https://www.faz.net/-gxh-p5ld

Spanien : Finisterre: Die Magie am Ende der Welt

  • -Aktualisiert am

Nach zwei Tagen sehen die Pilger in Noia das Meer. Den "Schlüssel zu Galicien" nennt man die kleine, schöne Stadt. Hier landeten einst jene Pilger, die mit dem Schiff aus England, Holland oder Norddeutschland nach Santiago reisten. Heute ist der Hafen versandet, die Palais der Adelsfamilien haben Moos angesetzt, die schmiedeeisernen Balkone rosten. In der Kirche Santa María ist eine Ausstellung mit alten Grabplatten eingerichtet: grobe Blöcke aus Sandstein, in die Zeichnungen und vereinzelt auch Wörter geritzt sind, Anker, Taue, Knoten auf den Seemannsgräbern, ein Pilger mit Stock und Hut. Pilgern war gefährlich, ob zu Land oder zu Wasser. Die Anstrengung des monatelangen Gehens, Wegelagerer unterwegs, verseuchtes Trinkwasser, die Klippen entlang der Küste vor Noia - es gab viele mögliche Tode. Doch wer die Wallfahrt nach Santiago hinter sich gebracht hatte, war geadelt: Jakobspilger, ein Titel.

Lange Geschichte der Schiffsunglücke

Die Ría de Muros ist ein breiter Fjord, der die Gezeiten bändigt. Verstreute Dörfer ziehen sich an ihm entlang, hin und wieder kurze Sandstrände, einige Fischer sieht man. Sie haben es schwer. Die "viveiros" bringen etwas Geld: auf Stelzen sitzende, hölzerne Gestelle, in denen Austern, Venus-, Jakobs- und Miesmuscheln gezüchtet werden, das meiste für den Export. Die "percebes", die Entenmuscheln, die nach Springfluten von den Felsbänken gebrochen werden, sorgen für ein Zubrot. Sie sind schwer zu fangen, doch teuer zu verkaufen, eine galicische Spezialität wie der Pulpo, den man mit Zwiebel und Lorbeer kocht, zerschneidet und mit Paprikapulver, Meersalz, Olivenöl und Knoblauch würzt.

Kurz hinter Muros und dem Leuchtturm von Louro öffnet sich der Blick auf die Costa da Morte, wie sie auf gallego heißt, die Todesküste, die sich von hier über Finisterre und Muxia in Richtung La Coruña, der Hauptstadt Galiciens, zieht. Von wilden Felsen, unvorhersehbaren Strömungen und plötzlich wechselnden Winden erzählen die Chroniken, von unzähligen Schiffsunglücken künden die Seemannsfriedhöfe in den Orten entlang des Ufers. Ihre Gräber haben Meerblick. Die Liste der Schiffbrüche ist lang: Am 28. November 1596 kenterten zwanzig Schiffe der berühmten Spanischen Armada in einem Sturm, 1706 Menschen starben. 1976 explodierte ein mit zweitausend Giftfässern beladener Chemiefrachter vor dem Kap von Finisterre, dreiundzwanzig Tote.

2002: Die „Prestige“-Katastrophe

Am 13. November 2002 geschah dann das bislang größte Tankerunglück, als die "Prestige" vor der Costa da Morte in Seenot geriet und die spanische Regierung den Havaristen gegen alle seemännische Vernunft auf das offene, tosende Meer schleppen ließ. Dort sank die "Prestige", fast achtzigtausend Tonnen Öl, so schätzt man, liefen ins Meer. Ein Großteil der Küste bis nach Kantabrien, Asturien und selbst bis nach Frankreich war mit Ölschlamm verdreckt, die Fauna zerstört. Mehr als fünfundzwanzigtausend Vögel starben, die Fischerei mußte eingestellt werden. Für eine arme Region wie Galicien war das ein Desaster. Pilger haben mitgeholfen, den Strand zu säubern, doch der Landstrich erholt sich nur langsam. Und das Öl ist immer noch da, auch wenn das niemand zu sagen wagt.

Weitere Themen

Das Diktat der Populisten

Hanks Welt : Das Diktat der Populisten

Die Proteste von „Extinction Rebellion“ in Berlin zeigen vor allem eins: Wir sollten die Klimadebatte nicht den Angstmachern überlassen. Das macht faul.

Topmeldungen

Donald Trump, Präsident der Vereinigten Staaten, spricht bei einer Wahlkampfkundgebung im Lake Charles Civic Center.

Amerika : Vereinzelte Republikaner wenden sich gegen Trump

Einzelne Republikaner erwägen, ein Amtsenthebungsverfahren gegen Donald Trump zu unterstützen. Die Mehrheit steht nach wie vor hinter ihrem Präsidenten und will das auch mit einer offiziellen Abstimmung bestätigen.
Der britische Premierminister Boris Johnson steht beim EU-Gipfel in Brüssel im Zentrum.

Europäische Union : Britisches Parlament stimmt über Brexit-Vertrag ab

Stimmt das britische Unterhaus heute für den Vertrag, den Premierminister Boris Johnson mit der EU ausgehandelt hat, wird Großbritannien am 31. Oktober aus der Europäischen Union austreten. EU-Kommissar Günther Oettinger schließt weitere Verhandlungen aus, sollte es nicht zu einer Einigung kommen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.