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Sri Lanka : Klein-Ascot in Klein-England

Das berühmteste Pferderennen östlich des Morgenlands und westlich des großen friedlichen Meers hat in diesem Jahr ein braunes Roß mit einem gepunkteten Reiter gewonnen. Es kann auch ein schwarzes Pferd mit einem karierten Jockey gewesen sein.

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          Das berühmteste Pferderennen östlich des Morgenlands und westlich des großen friedlichen Meers hat in diesem Jahr ein braunes Roß mit einem gepunkteten Reiter gewonnen. Es kann auch ein schwarzes Pferd mit einem karierten Jockey gewesen sein oder ein geschecktes mit einem gestreiften, das war nicht so wichtig. Viel wichtiger ist beim "Governor's Cup" des altehrwürdigen Sri Lanka Turf Clubs in Nuwara Eliya etwas ganz anderes. Das begriff man spätestens in dem denkwürdigen Augenblick, als eine Horde spargeldürrer, champagnerseliger Supermodels männlichen und weiblichen Geschlechts, die indes allesamt nur einem, nämlich demselben Geschlecht zugeneigt waren, kreischend auf die Bühne vor der viktorianischen Wellblechtribüne hüpften, um jubelnden Menschen buddhistischen, hinduistischen, muslimischen und christlichen Glaubens quietschbunte Mode aus dem "Swinging London" der sechziger Jahre unter der sengenden tropischen Sonne vorzuführen. Spätestens da war klar, was Fellini schon immer gewußt hat: daß das Groteske grandios, das Bizarre berauschend und das Absurde die schönste Form des Daseins ist.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Nuwara Eliya ist ein Städtchen im zentralen Hochland Sri Lankas und wahrscheinlich der einzige Flecken in Sri Lanka, dessen Klima britischem Wetter ansatzweise nahekommt. Oft ist es naß und klamm in dem zweitausend Meter hoch gelegenen, von Teeplantagen dekorativ eingefaßten Ort, und noch öfter fällt der Nebel auf ihn wie eine schwere, feuchte Decke. Deswegen haben die Kolonialherren Ihrer Majestäten genau hier ihre Heimat nachgebaut, was Nuwara Eliya den Beinamen "Little England" und eine Menge hübscher Häuser im Tudorstil mit Giebeln, Erkern, Türmchen, Fachwerkattrappen und Vorgärten mit Petunien-Rabatten eingebracht hat; dazu gibt es einen Golfclub, dessen Platz mitten in der Stadt liegt, einen Hill Club, der so vornehm ist, daß man zuerst als "temporary member" aufgenommen werden muß, um einen Tee trinken zu dürfen, und ein Grand-Hotel mit knarzenden Dielen und ehebettgroßen Billardtischen aus dem neunzehnten Jahrhundert.

          Champagner und Chapati

          Einmal im Jahr wird es richtig britisch. Dann feiert "Little England" sein "Little Ascot", ein gesellschaftliches Ereignis ersten Ranges, zu dem "Tout Colombo" in schweren Limousinen oder MG-Oldtimern anreist, die Damen mit Hut, die Herren mit Schlips, jedenfalls diejenigen, die in der VIP-Lounge des Hauptsponsors, der nationalen Fluggesellschaft Sri Lankan, willkommen sind. Während die gehobenen Stände den noch jungen Tag mit schwitzenden Käsehäppchen und bedeutenden Mengen des gewiß nicht schlechten Champagners aus dem Hause Taittinger begrüßen, tummelt sich das Volk in Sari, Dhoti oder Tschador auf dem englischen Rasen. Großfamilien lassen sich zum Picknick mit Chapati unter Maggi-Sonnenschirmen nieder, Kinder, die schon jetzt das Idealgewicht der Jockeys überschritten haben, spielen Fußball und Fangen, klapperdürre, ambulante Händler mit melancholischen Augen verkaufen Tröten, in die sie ab und zu Klagelaute hineinblasen, das Faktotum des Turf-Clubs, ein freundlicher Mann mit einem Bein und wenig mehr Zähnen, wünscht allen einen schönen Tag, und niemand stört sich an kleinen Stilbrüchen wie den Dixi-Klos im Innenraum der Rennbahn.

          So gehen die ersten Rennen dahin in einer entspannten Stimmung, die bei aller Nostalgie frei von jeder Sentimentalität ist. Nicht viktorianisches Heimweh oder der Glanz des untergegangenen British Empire werden beschworen, sondern nur seine Kulissen und Erbstücke benutzt, um sich selbst zu feiern. Besonders eifrig geschieht das in der VIP-Lounge, in der jetzt auch der Rotwein entkorkt ist. Denn inzwischen sind die Spitzen der srilankischen Streitkräfte in Ausgehuniform eingetroffen, die den Konsum alkoholhaltiger Brause aus der französischen Provinz wahrscheinlich für weibisch halten - ganz im Gegensatz zu einer in Sri Lanka sehr bekannten Dame, die sich im Stil einer Maharani mit schneeweißem, edelsteinbesetzten Turban gewandet hat und der man umstandslos zutraute, den Tiger von Eschnapur zur Schoßkatze zu haben. Die Generalität macht aus naheliegenden Gründen auch nicht bei den Wettbewerben mit, bei denen mittels einer aufgeregten Lautsprecherstimme der schönste Hut und der am besten gekleidete Herr gesucht werden.

          Jimi Hendrix in der Teeplantage

          Prämiert wird unter dem Jubel primär des lokalen weiblichen Publikums ein junger, ranker Engländer, der so heißt und aussieht wie Prinzessin Dianas Reitlehrer. Doch verdient hätte den Preis eines der Kostüme aus dem lustigen London der sechziger Jahre. Sie sind eigens für den "Governor's Cup" vom berühmtesten Couturier Sri Lankas geschneidert worden, der wie eine gutmütige Matrone aussieht und keinen Reitlehrernamen trägt. Dafür hat er viel Phantasie und noch mehr Freude an Farben, so daß als Höhepunkt der Veranstaltung Laufsteggrazien mit orangefarbenen Perücken, pfefferminzfarbenen Tops, lavendelfarbenen Schlaghosen und silbern glänzenden Peace-Zeichen durch das ceylonesische Hochland paradieren, dabei wie bunte Schmetterlinge vor der Kulisse der allergrünsten Teeplantagen herumflattern und im Rhythmus der Sechziger-Jahre-Schlager tänzeln, die eine Live-Band mit einem verwegen dreinblickenden, offensichtlich entfernt mit Jimi Hendrix verwandten Gitarristen zum besten gibt. Und spätestens beim großen Finale der Modenschau mit den Models, die jetzt in Leibchen mit psychedelischen Hypnosekringeln stecken, dreht sich zwar alles im Kopf, was nicht nur die Schuld des Champagners ist. Doch kreisen die Gedanken um die beruhigende Gewißheit, daß es auf dieser Welt nichts gibt, was nicht zusammenpaßte.

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