke, mit Satteldächern und niedrigen breiten Fronten, aber jeder mit seinem persönlichen kleinen Spleen wie etwa einem aus Flusswacken gemauerten Kamin, japanischen Steinlaternen, runden Fenstern oder kunstvollen Dachstützen.

          Inzwischen sind Leute ins Viertel gezogen, die die alten Schachteln wert- schätzen. Ihr Sinn für Schönheit befindet sich im Einklang mit dem von Elisabet Ney, die glaubte, die Kunst habe die Aufgabe, den Betrachter zu erleuchten - wie der Mondscheinturm die Elite von Hyde Park.

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