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Spanien : Finisterre: Die Magie am Ende der Welt

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Über viele Jahrhunderte hinweg strömten Gläubige aus allen Teilen Europas in den Nordwesten Spaniens. Über die Pilgerstraßen gelangten neue Baustile auf die Iberische Halbinsel, philosophische Lehren und Rebsorten, Kochrezepte und Heilmittel. Die Motive, sich auf den weiten Weg nach Santiago zu machen, waren vielfältig. Die einen trieb die Sorge nach Galicien, an der Himmelspforte abgewiesen zu werden, die anderen die Hoffnung, sich durch eine Wallfahrt zum Apostelgrab auf einen Schlag aller Sünden entledigen zu können. Der Ablaßhandel blühte, die Kirche machte gute Geschäfte mit der Angst vor dem Jenseits. Wieder andere wurden von den Gerichten zur Pilgerschaft verurteilt, um ihre Sünden zu sühnen. Dazu kamen jene, die flüchten mußten, weil sie in ihrer Heimat als Verbrecher gesucht wurden, weil dort Pest, Hunger und Krieg wüteten oder weil sie ein neues Leben beginnen wollten.

Dieses Jahr gilt als heilig

Erst Humanismus, Protestantismus und Religionskriege versetzten der Pilgerfahrt nach Galicien einen schmerzhaften Schlag. Doch seit etwa fünfzehn Jahren erlebt der Jakobsweg eine Renaissance, frisch beschildert, neu kartographiert. Pilgerherbergen reihen sich wie Wegmarken entlang des Camino de Santiago und bieten mehr Besuchern Platz denn je. Rotkreuzstationen in allen größeren Orten sorgen für eine schnelle Verarztung aller nur möglichen Leiden. Die Ausrüstung der Pilger scheint expeditionstauglich: Schuhe und Jacken sind wasserfest und atmungsaktiv, die Rucksäcke riesig, die Pelerinen aus modernen High-Tech-Materialien. Zweihunderttausend Menschen werden in diesem Heiligen Jahr in Santiago erwartet.

Wenn der 25. Juli, der Tag des Apostels Jakob, so wie heuer auf einen Sonntag fällt, gilt das Jahr als heilig. Der Camino francés, der über die Pyrenäen, Burgos und León nach Galicien führt und als beliebtester Teil des weitverzweigten Wegnetzes des Camino de Santiago gilt, kann die vielen Wanderer dann kaum mehr fassen. Wer allein sein möchte, flüchtet sich auf die weniger bekannten Routen, auf die Ruta de la Plata, die von Sevilla über die Extremadura nordwärts zieht, oder auf die Wege nach Finisterre. Deren bekanntester führt in fünf bis sechs Tagen über Noia, Muros und Cee zum Kap.

Hier kommt man mit einem Regenschirm zur Welt

Gleich hinter der Stadtgrenze von Santiago wird es üppig grün. Wer in Galicien geboren werde, komme mit einem Regenschirm zur Welt, heißt es. Kaum einen Tag gibt es, an dem es nicht regnet, mal kürzer, mal länger. Endlose Wälder mit Kiefern, Pinien, Eichen und Eukalyptus begleiten die Pilger, unter den Bäumen weiße Callas, seltene Farne, Frauenschuh, Sumpf. Der Landstrich zählt zu den ärmsten Regionen Europas, etwas Landwirtschaft, kaum Industrie. Doch Galicien pocht auf seine Eigenständigkeit. Neunzig Prozent der knapp drei Millionen Einwohner sprechen Gallego, Portugal ist oft näher als Spanien. Fast dreißigtausend Dörfer gibt es in Galicien und nur wenige große Städte. Man bleibt für sich. Ein bleierner Himmel hängt über den Häusern - und die "morriña" oder "saudade", eine leichte Melancholie.

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