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Spanien : Das geheime Leben des Feuerflusses

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Landschaftskunst: Río Tinto heißt Roter Fluss. Einen besseren Namen könnte es für ihn nicht geben. Bild: José Francisco Mingorance

In Südwestspanien fließt ein Regenbogen zum Meer. Die Farben des Río Tinto sind extravagant. Sind sie auch unnatürlich? Seit Jahrhunderten gibt man dem Bergbau die Schuld an der angeblichen Verschmutzung. Dabei ist es ganz anders.

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          Der Fluss hat unmögliche Farben. Als wäre er nicht von dieser Welt. Er zieht sich rosarot, zinnoberrot, karminrot, violett, kobaltblau, fast schwarz durchs Tal. An den Ufern hat er Erde und Steine orange gefärbt. Der ganze Regenbogen liegt in seinem Bett, und man fragt sich, ob das noch Wasser ist, was da fließt, oder vielleicht eine Mixtur aus verflüssigten Türkisen, vergossenem Blut und gelöstem Schwefel. Eine synthetische Suppe mit metallischem Glanz, ein mineralischer Gazpacho andaluz, künstlich und künstlerisch, wie aus dem Computer hingegossen oder wie gemalt, von Gott gemalt, in seiner surrealistischen Epoche.

          Es ist nicht die Spiegelung des Himmels auf dem Fluss, es sind auch nicht die mächtigen maurischen, rotbraunen Mauern von Niebla, die abfärben. Wie könnte der tiefblaue Himmel die Steine hellgelb streichen? Es ist der Fluss selbst, der die Farben anrührt, der delirierende Künstler, der sie komponiert, unterstützt von der unsichtbaren Zauberhand des Lichts, die Nuancen herausarbeitet. Und er führt tatsächlich Wasser oder so etwas Ähnliches wie Wasser, von der Konsistenz des Wassers, wenn auch nicht farblos. Man hüte sich, den Geschmackstest zu machen, dieses Wasser ist eine ungenießbare, ätzende Flüssigkeit. Flecken, die sie auf der Kleidung hinterlässt, gehen nicht wieder heraus. Kein Esel, Maultier, Pferd, keine dumme Kuh oder Ziege trinkt dieses Wasser, kein Fisch, kein Frosch, keine Kaulquappe geht in diese Brühe aus gelösten Schwermetallen und Schwefelsäure. Der Río Tinto ist einer der verseuchtesten Flüsse der Erde.

          Krater für außerirdische Giganten

          Der Fluss frisst sich durch die mit Zistrosen und anderem Gestrüpp bewachsenen Berge. Weiter flussaufwärts sind sie mit Pinienwäldern überzogen. Es ist eine einsame, friedliche, schöne Berglandschaft, und man ahnt nicht, dass die Apokalypse dem Idyll auf dem Fuße folgt. Der Mensch hat der Erde die Haut abgezogen und das Fleisch aufgerissen. Er hat Berge versetzt und Riesenlöcher gegraben, künstliche Krater wie Amphitheater für außerirdische Giganten, rundherum terrassiert, pharaonische Gruben wie invertierte ovale Pyramiden, mit der Spitze in den Boden gerammt. Er hat graue Schlackefelder, rote Ascheberge, schwarze Abraumhalden angehäuft und verrottete Industrieanlagen, verwüstete Hallen, verrostete Maschinen hinterlassen. Es ist eine Mond- oder Marslandschaft mit den Resten einer versunkenen Zivilisation, ohne Leben, so faszinierend hässlich, dass sie schon wieder attraktiv wird.

          Kein Chemiunfall, sondern Natur: Der Río Tinto treibt manchmal mit der Wahrnehmung Schabernack.

          Welche Farben haben die Eingeweide der Erde? Ocker, Grau, Rot, Blau, Weiß, Violett. Die Adern schimmern und glänzen metallen, der Bauch ist voller Eisenkies, Brauneisenstein, Kaolinit, Kupferkies, Kalkspat, Eisenvitriol, sogar violettem Schiefergestein. In der Erde klaffen viele offene Wunden, die größte misst zwölf- mal neunhundert Meter und ist dreihundertfünfunddreißig Meter tief. In das Loch passen drei Giraldas übereinander, dreimal der Minarett-Glockenturm der Kathedrale von Sevilla, und auf den Grund zwei Fußballfelder nebeneinander, aber dort steht nur eine orangefarbene Pfütze. An anderer Stelle führt ein Tunnel durch den Berg wie eine Nabelschnur in den Bauch eines kleineren Kraters. Man landet auf einem Balkon über dem Grundwassersee und würde ein Bad nehmen mögen, wenn auf den Terrassen statt Steinen und Staub Rasen wüchse und das Wasser nicht alles versengte. An diesem Berg kommt der Río Tinto zur Welt, aus diesem Gestein rutscht er winselnd, dann streckt er sich durch den Pinienwald als junger, dünner, kupferfarbener Bach.

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