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Spanien : Finisterre: Die Magie am Ende der Welt

  • -Aktualisiert am

Santiago de Compostela muß nicht das Ende der Pilgerreise sein Bild: KNA-Bild

Die meisten Pilger kommen nur bis Santiago de Compostela in Galicien. Den reizvollen Teil bis zur Küste, zum abgründigen Ende der Welt, erkunden nur die wenigsten.

          Erschöpft, aber euphorisch sitzen die Pilger in den Cafés von Santiago de Compostela. Wochenlang, mitunter monatelang sind sie dem Jakobsweg gefolgt, nun sind sie am Ziel. Sie haben die Kathedrale besichtigt, ihre Hände an die Mittelsäule des Pórtico de la Gloria gelegt und sich vor der silbernen Truhe verneigt, in der die Reliquien des Apostels Jakob ruhen sollen. Sie haben sich die Compostela abgeholt, die berühmte Urkunde, die nur gegen Vorlage des Pilgerpasses ausgestellt wird. Nun blinzeln sie auf der Praza da Quintana in die Sonne und schlendern dann langsam davon, etwas ratlos, als müßten sie sich erst an das neue Tempo gewöhnen. Ihre Schritte wirken unsicher. Sie haben ihr Ziel verloren.

          Nur wenige wollen noch weiter, auf der Suche nach jenem Ort, von dem die Pilger früher so ehrfürchtig berichteten. Man sehe dort das Meer, erzählten sie, das unendlich weite Meer, und dann, ganz hinten, eine gespenstische Leere. Dort höre das Wasser plötzlich auf, und die Erde stürze ins Bodenlose. "Finis terrae" nannte man die Stelle, das Ende der Welt, ein Stück jenseits eines schroffen Kaps an der galicischen Küste, dem westlichsten Punkt der Iberischen Halbinsel.

          Zu heidnisch der Ort

          Viele der Pilger, die im Mittelalter auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela zogen, gaben sich nicht damit zufrieden, das Apostelgrab erreicht zu haben. Die Neugier trieb sie weiter. Sie wollten einmal im Leben das Meer sehen, am Kap von Finisterre einen Blick auf das Ende der Welt werfen und dann erst heimkehren. Und heute? Amerika ist entdeckt, Kopernikus rehabilitiert, der Weltraum erobert. Wie die Erde aussieht, wissen wir längst. Die Faszination von Finisterre aber ist geblieben. Die alten Wege kennt man immer noch. Doch hier geht fast niemand.

          Die katholische Kirche hat den letzten Teil des Jakobswegs, der in Finisterre endet, nie offiziell anerkannt. Zu heidnisch scheint ihr dieser Ort, zu weit weg von der strengen Doktrin des Papstes, wonach jede Pilgerschaft am Apostelgrab in Compostela zu enden hat. Der Gedanke an die Ewigkeit, so predigte sie, müsse Richtung Himmel führen und nicht hinaus aufs offene Meer, ins "mare tenebrosum" mit seinen Geschichten von Geistern und Monstern, von versunkenen Städten und dem möglichen Paradies. Doch der Camino de Santiago ist älter als der Katholizismus. Quellen sprechen von einem keltischen Weg, der entlang der Sterne gezogen ist und in der Gegend von Finisterre endet. Viele Galicier reden immer noch von der Milchstraße, wenn sie den Camino de Santiago meinen. Das Erbe der Kelten ist lebendig in den Märchen und Liedern von Hexen und Zauberern, von beseelten Felsen und Bäumen und in den ungehobelten Melodien der Dudelsäcke, der "gaitas".

          Ein seltener Glücksfall

          Der Jakobsweg, wie wir ihn heute kennen, entstand erst zu Beginn des neunten Jahrhunderts, als man unter wunderlichen Umständen das Jakobsgrab wiederentdeckte und im Zuge der spanischen Reconquista die Pilgerschaft nach Santiago de Compostela propagierte. An den Plätzen früherer Kultstätten entstanden Einsiedeleien, Klöster und Kirchen. Dort stellte man seine Kostbarkeiten stolz zur Schau: Haare in edlen Goldschachteln, ein Schlüsselbein auf Samt gebettet, zwei braune Zähne hinter Glas. Reliquien zählten damals zu den wertvollsten Gütern volkstümlicher Frömmigkeit. Wunder und Legenden gehörten zum religiösen Alltag, Zweifel weniger. Daß man in Santiago gleich einen ganzen Leichnam gefunden hatte, dazu noch den eines Apostels, schien ein seltener Glücksfall. Mit dem Segen des Papstes avancierte der Camino de Santiago neben Rom und Jerusalem zu einer der drei "peregrinationes maiores" - und der heilige Jakob zum Pilgerheiligen schlechthin.

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