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Seefahrt : Lila Lichtspiele für viertausend Passagiere

  • -Aktualisiert am

Shoppingmeile auf See: „Royal Promenade” auf der „Freedom” Bild: dpa/dpaweb

Dreihundertneundreißig Meter lang, sechsundfünfzig Meter breit und zweiundsiebzig Meter hoch, trägt die "Freedom of the Seas" den Titel des größten Vergnügungsschiffs der Welt. Wie groß aber ist das Vergnügen?

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          Alles Kitsch? Wer den ersten Schock beim Blick aus seinem Innenkabinenfenster auf die kasperltheaterbunte Promenade mit ihrer täglichen Parade disneyartiger Wesen unter rosa und lila Lichtkaskaden im fensterlosen Schiffsbauch als Signal zum Umjustieren seines eingefahrenen Wertekanons versteht, hat an Bord des größten Spaßpalastes der Meere selige Zeiten vor sich. Mal sitzt er an Bord der "Freedom of the Seas" auf Goldgestühl im Stil des achtzehnten Jahrhunderts, mal langt er herzhaft wie im Western-Oldie beim Frühstück von weiß emaillierten ovalen Riesenblechtellern zu, schlürft den Orangensaft aus Plastik-Gläsern und den Kaffee aus Henkelbechern, während dienstbare Geister aus dem ehemaligen Reich des Bösen rumpelnd die Wagen mit dem Abwasch fortrollen. Er kann aber auch über Pappmacheprunk lachen oder gut gestaltete Restaurants bewundern. Zum Steak unter den Säulen und Lüstern des sonnenkönigmäßigen Hauptrestaurants bringt der Maitre aus Bali auf Wunsch nach mehr Würze strahlend den Senf in seiner quittengelben Plastikflasche. So wird das Unvereinbare hier Ereignis - gewollt wie ungewollt.

          Gewollt sind die technischen Attraktionen, Kletterwand, Boxring, Eislaufplatz, der weltweit erste Pool für Surfer an Bord eines Schiffes, nicht unbedingt die Superlative von Größe und Schnelligkeit. Ihre Geschwindigkeit von 21,6 Knoten ist nicht atemraubend, mehr wird beim Umherschippern auf den stets gleichen beiden Routen von Miami aus in die westliche Karibik - Cozumel in Mexiko, George Town auf Grand Cayman, Montego Bay auf Jamaika und Labadee auf Haiti - nicht gebraucht. Doch mit ihren hundertsechzigtausend Bruttoregistertonnen, 339 Meter lang, sechsundfünfzig Meter breit und zweiundsiebzig Meter hoch, trägt die "Freedom of the Seas" jetzt den Titel des größten Vergnügungsschiffes der Welt. Obwohl sechs Meter kürzer als die "Queen Mary 2", die bislang dieses Rolle innehatte, aber fünfzehn Meter breiter als diese, faßt sie fast doppelt so viele Passagiere, gänzlich belegt viertausenddreihundert. An Bord gibt es zehn Restaurants, sechzehn Bars und Salons, ein Eiscafe im Stil der fünfziger Jahre, Weinkeller, Pub. Was man dort ißt und trinkt, ist im Gegensatz zu den Broadway-Shows kostenpflichtig. Als Cash-Cow fungieren nach amerikanischer Tradition aber vor allem Casino und Spa.

          Der Schöpfung entgegen

          In Miami hat Royal Caribbean seinen Firmensitz, die Reederei versteht sich als Global Player des Kreuzfahrtgeschäfts mit einem internationalen Produkt, das überall auf der Welt verkäuflich sein muß. Die Größe des Schiffes ist der Variationsbreite des Angebots geschuldet, das sich als schwimmendes Urlaubshotel, als Ferienziel selbst versteht. "Freiheit der Wahl" heißt die Philosophie. Wirtschaftlich betrachtet, bedeutet das: niedrige Kreuzfahrtpreise locken den Passagier an Bord, das große Angebot dort animiert ihn zu Ausgaben, die unter Umständen den Kreuzfahrtpreis übersteigen. So kostet eine Woche an Bord von 770 Dollar an, in Deutschland kommt das günstigste Angebot mit Flug und Transfer auf etwa achthundert Euro - in einer der 516 Kabinen ohne Fenster natürlich. Eine Balkonkabine kommt auf etwa 1250 Dollar die Woche.

          Hamburg verabschiedet die „Freedom of the Seas”
          Hamburg verabschiedet die „Freedom of the Seas” : Bild: ddp

          Mischkalkulation ist Prinzip fast aller amerikanischen Kreuzfahrtschiffe. Wie stark sich die europäischen Passagiere dem anpassen werden, ist eine offene Frage. Royal Caribbean jedenfalls hofft nach den Erfolgen im deutschen Markt auf weiteres Wachstum. Deutsche sind mit einer Million Passagieren im vorigen Jahr nach Amerikanern und Engländern die fleißigsten Kreuzfahrer. Schon in zehn Jahren sollen die Kosten der "Freedom of the Seas" wieder zurückgeflossen sein, das nächste, noch viel größere Schiff ist in Auftrag gegeben. Mehr als fünftausend Passagiere sollen dann, in etwa drei Jahren, an Bord der 360 Meter langen und 47 Meter breiten "Genesis" ihren Urlaub auf hoher See verbringen können - an einem künstlichen Ort, outgesourct von der Welt und eigentlich unter Wasser, in der Wüste oder im Weltraum ebenso möglich.

          Es fährt ein Schiff nach Nirgendwo

          Auch auf der "Freedom" spielt es keine Rolle, wohin das Schiff fährt. Die Show mit Musicals, Sport und Spielcasino ließe sich ebensogut in einem Studio inszenieren, mit Windmaschinen und künstlicher Wellenschaukelei. So oder so ist sie ein Schiff, zum Staunen geboren. Überraschend, was die Bild-Zeitung angesichts der für das Massengeschäft gebauten "Freedom" schrieb: "Mehr Luxus geht nicht." Für besonders individuell gar hält sie ein Reisebürobesitzer aus Bayern - nach hundertsechzehn Kreuzfahrten. Verblüffend auch, warum ein Seereisen-Experte das Flaggschiff der Royal Caribbean im Vergleich zu seiner amerikanischen Konkurrenz "europäischer" findet. Europäisch? Die anderen seien noch bunter. Wer träumte nicht einmal von einer Umwertung aller Werte in einer komplizierten und mißmutigen realen Welt?

          Erfunden hat Royal Caribbean das schwimmende Resort aber nicht. Das war der norwegische Reeder Knut Utstein Kloster. Nachdem der Ende der siebziger Jahre den Oceanliner "France" gekauft und zum "Funship" namens "Norway" umgerüstet hatte, schipperte es mit abgespeckter Maschinenleistung im Wochenrhythmus zwischen Miami und St. Thomas: Zum ersten Mal war ein Schiff selbst das Ferienziel.

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