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Rußland : Eine neue Zeit in der Moskauer Hotellerie

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Die "Herrlichkeit im gemäßigten Jugendstil" und die "kirchenähnliche bemalte Glaskuppel", die die mit viel Marmor gefliesten öffentlichen Räume des Hotels "Metropol" in Moskau überspannt, beschrieb schon Oskar Maria Graf.

          Die "Herrlichkeit im gemäßigten Jugendstil" und die "kirchenähnliche bemalte Glaskuppel", die die mit viel Marmor gefliesten öffentlichen Räume des Hotels "Metropol" in Moskau überspannt, beschrieb schon Oskar Maria Graf in seinem 1934 erschienenen Werk "Reise in die Sowjetunion". Das Sowjetreich ist seit einem Dutzend Jahren Geschichte, das zwischen 1899 und 1903 im frühen Jugendstil erbaute Hotel an der Teatralny-Allee unweit des Roten Platzes in Moskau aber gibt es immer noch. Die Außenwände beeindrucken mit viel Glas und den Majolikabildern des Malers Michail Wrubel, und auch seine lange Geschichte macht das Haus immer noch zu einem Anziehungspunkt.

          Kurz nach der Revolution bezog hier die junge Sowjetmacht ihr Hauptquartier, später feierte 1931 George Bernard Shaw im Metropol seinen Geburtstag, und Künstlergrößen wie Klaus Mann stiegen hier ab. 403 Zimmer hat das Metropol heute, und der schöne Schein setzt sich immer noch in die Lobby oder das riesige Restaurant mit ebenjener Glaskuppel fort, wo heute allabendlich russische Gesangsdiven vor weitgehend leeren Tischen einen melancholischen Blick auf die russische Volksseele freigeben. Die lieblos gestalteten Zimmer allerdings und schleppender Service erinnern immer noch sehr an die Schwächen des Sowjetsystems, auch wenn heute stolze Preise von mehr als 300 Dollar die Nacht verlangt werden.

          Panoramablick auf den Roten Platz


          Nahezu alle Moskauer Luxushotels befanden sich bisher in historischen Gebäuden, die mehr oder weniger schlecht den Geist der neuen Zeit in ihren Gemäuern atmen und selten einen angemessenen Gegenwert für die exorbitanten Übernachtungspreise bieten. Eine Ausnahme bildet das 1903 errichtete Traditionshotel "National" am Beginn der Haupteinkaufsstraße Twerskaja. Nach jahrelangen Umbauarbeiten ist das 231-Zimmer-Haus als "Le Royal Méridien National" seit 1995 wieder geöffnet. Aus Restaurant und Suiten, von denen eine 1918 bereits von Lenin bewohnt wurde, bietet sich ein Panoramablick auf den Roten Platz. Ohne Tadel ist natürlich das bisherige Flaggschiff der Moskauer Luxushotellerie, das Baltschug Kempinski an der dem Kreml gegenüberliegenden Uferseite der Moskwa. Das 234-Zimmer-Haus setzt seit einem Jahrzehnt Maßstäbe für Ausstattung und Service in der Zehn-Millionen-Metropole. Der Blick aus dem Kempinski fällt allerdings auch auf Scheußlichkeiten der Hauptstadt-Hotellerie wie das heruntergekommene "Rossija", das mit seinen mehr als zweitausend Zimmern fast eine eigene Kleinstadt bildet, oder auch das "Moskwa", das frühere Partei- und Regierungshotel mit 1033 Zimmern ebenfalls gegenüber dem Roten Platz. Einzig die Marriott-Kette hat in den letzten Jahren immer wieder neu errichtete Häuser in zentraler Lage eröffnet, die allerdings in der Beliebigkeit ihrer Bauweise keine Akzente setzen.

          Seit November 2002 buhlt nun ein weiterer Hotelneubau um die Gunst des Publikums als erstes Haus am Platz: Das Ararat Park Hyatt Moskau liegt direkt gegenüber dem Metropol und in Sichtweite des Bolschoi-Theaters an einer kleinen Seitenstraße. Von weit her sichtbar prangen die blauen Leuchtbuchstaben "Ararat Hyatt" hoch über der Straße, und schon die Fassade der in dreijähriger Arbeit und für 65 Millionen Dollar auf einer Stadtbrache errichteten elfstöckigen Herberge steht in ihrer eigenartigen Mélange für den Zustand des heutigen Rußland: Auf Straßenniveau lehnt man sich an Stalinschen Zuckerbäckerstil an, darüber folgen armenische Einflüsse und schließlich unter dem Dach dominiert High-Tech-Ambiente. Benannt ist das Haus nach dem historischen Café Ararat, das an dieser Stelle in den sechziger und siebziger Jahren ein legendärer Treffpunkt von Schriftstellern, Dichtern und Komponisten war. Heute findet sich ein Nachbau gleich in der Lobby, wo im neuen Café Ararat ebenfalls rund um die Uhr armenische Spezialitäten serviert werden. Das Ambiente jedoch wirkt seltsam steril und ähnelt manchen pompös inszenierten italienischen oder griechischen Restaurants in Deutschland.

          Ein Heim für die neuen Reichen


          Wie viele Hyatt-Hotels ist auch der Moskauer Neubau von einem innen offenen Atrium dominiert, das eine lichte und transparente Atmosphäre schafft. Der Nachteil dieser Bauweise zeigt sich in vielen der 219 Zimmer, die sehr geräumig sind, aber mit dem Platz nichts Rechtes anzufangen wissen und durch eine gewisse Leere bestimmt sind. Sinnvoll wäre eine weitere Tür gewesen, die die Gäste gegen die Geräusche abschottet, die aus dem Atrium heraufdringen. Absoluter Höhepunkt im Wortsinn ist die grandiose Dachterrasse, auf der an warmen Tagen auch Speisen und Getränke serviert werden. Selbst an den wenigen schönen Tagen des in Moskau verregneten letzten Sommers allerdings konnte man hier entgegen der Ankündigung nicht frühstücken. Überhaupt hält der Service noch nicht das, was ein Hyatt sonst als Selbstverständlichkeit verspricht. Die jungen Mitarbeiter sind durchaus enthusiastisch, aber westlichen Ansprüchen an die konstante Servicequalität eines Fünf-Sterne-Hauses genügt das Haus auch bald ein Jahr nach der Eröffnung oft nicht. Trotzdem bietet es einige Neuigkeiten für Moskau - etwa die Gratisnutzung von Hochgeschwindigkeits-Internetzugang in allen Zimmern sowie Gratis-Laptops in den Suiten oder eine integrierte orthodoxe russische Kapelle, die gern für Hochzeiten genutzt wird. Mit Zimmerpreisen von 340 Dollar an wendet sich das Hotel vor allem an Geschäftsreisende und die neuen Reichen in Rußland, die denn auch zahlreich auf die Dachterrasse strömen.

          Was in Moskau wirklich fehlt, sind gute Mittelklassehotels und einfachere Quartiere auf westlichem Niveau - doch dafür scheinen sich die auf schnelle Gewinnmaximierung ausgerichteten Investoren bisher nicht zu interessieren.

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