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Station : Ein Geheimagent im Dienste der Kunst

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Ein abenteuerlich lebender Geheimagent kann durchaus eine feste Heimstatt schätzen. Im Falle des aus der Toskana stammenden agente segreto Rodolfo Siviero handelt es sich um eine Villa am Arno-Ufer von Florenz - heute ist sie ein Museum.

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          Ein abenteuerlich lebender Geheimagent kann durchaus eine feste Heimstatt schätzen. Im Falle des aus der Toskana stammenden agente segreto Rodolfo Siviero (1911-1983) handelt es sich um eine Villa am Arno-Ufer von Florenz - heute "Museo Casa Siviero".

          Das Haus ist unübersehbar da und wird doch links liegengelassen, denn die vorbeieilenden Florenz-Urlauber haben primär die wenige Gehminuten entfernten Uffizien im Blick. Da wollen sie Meisterwerke der Renaissance bestaunen, die "Geburt der Venus" und den "Frühling" von Botticelli, und in unwägbaren Zeiten die so entschiedene Suche der Alten Meister nach Schönheit und Harmonie, nach Humanitas und Perspektive nachempfinden. Dabei es ist gerade mal sechzig Jahre her, daß die Kostbarkeiten der Uffizien in den Sog der geschichtlichen Katastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts hineingezogen wurden und die Säle leer und ausgeräumt waren.

          Leere Wände

          Die Uffizien ohne Kunst? Von dieser heute kaum vorstellbaren Situation erzählt das Leben des Rodolfo Siviero. Schon in jungen Jahren soll er dem italienischen Geheimdienst (SIM) und in Kriegszeiten den Partisanen gedient haben. Nach 1945 hielt der Agent viele Fäden in der Hand; sein Auftrag lautete, Kunstwerke aus italienischen Sammlungen, die von den deutschen Nationalsozialisten vor und während der Okkupation Italiens zu symbolischen Preisen gekauft, beschlagnahmt und abtransportiert worden waren, wiederaufzufinden und zu repatriieren. Mehrere tausend verschollene Werke soll der in Florenz und Berlin ausgebildete Kunsthistoriker nach Italien zurückgebracht haben. Den legendären Diskuswerfer "Discobolo Lancelotti", von der NS-Propaganda als Symbol rassistischer Ideologie mißbraucht, holte er 1948 heim. Tizians "Danae", die sich Hermann Göring angeeignet und ins Schlafzimmer gehängt hatte, entdeckte er gleich nach Kriegsende.

          Rodolfo Siviero hat sein Privathaus mit Kunstsammlung, Bibliothek und Archiv der Region Toskana vermacht; damit setzte er sich ein Denkmal und erinnerte zugleich an eine Facette der komplexen Geschichte vom italienischen Kulturgut als Opfer kriegerischer Konflikte. Beim Rundgang durch die Casa Siviero würde man gerne auf den Grund der schillernden Persönlichkeit des Hausherrn sehen; doch scheinen sich dort die Türen immer nur einen Spaltbreit zu öffnen. Sichtbar aber wird eine große Sammelleidenschaft; rare Objekte schmücken das Haus, Antiquitäten, Kunstwerke, jede Menge Bücher, auch Waffen. Zeitlebens stand die Aufdeckung von Kunstraub im Fadenkreuz des Kunstkenners. So ist der Privatmann Rodolfo Siviero am Ende kaum zu fassen.

          Gepflegte Eitelkeit

          Klischeehaft changiert sein Image zwischen gefahrvoller Obsession für eine gerechte Mission und Eitelkeit offenbarenden Allüren; es gefiel ihm, wenn man ihn respektvoll mit "Ministro" ansprach, passend dazu: das Dienstfahrzeug, ein Chevrolet mit amerikanischem Kennzeichen und CD-Schild.

          Hinweise auf Freundschaften, die der Jäger nach dem verschwundenen Kulturgut pflegte, gibt die in der Casa Siviero verbliebene Kunstsammlung. Gemälde von Giorgio De Chirico unterstreichen Sivieros Wertschätzung für den Meister der Pittura metafisica, und Arbeiten des Ardengo Soffici belegen Kontakte mit der Kunst- und Literatenszene der zwanziger Jahre im Florentiner Cafe "Giubbe Rosse". Da war er noch Mister Nobody.

          Zwei Dekaden später trat Rodolfo Siviero schlagartig ins Licht der Öffentlichkeit als "007 dell'Arte" und als Retter der vom "SS-Kunstschutz" in Südtirol versteckten Florentiner Bilderschätze. Am 22. Juli 1945 erreichte ein Konvoi aus amerikanischen Lastwagen mit wertvollster Fracht Florenz und verkündete die Heimkehr der Meisterwerke.

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