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Stationen : Neue Wirtschaft in der Wüste

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Die Manager des "Four Seasons Resort" in Sharm el Sheikh haben es wohlweislich vermieden, von der Spiritualität der Wüste zu reden.

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          Die Manager des "Four Seasons Resort" in Sharm el Sheikh, der ägyptischen Urlaubsoase am Roten Meer, haben es wohlweislich vermieden, von der Spiritualität der Wüste, ihrer Wind-Sand-Sterne- und-Feuer-Einsamkeit oder von ähnlichen verblichenen Mythen zu reden. Sie haben gesagt, was Sache ist: Der Besuch von Beduinendörfern und Oasen zähle zum Unterhaltungsprogramm des Hotels, ist eine pauschalierte Gaudi sozusagen, eine Abwechslung vom gepflegten Nichtstun im Hotel. Die Fahrt zur Oase Ain Khudra beispielsweise werde durch dramatische Landschaftsformationen führen, aber eine Tagesreise mit ethnologischen, sozialen oder politischen Erklärungen sei nicht zu erwarten. Die Beduinen werde der Fremde als clevere Geschäftsleute erleben. Er wollte es aber nicht glauben, weil angelesene Bilder von edlen Wilden in seinem Kopf spukten.

          An der Straße, nur ein paar Kilometer außerhalb von Sharm el Sheikh, zeigen die ersten Schilder, auf denen "Bedouins" oder "Bedouins dinner" steht, den Weg in Richtung "new economy" der ehemaligen Ritter der Sinaiwüsten. In küstennahen, neu errichteten Dörfern verkaufen sie für ein Linsengericht einen Abklatsch ihres Lebens und ihrer Kultur. Das ist so gewollt von der ägyptischen Regierung, ist Teil eines touristischen Masterplans, der die Halbnomaden zur Seßhaftigkeit zwingt. So sind sie besser zu kontrollieren.

          Mit Ziegen von Oase zu Oase

          Der vierradgetriebene Landrover biegt von der asphaltierten Hauptstraße ins Wadi Ghazalla ab, in dem man schnell entdeckt, warum der britische Forschungsreisende Wilfred Thesinger in seinem Buch "Die Brunnen der Wüste" einen nostalgischen Abgesang auf die Wüste und die Beduinen geschrieben hat: "Heute ist die Wüste . . . von den Spuren der Lastwagen gekerbt und von den Abfällen der Importe . . . übersät. Nun vertreibt man sie aus der Wüste in die Städte, in denen man für die Tugenden, die sie einst zum Herrenvolk machten, keine Verwendung mehr hat."

          In der Oase Ain Khudra, im Schatten von Dattelhainen, wo frisches Quellwasser fließt und die rostroten, von der Erosion zerfressenen Gebirgszüge einen Kessel bilden, leben jetzt ständig etwa dreißig Männer, Frauen und Kinder. Seit mehr als zwei Jahren haben die Beduinen gelernt, wie sie mit den Touristen schnell und leicht Geld verdienen können, Geld, das sie früher als Halbnomaden nie gebraucht hatten, damals, als sie mit ihren Kamel- und Ziegenherden durch den südlichen Sinai wanderten, von Oase zu Oase.

          Jeden Tag, sagt unser Führer E Tiwy, selbst ein Beduine, steuert inzwischen ein halbes Dutzend Jeeps die Oase an, um unter dem Palmstrohdach eines offenen Gästehauses und gegen gutes Entgelt süßen Tee zu schlürfen und vorbestellte Beduinenkost zu verzehren. Szenen, die wie aus der Bibel geschnitten scheinen, müssen allerdings extra bezahlt werden - etwa das für die Fremden gestellte Motiv: "Schwarz verschleierte Frau bäckt auf einem gewölbten Tonnendeckel über dem offenen Feuer Brotfladen." Es kostete fünfzig ägyptische Pfund, etwa acht Euro. Neben dem Feuer stehen ein hüfthoher Spülstein und eine Flasche Ariel. Verstreute Abfälle zeigen, daß der Supermarkt auch die Wüste erobert hat. In Ain Khudra, wo die schwarzen Zelte der Beduinen einem halben Dutzend Häuschen aus Hohlblockstein weichen mußten, hat inzwischen auch der Pick-up das Kamel als Transportmittel abgelöst; Toiletten wurden für die Touristen gebaut, und irgend jemand von den Tourismusbehörden hat den Frauen und den Mädchen eingeflüstert, sie sollten Glasperlen für die Touristen auf Fäden aufziehen. Touristen liebten das. Jetzt hocken die Frauen tief verschleiert und die kleinen Mädchen mit schönen offenen Gesichtern vor ihren Ketten und Armreifen im Sand und weisen stumm auf ihr Angebot. Aber niemand kauft den Tand und Talmi aus Ain Khudra. Eine Fremde sagt, sie wolle für eine Kette ein Pfund zahlen, zehn Cent, und keinen Pfennig mehr. Da wendet sich die Frau in Schwarz abrupt ab.

          Reiter im Galopp

          Die Fremden, von denen manche breitbeinig und sehr dick in der Gästehütte auf dem Rücken ausgestreckt liegen, drängen zum Aufbruch. Der Abend kommt wie auf Samtpfoten in die Oase. Die Jeeps fahren ab. Eine dünne Rauchfahne weht über Ain Khudra. Jetzt ist das Rascheln des Winds in den gefiederten Blättern der Palmen zu hören. Die Frauen packen ihre Glasperlen ein und verschwinden in den Häusern. Und dann plötzlich jagt ein Dutzend junger Reiter auf Kamelen im Galopp auf die Oase zu. Staub wirbelt auf. In der tiefstehenden Sonne beginnen die Konturen zu flirren. Rot werden die Berge. Laute Schreie von den Reitern sind zu hören. Lachen. Die Wüste, kein Zweifel, lebt.

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