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Russische Spaßkultur : Es geht auch ohne Hemmungen

  • -Aktualisiert am

Dröge Sowjettänzchen sind passé Bild: EPA

Heiße Nächte, weiße Mäuse: Das neue Rußland begreift man am besten im Nachtleben von Sankt Petersburg oder Moskau. Zum Beispiel, wenn DJ Porno SS im Club Mini-GULag auflegt.

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          Das Zauberwort heißt "pafossnye". Pathetisch. Womit nicht Leidenschaft und Gefühl gemeint sind, nicht Sentimentalität und Melancholie, die gerne zum Hauptbestandteil des russischen Charakters gezählt werden. Die neuen Russen, die Generation der 25- bis 35jährigen, deren sowjetische Kindheit sorglos und deren Erwachsenwerden im kapitalistischen Rußland ein Kampf um Geld und Einfluß war: Diese Russen sind anders.

          Sie sind alles, nur nicht pathetisch - und sie benutzen kein Wort lieber als eben dies: Pathos. Wenn es um "Jet Set" geht zum Beispiel oder um "Schokolad". Oder um das "Ministerstwo", einen noblen Nachtclub im historischen Zentrum Moskaus, der zwischen dem TASS-Gebäude und der kleinen Kapelle liegt, in der der junge Dichter Puschkin 1831 seine ebenso bezaubernde wie leichtsinnige Fiancee Natalie heiratete.

          Exklusivität

          In diesem Club wird man gar nicht erst zur Gesichtskontrolle vorgelassen, wenn man nicht mindestens in einer S-Klasse vorfährt, wie es unter anderen die Mitarbeiter des Ölkonzerns Yukos hier gerne tun. Clubs wie dieser sind "pafossnye" - "pathetisch", womit jene Exklusivität gemeint ist, die sich auch in einem Bankkonto in der Schweiz, einer Ferienanlage in Spanien oder der Privatnummer eines Ministers ausdrücken kann.

          Dabei kommt einem Moskauer das Adjektiv genauso flüssig über die Lippen wie einem Sankt Petersburger. Es gibt hier wie da die Pathos-Clubs und die Nicht-Pathos-Clubs. Die ersteren, das ist Teil des Spiels, haben die meisten Russen nie von innen gesehen.

          Porno SS im Mini-GULag: Die neue russische Spaßkultur

          Das Phänomen ist neu. Noch Mitte der Neunziger schlenderten die jungen Russen, ob mit Geld oder ohne, Hand in Hand über die schattigen Boulevards und durch die gekrümmten Gassen, knutschten im Kino und tranken Wodka auf den Kinderspielplätzen in den Hinterhöfen. Heute kann die Restaurant- und Nachtszene der beiden russischen Hauptstädte die anderer Metropolen locker in den Schatten stellen.

          Als wolle man im Zeitraffer all das nachholen, was zur Sowjetzeit nicht stattfand, eröffnet beinah täglich ein neuer Vergnügungstempel - und einer ist grandioser als der andere. In den neuen Kneipen kann man verschiedene Biersorten aus einer Zapfsäule, die direkt am eigenen Tisch angebracht ist, selbst zapfen. In den neuen Restaurants werden französische Austern von Kellnern in weißen Handschuhen serviert.

          Und in den neuen Clubs flitzen unter der Tanzfläche aus Glas weiße Mäuse herum - in der "Zona" zum Beispiel, einem neuen, fünfstöckigen Club im Süden Moskaus, der geschmackvoll als "Mini-GULag" hergerichtet ist - mit echten Wachhunden und Stacheldraht, versteht sich. Täglich bietet "Zona" ein anderes Programm.

          Montags gibt es die sogenannten Stuff-Partys mit verbilligten Drinks, die natürlich schnell zu Suff-Partys ausarten; mittwochs legen die angesagten russischen DJs Puschkin, Porno SS und KustOFF auf, samstags die Discjockeys aus Europa; donnerstags kommen Frauen umsonst herein. Porno SS im Mini-GULag: So sieht die neue Spaßkultur in Rußland aus.

          "Are you VIP?"

          Ähnlich geht es auch im größten Club Sankt Petersburgs, im "Metro" zu. Das Highlight sind die durchtrainierten Go-Go-Boys auf der dritten Ebene sowie die Security-Mädels auf allen drei Stockwerken, die laut der Club-Homepage allesamt "hohe sportliche Qualifikation" besitzen. Trotz der zwei Eingänge - für VIPs und andere Menschen - sind die bezaubernden Türsteherinnen aber immerhin recht demokratisch gesinnt.

          Das ist im "Jet Set" anders. Schon auf der Homepage wird man mit der netten Frage "Are you VIP?" begrüßt. Die Unbedarften, die auf "Nein" klicken, landen automatisch auf der Seite eines einfacheren Clubs. Auch in den Moskauer Club "Petrowitsch", der dem bekannten Zeichner Andrej Bilscho gehört und in dem sich die intellektuelle Elite der Stadt trifft, kommt man nur mit einem Mitgliedsausweis hinein.

          Anfassen der Tänzer ausdrücklich begrüßt

          Völlig nebensächlich ist der soziokulturelle Status nur in den Strip-Clubs, von denen es allein in Moskau mindestens achtzig gibt. "Dolls" ist der feinste von allen, "Teatro" ist der neuste und "Rasputin" der freizügigste - dort servieren die Kellnerinnen sogar das Mittagessen nackt. Die schönsten Frauen des Landes sind angeblich im "Golden Girls" anzutreffen, und in der "Hungrigen Katze" darf, wer es unbedingt will, den Wodka von den Brüsten der Kellnerinnen abschlecken.

          Die wildesten Orgien veranstalten dabei gar nicht die Männer, sondern die Frauen - im Männer-Stripclub "Krasnaja Schapochka". Dort, wo das Anfassen der Tänzer ausdrücklich begrüßt wird, wird den zahlfähigen Russinnen jeder - aber wirklich jeder - Wunsch von den Augen abgelesen. Und wenn man um sieben Uhr morgens feststellt, daß der Schuhabsatz kaputt ist, tragen einen die schönsten Männer des Landes ins Taxi.

          Restaurants und Kneipen in Moskau:

          Cafe Puschkin: Twerskoj Boulevard 26a; ein Restaurant in einer Stadtvilla am Puschkin-Platz, exklusive russische Küche, klassische Musik,

          Piwnaja 01: Prospekt Wernadskogo, Gebäude 3; 14 Biersorten, die aus den Feuerlöschern, die direkt an den Tischen angebracht sind, gezapft werden,

          Restaurant Schiguli: Nowy Arbat 11; sehr beliebtes Bier-Restaurant, russische und japanische Küche,

          In St. Petersburg:

          Cafe Idiot: Moika 82, Tel. 812/3151675; es empfiehlt sich, einen Tisch zu reservieren,

          Adamant: Moika 72; sehr gute russische und französische Küche,

          Russkaja rybalka: Juschnaja doroga 11; ein Fischrestaurant am Stadtrand, das an einem Teich liegt und wo Fische von den Gästen selbst geangelt werden können.

          Nachtclubs in Moskau:

          Ministerstwo: Malaja Nikitskaja 24,

          Schokolad: Bolschoj Putinkowskij pereulok 5,

          Zona: Leninskaja sloboda 19, Gebäude 4,

          Art Garbage: Starosadskij pereulok 5, str. 6; ab 18 Uhr DJ, ab 22 Uhr Konzerte, günstig,

          Propaganda: Bolschoj Slatoustinskij Pereulok 7; donnerstags DJ Sanches, House-Musik,

          Bi2: Bolschaja Sadowaja 8; günstig, sehr gute Konzerte,

          Schambala: Kusnezkij most 3, Gebäude 2; bester Club 2003, jedes Wochenende After-Partys ab 5 Uhr morgens, Wasserpfeifen und Tee umsonst, designt von den Machern der Buddha Bar in Paris,

          Kult: Jausskaja 5; ein günstiger Club mit guter Lounge-Musik und Filmvorführungen,

          Krasnaja Schapochka: Twerskaja 10; Männer-Striptease, teuer, montags all inclusive: 800 Rubel Eintritt plus alle Getränke,

          In St. Petersburg:

          Metro: Ligowskij prospect 174,

          Jet Set: Furstadtskaja 58b,

          Red Club: Poltawskaja 7; kleiner Club, viele Studenten, gute Konzerte,

          Che: Poltawskaja 3; rund um die Uhr geöffnet, After-Partys, alle Musikrichtungen, besonders beliebt: Abende mit sowjetischer Filmmusik,

          Gribojedow: Woroneschskaja 2a; der billigste Wodka der Stadt, hier feiert der Sänger der Gruppe Leningrad, bekannt durch die Russendisko in Berlin, gern seinen Geburtstag,

          Onegin: Sadowaja 11; House-Musik, exklusive russische Küche, Dress Code, teuer.

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