https://www.faz.net/-gxh-tnnp

Schottland : Romanze in Grandhotel und Herrenhaus

  • -Aktualisiert am

Schottische Idylle: Isle of Eriska Hotel Bild: Dennis Hardley Photography

Überraschung bei der Schottlandreise: Statt Nebel gibt es strahlenden Sonnenschein, statt schwerem Samt im legendären Hotel Balmoral den neuesten urbanen Chic. Nur im Herrenhaus auf dem Inselchen Eriska ist es so, wie eine Schottland-Romanze sein soll.

          4 Min.

          Verblüfft ist der Schottland-Reisende vom ersten Tag an. Statt Nebelfeuchte mitten im Herbst strahlendklares Spätsommerwetter, statt schwerem Samt in den gehobenen Hotels und Restaurants von Edinburgh der allerneueste urbane Chic. Wir lernen: Cooles Design in der Stadt ist ebenso typisch schottisch, wie es Heidekraut, Schafe und Schlösser im Hochland sind.

          Mit modernem „metropolitan style“ in alten Mauern spielt auch Edinburghs Hotellegende Balmoral aus dem Jahr 1902, einst als Bahnhofshotel der North British Railway erbaut und mit seinem Uhrturm bis heute Wahrzeichen der Stadt. Doch in diesem Fall bedeutet dies mehr als nur schottischen Zeitgeist. Denn das umfassend renovierte Grandhotel über dem Hauptbahnhof Edinburghs markiert gleichzeitig den spektakulären Neubeginn einer Hotelierskarriere: der von Sir Rocco Forte, der auch in Deutschland mit Neueröffnungen in Frankfurt, Berlin und bald München gerade Furore macht.

          Tartankaro und rosa Highheels

          Nachdem sein Vater Charles ihm 1993 endlich die Führung des Unternehmens überlassen hatte, war er Herr über das Forte-Imperium mit achthundert Hotels und tausend Restaurants - allerdings nur kurz, denn schon 1996 wurde die Firma Opfer einer feindlichen Übernahme. Rocco Forte gründete mit dem horrenden Geldbetrag, der ihm durch diesen ungewollten Verkauf zugeflossen war, sogleich mit seiner Schwester Olga Polizzi die heutige „Sir Rocco Forte & Family Company“ und kaufte als erstes das Balmoral.

          Frühlingslandschaft nahe dem Eriska Hotel
          Frühlingslandschaft nahe dem Eriska Hotel : Bild: Dennis Hardley Photography

          Es steht als Prototyp für das neue, noch viel feinere Hotelreich des Geschwisterpaars an der Princess Street mit freiem Blick auf das Monument „Arthur's Seat“ und das Edinburgher Schloß. Außen Türmchen, Erker und eine stolze Fahne, innen eine zeitgenössische Einrichtung in den subtilen Farben von Nebel, Moor und Heide. Das traditionelle Tartankaro ist als Seidenvorhang in Beigetönen in die reduzierte Moderne transferiert. Dazwischen, wie ein Zitat, dann und wann ein antikes Möbelstück. Es sei schwierig, bei der Gestaltung eines schottischen Hotels nicht in die üblichen Klischees von Schottenkaro und gemusterten Tapeten zu fallen, sagt die gefeierte Designerin Polizzi.

          Kaminfeuer, Gummistiefel, knirschender Kies

          Doch sosehr wir auch ihr Hotelkleinod bewundern, samt michelin-besterntem Restaurant und der in rosa Chanelkostüm mit passenden Highheels strahlenden Generaldirektorin, der ersten Chefin eines Luxushotels im ganzen Königreich: Als Reisende aus einem Land ohne großartige Üppigkeiten im Hotelgewerbe muß sie uns verzeihen, daß wir dann doch dem Klischee verfallen: einem Hotelherrenhaus wie aus „Country Life“, dem Eriska.

          Eriska heißt das Big House, Isle of Eriska die zugehörige winzige Insel an der Westküste nahe Oban, auf der das Gebäude seit hundertzweiundvierzig Jahren steht. Wechselnde Besitzer mit wechselnder Fortune verbrachten standesgemäße Ferien hier, mit Yacht und Sportwagen, Tennisplatz, Fahrrad und Segelboot. Zwei Waggons, einer für die Familie, einer für Gepäck und Personal, wurden für den Transport an die Eisenbahn angehängt. Den goldenen Zeiten folgten Abstieg und Vergessen - bis sich 1973 der Prinz einstellte, der das schlafende Dornröschen wachgeküßt hat wie im Märchen.

          Schwelgen in „british rules“

          Wer heute über die ratternde Eisenbrücke und dann auf knirschenden Kieswegen durch einen verwunschenen Park dem Big House näher kommt, befindet sich in einem Ambiente, wie es Rosamunde Pilcher nicht besser hätte erfinden können. Alles ist so, wie sich das kontinentale Gemüt eine Schottland-Romanze vorstellt: ein paar Sandsteinstufen hinauf, eine knarrende Tür zu einem dunkel getäfelten Flur, der sich in ein imposantes Treppenhaus mit einem brennenden Kaminfeuer öffnet. Davor bequeme Sofas, Tischchen mit Büchern und Zeitschriften. Es folgen Drawing Room, Bibliothek, Dining Room, Conservatory, der Flügel. Tiefe weiche Sessel, Mahagonitische, geblümte Draperien, Stuck. Hinter der Haustür ein Gestell mit Gummistiefeln in allen Größen für den Spaziergang auf feuchten Wiesen. An alles ist gedacht. Das ist der erste Eindruck, so bleibt es bis zum Abschied.

          Wir schwelgen in „british rules“: lautloser Service, schweres Silberbesteck, gerollte Damastservietten im Silberrreif. Zuerst kommt beim Frühstück der süße Gang, dann erst der geräucherte Kabeljau mit Rührei. Das Essen ist ausgezeichnet, sogar der weiße Toast hausgebacken und knusprig. Höhepunkt des Tages ist das mehrgängige Dinner, wenn auf einem imposanten Servierwagen der weltkugelrunde, riesige Silberdeckel sich hebt über dem mit Honig und Senf glasierten heißen Schinken. Deftige Scheiben werden abgeschnitten und vorgelegt, Portwein-, Orangen- und Johannisbeersauce gereicht und Gemüse aus dem Garten, karamelisiert und köstlich. Derweil spielt sich draußen, beleuchtet wie in Kenia in der Safarilodge die Salzleckstelle, das Wildlife ab. Wenn nach den Rehen die Dachse vorüberhuschen, ist es Zeit für den Kaffee in der Bibliothek. Dort drängt sich alles an der Tür zur Terrasse, auf deren Boden jeden Abend ein Dachsschlemmermenü angerichtet ist.

          Der Prinz, der aus St. Andrews kam

          Aber auch ohne Inszenierung ist die Natur feenhaft: die verwunschenen, flechtenüberzogenen Zweige des Birnbaums, die vier Meter hohe, in glühendem Rot erblühende Fuchsie, die jeden Morgen von dicken Tautropfen wie von einem Schleier überzogene sattgrüne Landschaft und die Fischotter, die im Wasser heranrauschen, als wollten sie mit dem menschlichen Zuschauer spielen.

          Der Prinz übrigens, der das Dornröschen wiedererweckte, war nicht königlichen Geblüts, er war weder Graf noch Lord, sondern Robin Buchanan-Smith, Pfarrer der Universität von St. Andrews. Als er und seine Frau Sheena bei einem ihrer Bootsurlaube auf die verwunschene Insel Eriska stießen, änderte das ihr Leben. Sie kauften Haus und Insel, zogen mit ihren Kindern hierher und wurden fast ohne Geld und ohne jegliche Erfahrung Besitzer, Bauherren und Hoteliers. Die Söhne, angesteckt vom Enthusiasmus der Eltern, führen das Lebenswerk fort, bauen weiter um und an, verbessern, verfeinern, sammeln Preise ein und sind auch mit fünf Sternen, mit einundzwanzig Zimmern, mit Spa und Vierundzwanzigstundenservice das gemütlichste aller denkbaren Familienhotels geblieben.

          Weitere Themen

          Narziss und Abgrund

          Bergsteigen im Kaukasus : Narziss und Abgrund

          Gipfelsturm auf Russisch: Der Elbrus im Kaukasus gilt als einfacher Berg. Genau das macht ihn so gefährlich, denn es rennt praktisch jeder hinauf.

          Topmeldungen

          Deutsche Alpen: Auch Urlaub in den eigenen Staatsgrenzen kann erholsam sein.

          Corona-Risikogebiete : Wo dürfen wir Urlaub machen?

          Immer mehr Urlaubsländer werden zum Corona-Risikogebiet. Strengere Quarantäne-Regeln machen das Reisen noch unangenehmer. Und die Kontrollen werden schärfer.
          Aserbaidschanische Soldaten schießen auf die Kontaktlinie der selbsternannten Republik Nagornyj Karabach – Aufnahme aus Filmmaterial, das das aserbaidschanische Verteidigungsministerium am Sonntag veröffentlicht hat

          Konflikt um Nagornyj Karabach : Jeder feiert seine Erfolge

          Bei den neu entflammten Kämpfen in Nagornyj Karabach ist die Propaganda ein wichtiges Mittel. Doch die Parteien erhalten auch international Hilfe – aus Russland und der Türkei.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.