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Stationen : Mit Tropenhut und dem Gesicht von Gary Cooper

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Als der seit 1945 in Bangkok lebende Amerikaner Jim Thompson im Jahr 1967 bei einem Spaziergang im malaysischen Dschungel spurlos verschwand, war dies allemal die Geburtsstunde einer Legende - und damit vielleicht auch von "Jim Thompson" als Qualitätssynonym für feinste thailändische Seide.

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          Als der seit 1945 in Bangkok lebende Amerikaner Jim Thompson im Jahr 1967 bei einem Spaziergang im malaysischen Dschungel spurlos verschwand, war dies allemal die Geburtsstunde einer Legende - und damit vielleicht auch von "Jim Thompson" als Qualitätssynonym für feinste thailändische Seide. Wer den lärmenden Trubel der Hauptstadt für eine Weile hinter sich lassen möchte und am Ende einer schmalen Gasse das nach Thompson benannte Museum betritt, wird sich dann auch alsbald Gedanken machen über die Zauberkraft eines einzigen Wortes und die Assoziationen, die es wie eine Robe um sich breitet. Lautmalerisch und leise: Silk, Soie - Seide. Und so scheint in dem großzügigen Gartengrundstück mit den Palmen und Ficus-Bäumen, dem Seerosenteich und den Teakholz-Häusern mit ihren roten Spitzdächern gleichsam alles herabgedimmt: Ein Rascheln am Vorabend eines Balls, eine konzentrierte Erwartung, die ihre Erfüllung in sich selbst findet. War es die Cleverness des 1906 in Greenville im amerikanischen Bundesstaat Delaware geborenen Thompson, der als Mitarbeiter des CIA-Vorläufers OSS nach Thailand kam und in der heimischen Seidenindustrie eine sagenhafte Geldquelle entdeckte - gerade weil das handgewebte Produkt zu jener Zeit kaum noch eine Chance gegen maschinell hergestellte Stoffe zu haben schien?

          Vermutlich liegt es vor allem am Genie der Thais, Geschäftstüchtigkeit so überwältigend mit Ästhetik zu kombinieren, dass der Museumsbesucher keineswegs entsetzt ist, wenn er linker Hand sogleich einen großräumigen Seiden-Shop erblickt. Denn was für ein Laden ist das! Stoffe, Schals, Tücher, Kissen, Krawatten - farbenfroh, aber nicht grell, unendlich sanft bei der Berührung und doch von beträchtlicher Dichte. Die Fensterfront spiegelt das kontrolliert wuchernde Grün des Gartens ebenso wie die Konturen der im Teich entlanggleitenden Fische, während hier drinnen dezenter Limonenduft die Warenherrlichkeit unsichtbar bestäubt und an der Wand über der Kasse eine großformatige Schwarzweißfotografie den einstigen Hausherren zeigt, der von oben freundlich-ironisch auf all die potentiellen Käufer schaut: tadellos gekleidet, Leinenanzug, Tropenhut und die Gesichtszüge eine Mischung aus Curd Jürgens und Gary Cooper. Wer hier nichts kauft, suggeriert Thompsons Blick, wird es später bitter bereuen.

          Vom Tiger gefressen?

          Und doch lockt es den Besucher vor allem in die einstöckigen Häuser mit den landestypisch gebogenen Giebelbalken, die sich Thompson - da schon erfolgreicher Geschäftsmann, bei dem sogar Königin Sirikit persönlich einkaufte - im Jahr 1958 bauen ließ, errichtet im Stil der alten Tempelstadt Ayutthaya und bei der Einweihung selbstverständlich von buddhistischen Mönchen gesegnet. All die getäfelten Wände und holzgeschnitzten Tafeln, das blauweiße China-Porzellan, die Bronzefigurinen der Khmer-Epoche, die Schränkchen mit ihren gold-schwarzen Lackmalereien, zu schweigen von den Diwanen und Fauteuils! Und doch nirgendwo Kitsch, nirgendwo jener Hauch von Beklemmung, wie er so oft durch Gebäude weht, dessen Bewohner mit manischer Perfektion einen Paradiestraum herrichten wollten. Fenster und Türen stehen weit offen, und selbst der Tisch unterhalb des Kristalllüsters ist einladend gedeckt, als würde Mister Thompson jede Minute zurück erwartet, um hier wie damals seine durchreisenden Schriftstellerfreunde Somerset Maugham und Noel Coward zu bewirten. Was, falls man bestimmten Theorien Glauben schenkt, sogar plausibel wäre: Weder sei der Seidenfabrikant, so weiß es eine der Legenden, damals von einem Tiger gefressen noch von kommunistischen Freischärlern erschossen worden, sondern lebe im Gegenteil als Hundertjähriger zurückgezogen und fern vom High-Society-Leben auf einer abgelegenen Farm in Virginia, träume jedoch stetig von der Rückkehr in sein Bangkoker Paradies.

          Es raschelt die Seide, es blühen im Hause die Mythen und im Garten die Bougainvillea, doch irgendwann werden die Schatten länger, das Licht der Sonne über dem Refugium blendet ab, ganz so als wäre dies kein Museum, sondern ein Film, eine exzentrische, gleichwohl elegante Abenteuerstory. Fortsetzung aber folgt: Schon am nächsten Morgen, wenn die Kasse im Seidenladen wieder surrt und die glänzenden, rotbraunen Dielen im Inneren der Thompson-Häuser unter den Füßen der Kunden und Kundinnen ihr melodisches Knarren von sich geben, das ebenfalls, wen wundert's, ganz Harmonie ist.

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