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„Sea Cloud“ : Aufgetakelt

  • -Aktualisiert am

Die „Sea Cloud” zu Gast im Hamburger Hafen Bild: dpa

Die „Sea Cloud“ ist das letzte je erbaute private Viermastsegelschiff. Wo immer sie ankert, wird sie zur umlagerten Attraktion. Nun wird das Schiff achtzig.

          6 Min.

          Das Spektakel ist in vollem Gange, als die "Sea Cloud" in der Mittagshitze von St. Tropez für einen Badestopp in der Bucht von Pampelonne vor Anker geht. Am Horizont der Strand mit den legendären Clubs, um sie herum eine Armada weißer Yachten, jede protzt, wie sie kann: Badeplattform, Wasserrutsche, röhrende Jetskis - Standardprogramm an der Côte d'Azur. Wer auffallen will, muss schon eine paar Hubschrauber vorweisen: Mit lautem Geknatter umschwirren sie ein cremefarbenes Schiff mit grüner arabischer Schrift.

          Wie der Casinoplatz in Monaco ist die Bucht von Pampelonne Sommerbühne für das Turnier der Eitelkeiten. Wer ist die Schönste auf dem Wasser? Die elegante "Christina O" - "O" wie "Onassis", direkt hinter uns? Oder eine schnittige Debütantin, mit den schwarz glänzenden Fensterbändern dort hinten, glatt wie ein iPhone?

          Falsch geraten. Alle drehen sich zu unserer achtzig Jahre alten Viermastbark "Sea Cloud" um. Wie sie da sachte auf den Wellen schaukelt, mächtig und fragil zugleich mit ihren himmelhohen Masten im filigranen Netz der Takelage über dem schlanken weißen Rumpf, den am Bug ein goldener Adler ziert - ein Traumbild, herbeigesegelt aus einer anderen Welt. Da waren schnelle Rahsegler wie sie die Königinnen der Ozeane. Vom Passatwind getrieben, manövrierten sie im China-Handel mit ihren riesigen Segelflächen rund um Kap Hoorn alle Konkurrenten aus. Die Dampfkraft vertrieb sie, ihr Mythos blieb.

          Der Hauptmast ist 54 Meter hoch, das sind zwanzig Hochhausstockwerke
          Der Hauptmast ist 54 Meter hoch, das sind zwanzig Hochhausstockwerke : Bild: dpa

          Die "Sea Cloud" ist das letzte je erbaute Viermastsegelschiff der Menschheitsgeschichte. Und wo immer sie ankert, ob gestern Abend im Hafen von Calvi oder jetzt vor St. Tropez, wird sie zur umlagerten Attraktion. Dreitausend Quadratmeter Segelfläche, fünfundzwanzig Kilometer laufendes und stehendes Gut, der Hauptmast 54 Meter hoch, das sind zwanzig Hochhausstockwerke - imposanter kann ein Schiff nicht sein. Von Geburt an war sie ein Traumschiff: Spaßschiff zwischen Hawaii und Galapagos, schwimmende Botschafterresidenz vor Leningrad, schließlich, im Krieg, Wetterschiff der Küstenwache. An Bord trug sie große Namen, den Herzog und die Herzogin von Windsor, Rafael Trujillo, Zsa Zsa Gabor. Nach Aufstieg, Fall und Wiederaufstieg ist sie heute eine echte Antiquität. Das hätte sich Rosamunde Pilcher nicht schöner ausdenken können.

          Aber alles ist wahr: Der Wall-Street-Tycoon Edward Francis Hutton hatte den Großsegler aus Kruppstahl 1931 bei der Germania-Werft in Kiel bestellt, ein Geschenk an seine Ehefrau Marjorie Merriweather Post, selbst eine Dollarprinzessin. Der Auftrag: Das Beste aus der Gegenwart im Kleid der romantischen Vergangenheit. Einerseits sollte das zunächst auf den Namen "Hussar" getaufte Schiff die technisch modernste und größte Privatyacht ihrer Zeit sein, mit starken Elektro-Diesel-Motoren im überdimensionierten Maschinenraum, andererseits, zur Verzweiflung der Konstrukteure, ein Großsegler mit vier Masten. Vielleicht einer zu viel für das Schiff, aber genau richtig zum Angeben, darauf bestand Marjorie, Großunternehmerin und PR-Genie, auch wenn das die Segeleigenschaften etwas beeinträchtigte, weil einige Segel sich nun gegenseitig verdecken. Das ist wunderbar auf einem Gemälde des Schiffs in der Bibliothek zu sehen. Auch um die Innenarchitektur kümmerte sich die Beschenkte engagiert. In einer Lagerhalle ließ sie ein Modell der Kabinen in Originalgröße errichten, um für die Antiquitäten aus Frankreich den passenden Platz zu finden.

          Zwanzig Jahre später verkaufte Marjorie Merriweather Post ihr Lieblingsspielzeug an den dominikanischen Diktator Trujillo. Er wurde ermordet, der Abstieg des Großseglers, nun unter dem Namen "Angelita", begann. 1979 wurde die Seglerlegende von deutschen Verehrern in verrottetem Zustand in Panama entdeckt, von einer Hamburger Eignergemeinschaft gekauft und restauriert. Seitdem segelt sie wieder als "Sea Cloud", unter den Fittichen der Hamburger Schiff-Finanzierungsgesellschaft Hansa Treuhand, und nun für zahlende Gäste. Das ist das Happy End, und zu dem gehören wir, die wir an Bord dem Windjammergefühl einer vergangenen Epoche nachspüren, ohne auf Sicherheit und Bequemlichkeit von heute zu verzichten, ganz wie das Milliardärspaar damals.

          Marjories zehn Privatkabinen sind im Originalzustand erhalten und angenehm entschnörkelt. Ein wunderhübscher Flur, alles sieht aus wie im Hotel "Vier Jahreszeiten" in Hamburg. Im Bad zeichnet blonder Marmor Spitzenmuster auf weißen Marmor. Die Herrenkommode hat Schubladen, die sturmfest einrasten. Für schwerere See liegt ein Bullaugendeckel aus Stahl im Schrank. Sonst aber präsentiert sich das meist platt unter die Kategorie "Luxus für Betuchte" eingeordnete Schiff alles andere als prätentiös. Das fängt bei den moderaten Nebenkosten an, das Bier 3,50, ein Glas Wein nicht teurer als bei der Selbstbedienungs-Kette Vapiano, zum Essen wird eine sehr ordentliche Weinkollektion gratis serviert.

          Das Einzigartige unseres Windjammers besteht nicht in Pracht und Protz. Auf einem gewöhnlichen Kreuzfahrtschiff liegt das Meer siebzehn Stockwerke tiefer in der Unendlichkeit, auf der "Sea Cloud" dagegen fühlt man seine Kraft am eigenen Leib. Es gluckert unter der Kabine, es rummst und dröhnt, wenn der Anker gelichtet oder herabgelassen wird. Jeder Schritt oben ist zu hören. Ein Segelschiff ist auch immer ein Arbeitsschiff. Auf den Decks hat man auch als Passagier auf die Seile und Taue zu achten, die kunstvoll und sehr ordentlich auf Nagelbänken befestigt sind. Wo man geht und steht, wird gestrichen, ausgefräst, abgeschliffen, gepinselt. Und immer ist man mittendrin. Ob zwanzig Meter über der Bar ein Matrose Segel flickt, ob vorne am Crewdeck zum Feierabend geangelt wird, während die Passagiere am Heck auf blauen Polstern lümmeln und in den Sternhimmel schauen.

          In jedem Moment befinden wir uns spürbar auf einem Schiff, das den Elementen ausgesetzt ist. Das merken wir auch bei der harmlosen Sommerreise an der Côte d'Azur. Von einer Minute zur anderen entsteht aus der Flaute ein strammer Sturm. Eben noch stand die Luft, milchige Hitze. Und jetzt plötzlich Windstärke sieben! Schon ist der Samowar für den Tee an Deck an einem roten Hydranten festgezurrt. Alles, was nicht angebunden ist, rollt nun umher, das Schiff liegt schräg im Wasser, es schwankt und rollt, sich jetzt bloß nicht mit einem Schuh in den Tauen verheddern.

          Folgsam klettern die Passagiere die leiterschmalen Außentreppen rückwärts hinab und retten sich in die Bibliothek, wo Urgestein Tom (Musik, Kreuzfahrtdirektion) die Geschichte von den neun Leben der "Sea Cloud" in einem Diavortrag zum Besten gibt, während die Leinwand schwankt und der Wind durch die Türritze bläst. Noch wissen wir nicht, dass wir in Sanary-sur-Mer nicht anlegen können und in Ciotat vor Anker gehen werden.

          Drei lange Tage, bei Windstärke zwölf, sei es vor Sizilien einmal nicht möglich gewesen, einen Hafen anzulaufen, berichten Stammgäste in diesem Moment mit leuchtenden Augen, die "Sea Cloud" musste im offenen Meer ausharren, ganz in ihrem Element.

          Segelnde Antiquitäten sind Herzensangelegenheiten, die Unsummen verschlingen. Sehr reich und sehr begeistert müsste man sein, um das Seemannsleben der Vergangenheit als Privatmann nachzuspielen. Im romantischen Blick des Passagiers bergen die Wandvertäfelungen im Speiseraum die Geheimnisse der Vergangenheit. Bei ökonomischer Betrachtung sind sie kostbarer als die goldenen Wasserhähne in Mrs. Merriweathers Boudoir. Jedes einzelne Brett wurde beim letzten Werftaufenthalt abgelöst, feuerfest imprägniert und wieder eingepasst. Sechs Monate dauerte der jüngste Dockstopp der "Sea Cloud", um sie an die neuen Sicherheitsbestimmungen anzupassen. Das kostete zusammengerechnet einen ganzen Jahresumsatz. Also muss das Schiff für sein Überleben Geld verdienen. Das bedingt Kompromisse. Auf den freien Flächen entstanden schon vor Jahren zwanzig zusätzliche Kabinen, da, wo einst der Rauchsalon war.

          Eigentlich geht es auch den Gästen von heute um die Seefahrt nach alter Väter Sitte, als könnten sie noch einmal das Meer, diese Urkraft des Lebens, mit nichts als Segeln und Tauen bezwingen. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Zusätzlich sucht der Segelschiff-Passagier den Komfort eines Kreuzfahrtschiffs. Ununterbrochen werden üppige Buffets auf- und wieder abgebaut. Es ist Schwerstarbeit, die Speisen in den großen Behältnissen zwei oder drei Decks hoch über die steilen Leitertreppen hinauf- und hinabzuschleppen. Das Essen ist ausgezeichnet, der Truthahn, das glasierte Spanferkel. Aber das reicht dem verwöhnten Segler nicht. Pünktlich jeden Morgen muss ein neuer Hafen samt Landausflug her. Auch eine Antiquität wie die "Sea Cloud" wird nach Reiseroute verkauft. Gesegelt wird dann nur, wenn Windstärke und Windrichtung zum Fahrplan passen.

          Zurück nach St. Tropez: Dort ist man sogar auf den Superyachten verblüfft, als von der "Sea Cloud" ein langes Tau vom Promenadendeck herabgelassen wird, an dem in Abständen Luftmatratzen befestigt sind. Zwei Matrosen im Zodiac ziehen das Tau über dem Wasser straff. Dann beginnt eine kleine Karawane vorsichtig die wackelige Gangway hinabzuklettern: zuerst das britisch-amerikanische Honeymoon-Pärchen, zum Schluss, mit einem beklatschten Hechtsprung, der Kapitän, der aussieht wie der junge Yul Brynner.

          Einer nach dem anderen platscht juchzend ins Nass, ein paar Schwimmstöße, und dann der von Anfeuerungsrufen begleitete Versuch, auf den tanzenden Matten am Tau die Balance zu halten. Passagiere und Crew, fast alle im Wasser, was für ein Spaß. Wer wieder nach oben geklettert ist, was ein gewisses sportliches Talent erfordert, genehmigt sich eine Dusche aus dem gelben Kaltwasserschlauch, der mit einer Kordel in der Takelage befestigt ist. Handtuch und Mineralwasser reicht ein breit grinsender Matrose von den Philippinen.

          Das war die Schlüsselszene: So ist das Millionärsleben auf der berühmtesten Luxusyacht der Geschichte, so war es schon immer. Kein Whirlpool, Badespaß wie im Sommercamp. Statt Showtime Segelsetzen und Shantygesang. Auch Eigner Hutton saß nicht die ganze Zeit mit dem Cocktailglas rum, sondern tauchte mit der Crew unter den Schiffsrumpf, um ein verheddertes Tau zu entwirren. Bis heute ist die "Sea Cloud" kein Champagner-Kaviar-Schiff. Das wäre eine Beleidigung. Der Luxus dieses Schiffs ist das Schiff.

          Im Sommer segelt die „Sea Cloud“ im Mittelmeer, im Winter in der Karibik. Eine Woche Kreuzfahrt kostet ab 1695 Euro. (Sea Cloud Cruises, Tel. 0 40/30 95 92 50, www.seacloud.com).

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