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San Francisco : Der unamerikanischste Ort Amerikas

Stadt der glücklichen Menschen: Jeder soll seines Lebens froh werden, wie es ihm gefällt. Dieses Toleranzverdikt ist San Franciscos Existenzgrundlage. Bild: John Harding

San Francisco ist nicht nur eine phantastisch schöne Stadt, sondern auch der radikale Gegenentwurf zum Mainstream der Vereinigten Staaten: freigeistig und freizügig, individualistisch und anarchistisch und dabei so entspannt, dass man am liebsten gleich dabliebe.

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          Robert kennt sich aus, in den Untiefen menschlicher Triebhaftigkeit genauso wie in den Unsinnigkeiten kommunaler Haushaltspolitik. "Schauen Sie sich doch nur San Francisco an", seufzt Robert, ein höflicher älterer Herr, tadellose Erscheinung, tadellose Manieren, ganz Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle. "Die Politiker werfen das Geld mit vollen Händen hinaus, und die Stadt ist trotzdem in einem beklagenswerten Zustand. Als ich noch Broker an der Börse war, da herrschten ganz andere Verhältnisse, das kann ich Ihnen sagen." Aber er wolle nicht klagen, um Gottes Willen, es sei immer noch wunderbar hier, denn San Francisco sei eine Stadt so vieler Möglichkeiten. "Ich zum Beispiel arbeite jetzt hier, weil es mir als Rentner einfach zu langweilig war", sagt er und rückt gedankenverloren einen Stapel sadomasochistischer Pornomagazine zurecht. "Die verkaufen sich übrigens gut, ganz anders als das Zeug da vorne." Robert, der längst mit seiner Lebenslegende vollkommen verschmolzen ist, zeigt auf ein Regal voller Sexscherzartikel, Plastikpenisse mit Sprungfedern, Kuchenformen in Gestalt primärer Geschlechtsteile, Klopapier mit Kopulationsbildchen, Hartweizennudeln der Marke "Titaroni". "Das sind Makkaroni, die wie kleine Busen aussehen. Verkaufen sich auch nicht. Beim Sex wollen die Leute keine Scherze", sagt Robert mit einem feinen Lächeln zum Abschied und bedankt sich für die nette Plauderei, ein Vergnügen sei sie ihm gewesen, ganz unsererseits.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Roberts Sexshop versteckt sich nicht verschämt in einer finsteren Gasse, sondern liegt hell und offen wie eine Drogerie mitten im Kneipen-, Künstler-, Anarchisten-, Atheistenviertel North Beach und ist nur eines von Tausenden Beweisstücken für die Toleranz San Franciscos, für die ungebrochene Kraft seines liberalen und sehr gerne auch libertinären Geistes. Impulsiv und eruptiv ist alles an San Francisco. Schon seine Geburtsstunde war es, als mit dem großen Goldrausch von 1848 aus dem Kaff quasi über Nacht eine Großstadt wurde. Traumatisch waren dann die Zerstörungen beim großen Erdbeben von 1906, so vieles ging damals verloren, dass die Stadt nie wieder den Respekt vor dem Alten verloren hat und heute in bester Eintracht mit ihrem viktorianischen Erbe lebt. Und apokalyptisch ist das Schicksal, mit dem San Francisco jeden morgen aufwacht, weil unter seinem Fundament der Sankt-Andreas-Graben wie ein gefräßiges Ungeheuer auf die nächste Gelegenheit wartet, die Stadt zu verschlingen. Vielleicht kann sie deswegen gar nicht anders, als dem Carpe diem zu huldigen und jeden nach seiner Art glücklich werden zu lassen, schließlich weiß man nie, wie lange alles noch gutgeht.

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