https://www.faz.net/-gxh-plqy

Stationen : Der Rastafari-Laden von Äthiopien

  • -Aktualisiert am

Lauter Schätze, verpackt Bild: Marko Martin

Es ist eine eigene Welt, der "Iri-Shop" des jamaikanischen Ehepaars, Tausende von Kilometern von ihrer karibischen Heimat entfernt. Doch auch hier in Äthiopien regieren Harmonie, Ganzheit und ein Herz für Rabatt.

          3 Min.

          Manchmal gibt es sogar Discount. Man muß nur die Daumen gegeneinander pressen und gleiches mit den Zeigefingern tun, bis aus zwei Händen ein Herz wird: Das Universum spendet Liebe, und Liebe hält das Universum zusammen. So oder ähnlich. Auch dürfte es nicht schaden, einen Bob-Marley-Song zu summen - nicht zu leise, die Verkäufer leiden an einer gewissen Schwerhörigkeit, die sich jedoch auch als stoische Souveränität herausstellen könnte -, um ein paar Birr zu sparen, wenn man folgendes kaufen möchte: zerfledderte, jedoch plastikverpackte Exemplare des "Ethiopian Observer" aus dem Jahre 1965 (welcher die in jenem Jahr blutig niedergeschlagenen Studentenproteste natürlich nicht erwähnt), des weiteren Kämme, Tassen, Shampoos, Vasen, Miniatur-Teppiche in den Farben Grün-Gelb-Schwarz sowie uralte Postkarten, die den Gottkaiser zeigen.

          Manchmal aber gibt es auch keinen Discount in dem kleinen, durch ein einziges Fenster erhellten Steingeviert, da hilft alles Fingerdrücken nichts. Selbst das eilfertige Intonieren von "One Love" kann man sich dann sparen, denn der Song läuft gerade im Original, und zwar in ohrenbetäubender Lautstärke aus dem scheppernden Kassettenrecorder in der Mitte des Verkaufstischs.

          Der sechste Gott ist gratis

          Es ist eine eigene Welt hier, rund um den "Iri-Shop" des jamaikanischen Ehepaars Joan und Maurice Lee, Tausende von Kilometern von ihrer karibischen Heimat entfernt. Wir befinden uns in Shashemene, vier Autostunden südlich von Addis Abeba, an der Grenze zwischen dem nördlichen und südlichen Hochland Äthiopiens. Oder bezeichnet es gar die Grenze zwischen Gottesfurcht und Unglauben? Joan Lee - Rastalocken unter einem blauweiß gemusterten Kopftuch, gelbes T-Shirt mit einem Kreuzkettchen über dem Ausschnitt - schüttelt den Kopf.

          Wenn man den Gott fünfmal in Postkartenform kauft, gibt's eine sechste gratis. Aber betet sie ihn denn wirklich noch an, ihren Ras Tafari Makonnen, den die übrige Welt eher unter dem Namen Haile Selassie kennt? Ist er vielleicht gar nicht tot und 1975 nicht im Alter von 83 Jahren einsam in seinem Palast gestorben, jener kurz zuvor durch eine Militärjunta gestürzte "König der Könige"? Joans Mann zündet sich an der Schwelle zum Laden etwas an, was er Ganja nennt, die jamaikanisch-indianische Bezeichnung für Marihuana. Nein, die beiden sind nur Ladenbesitzer und keine Exegeten und Ideologen wie der Priester Leonard Howell, der im Jamaika der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts plötzlich die Vision hatte, ein gerade im fernen Äthiopien gekrönter Kaiser sei der Gott aller Schwarzen, der diese aus der babylonischen Gefangenschaft der Weißen erlösen würde. Gibt es in ihrem Laden eventuell Broschüren über diese Frühzeit der Rastafaris, als noch kein an allen Stränden zwischen Bali und Eilat gespielter Bob-Marley-Sound diese strenge Urbotschaft mit den Wünschen eines jeden ausruhsüchtigen Erdenbewohners kompatibel machte?

          Bob Marley saß im Fluß

          Joan beginnt halbherzig in einer Ecke herumzukramen und kommt mit zwei grüngelbschwarz glasierten Tellern zurück. Zwei zum Preis für einen! Dabei haben weder Gestik noch Mimik etwas Marktschreierisches an sich. Weshalb aber sollten zwei Teller nicht auch das Äquivalent für eine Broschüre darstellen - wahrscheinlich braucht es nur ein bißchen Ganja, um das zu begreifen. Apropos Bob Marley: Der war hier, in Shashemene, kurz nachdem Joan und Maurice beschlossen hatten, ihrem gekrönten Ras Tafari zu folgen und Kingston Town gegen das äthiopische Hochland einzutauschen.

          "1972 sind wir mit ihm herumgefahren, haben geraucht und sind baden gegangen. Es gibt Fotos. I mean, I was young." Der Kausalkontext erschließt sich nicht unbedingt, doch die Fotos - Kopien von Fotos, großformatig und wahrscheinlich bereits tausendmal zusammen- und auseinandergefaltet - scheinen so echt zu sein, daß sie sogleich als unverkäuflich deklariert werden. In der Tat fällt es nicht schwer, den massigen Rastafari Maurice als jungen Mann wiederzuerkennen, während derjenige, der da unter einer ausladenden Baumkrone im Flußwasser neben ihm sitzt - wahrscheinlich lau badet und ganz offensichtlich an einer Marihuana-Zigarette zieht -, unzweifelhaft der leibhaftige Bob Marley ist.

          Zwei Köpfe im Gleichklang

          Die Beleuchtung im Laden - halb verstaubte Glühbirne, halb schwindendes Tageslicht - wird diffuser, dafür scheppert der Kassettenrecorder nun noch lauter "No woman no cry". Die gleichmütige Joan scheint es sowenig zu berühren wie die Tatsache, daß sich den ganzen Nachmittag kein einziger weiterer Kunde im "Iri-Shop" hatte blicken lassen. Nachfragen über das Verkaufsverhalten der winzigen Shashemener Rastafari Community, deren ökonomische Basis und dergleichen zerschellen an einem freundlichen, ein wenig unbeteiligt wirkenden Lächeln.

          Wir sind eben hier, und seit Mengistu weg ist, gibt es keine Probleme." Doch selbst der marxistische, erst 1991 ins zimbabwische Exil verjagte Gewaltherrscher, auf dessen Konto Hunderttausende ermordete Regimegegner gingen, schien sich an den sanften Jamaikanern die Zähne ausgebissen zu haben. "Plötzlich sollten wir in eine Partei der Werktätigen eintreten und so, uns in Kollektiven organisieren." Maurice Lee schüttelt den Kopf, seine Frau schließt die Ladentür. Auf die Frage, ob die Umerziehung etwa funktioniert habe, beginnen sich langsam zwei Köpfe im Gleichklang zu wiegen. Bob Marley singt "I shot the Sheriff", doch alles ist Harmonie und Ganzheit. Vier Daumen, vier Zeigefinger, zwei Herzen.

          Weitere Themen

          Die Schwestern

          FAZ Plus Artikel: Elsass : Die Schwestern

          Straßburg oder Colmar? Beide Städte sind dank makellos erhaltener Altstädte Nabelpunkte des elsässischen Tourismus. Einander würdigen sie mit herzlich gepflegter Nichtbeachtung. Doch jetzt beginnt ein Wettkampf städtebaulicher Großprojekte und innovativer Verkehrskonzepte.

          Topmeldungen

          Annalena Baerbock am Montag im ZDF

          Annalena Baerbock : Masterstudium ohne Bachelorabschluss

          Sie wird als Völkerrechtlerin bezeichnet, ist aber keine Volljuristin. Einen Bachelorabschluss hat Annalena Baerbock nicht, aber Vordiplom und Master. Dennoch: Alles ging mit rechten Dingen zu.
          Polizisten 2005 während Unruhen in der Banlieue Clichy-sous-Bois nördlich von Paris. Vorausgegangen war der Tod zweier Jugendlicher, die auf der Flucht vor der Polizei durch einen Stromschlag in einer Trafostation ums Leben kamen.

          Verrohung in Frankreich : „Die Republik zerlegt sich“

          Ehemalige französische Generäle warnen vor islamischen „Horden in der Banlieue“ und einem Bürgerkrieg. Der Politikwissenschaftler Jérôme Fourquet erklärt im Interview, was in seinem Land im Argen liegt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.