https://www.faz.net/-gxh-p5ld

Spanien : Finisterre: Die Magie am Ende der Welt

  • -Aktualisiert am

In Carnota, einem kleinen Ort in einer der seltenen Sandbuchten, steht der größte Hórreo der Welt. Dessen rühmt sich die Gemeinde, und das ist schon etwas in einer Region, die allein vom spröden Charme ihrer Landschaft lebt. Und wirklich: Der Getreidespeicher des Ortes ist vierunddreißig Meter lang, anderthalb Meter breit, zwei Meter hoch. Galicien ist bekannt für seine Hórreos, die auf Stelzen stehenden Häuschen aus Holz und Stein, geschmückt mit Kreuzen und der keltischen Fica, die der Trocknung und Lagerung von Hirse und Mais, Kartoffeln und Knoblauch dienen und Mäuse wie Vögel aussperren. Wie winzige Kapellen thronen sie neben den Häusern und in den Pfarrhöfen. Jeder Hórreo ist ein Versprechen: Hier hungert niemand. Einen Pilger müsse man beherbergen und verköstigen, so lautet die uralte Regel, keiner dürfe hungrig oder müde weggeschickt werden. Die Klöster entlang des Jakobswegs übten sich in Karitas, Bauern nahmen Fremde in ihre Kammern und Scheunen auf, Wirtsleute machten gute Geschäfte.

Tagelang kein einziger Wanderer zu sehen

Und heute? Die Städte und Dörfer entlang der Hauptrouten des Camino de Santiago leben auch jetzt wieder vom Pilgertourismus. Doch schon werden Klagen laut, über lärmende Horden von Wanderern, laute und schmutzige Herbergen und überteuertes Essen, über rücksichtslose Radfahrer und über Marathonläufer, für die allein die Kilometer zählen. Spott trifft die vielen Möchtegern-Pilger: Sie sind tagsüber in Bussen unterwegs, logieren nachts in Mittelklassehotels und versuchen dann in Santiago, die Compostela zu ergattern.

Auf dem Weg nach Finisterre ist vieles anders. Tagelang sieht man keinen einzigen Wanderer, kein einziges Auto mit ausländischem Kennzeichen, keine Andenkenläden mit Heiligenstatuen und geschnitzten Wanderstöcken, keine Wegweiser zum "escalope San Jacobo", zum Jakobsschnitzel mit Schinken und Käse. Allein die verwitterten Jakobsmuscheln aus Stein an den Kirchen erinnern an die Pilger, die "cruceiros" oder "petos de ánimas", wie sie hier heißen: Kreuze aus Granit, Armeleute-Bildstöcke, alte Wegmarken.

Die Kuh von Finisterre

Caldebarcos, Quilmas, Cee, dann Finisterre, endlich. Der Ort lebt, man sieht es gleich, ganz gut von der Nähe zu jenem Kap, das den Pilgern von einst so furchterregend erschien. Es gibt große Restaurants, häßliche Hotels, Busparkplätze. Die romanische Kirche Santa María das Areas am Rande des Ortes ist die letzte seelsorgerliche Station auf dem Jakobsweg. Sie ist fast immer geschlossen, wie so viele Kirchen entlang des Camino. Neben dem Kirchhof, zu dem einst ein Pilgerhospital gehörte, zieht der Weg hinaus zum Kap. Keine Häuser mehr, nur eine schmale asphaltierte Straße. Nach drei Kilometern der Leuchtturm von Finisterre, auf die äußerste Spitze des Felsens gebaut. Ein letztes Licht, Lebensretter, zusammen mit der Sirene, "la vaca" heißt sie, die Kuh von Finisterre.

"Plaza de la República Argentina" ist auf einer Eisentafel nahe dem Leuchtturm zu lesen, gewidmet all jenen Bewohnern von Finisterre und Galicien, die Spanien einst verlassen mußten, vertrieben von der Armut und dem Wissen, sich in der Heimat nicht durchbringen zu können. Argentinien galt als Versprechen. Drei Millionen Galicier leben heute noch in Südamerika, auf einem fernen, fremden Kontinent. Als Kolumbus von seiner Reise zurückkehrte, verbreitete sich die Kunde vom neuen, vom gelobten Land. Die Geschichten vom "finis terrae" verschwanden. Die Magie von Finisterre aber lebt weiter.

Wer hier angekommen ist, damals wie heute, der hat erfahren, wie weit ihn seine Füße tragen. Es gibt sie wohl doch, die "Nordwestpassage zur Welt des Geistes", von der Laurence Sterne einmal gesprochen hat. Und wer weiß: Vielleicht führt sie ja über den Jakobsweg nach Finisterre und bis ans Ende der Welt.

Weitere Themen

Kletterparadies Kalymnos Video-Seite öffnen

Sportlicher Trip an die Ägäis : Kletterparadies Kalymnos

Kletterfans aus aller Welt treffen sich einmal im Jahr auf der griechischen Insel Kalymnos. An den spektakulären Felsformationen messen sie sich unter anderem im Deep Water Solo – dem freien Klettern über tiefem Wasser.

Topmeldungen

Will nicht weichen: Baschar al Assad am Mittwoch in Idlib

Syrien-Konflikt : Wer Schutz verspricht, muss schützen

Seit Jahren wird über sichere Zonen in Syrien diskutiert, doch nie waren die Umstände widriger. Nato-Mitglieder zweifeln an Deutschlands Motiven – derweil spielen russische und türkische Einsatzkräfte vor Ort ihre Macht aus.
Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow im September bei der Kartoffelernte in Heichelheim.

Linkspartei in Thüringen : Ganz anders als gedacht

In Thüringen führt Bodo Ramelow seit fünf Jahren die erste rot-rot-grüne Regierung. Am Sonntag will er wiedergewählt werden. Selbst ohne eigene Mehrheit könnte er im Amt bleiben.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.