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Rumänien : Der "Fröhliche Friedhof" von Sapânta

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Friedhöfe sind Orte der Trauer und des Ernstes - aber nciht alle. Bild: ddp

Ganz im Nordwesten von Rumänien, in der waldreichen Region Maramuresch, nahe der ukrainischen Grenze liegt Sapânta, ein kleines, gewöhnliches Dorf. Das heißt, Sapânta wäre ein gewöhnliches Dorf, hätte es nicht seinen "Fröhlichen Friedhof“.

          Ganz im Nordwesten von Rumänien, in der waldreichen Region Maramuresch, nahe der ukrainischen Grenze liegt Sapânta, ein kleines, gewöhnliches Dorf. Das heißt, Sapânta wäre ein gewöhnliches Dorf, hätte es nicht seinen "Fröhlichen Friedhof", als Cimitirul Vesel im ganzen Land bekannt für bonbonbunte Grabstelen und ungeschminkte Wahrheiten. Dichtgedrängt stehen die überdachten Holzkreuze in langen Reihen, jedes ergänzt um ein geschnitztes und bemaltes Bild, das den Verstorbenen artig bei seiner Arbeit zeigt. Aber das ist nur die eine Seite.

          Denn der Charme dieses Friedhofs liegt in der liebevollen Ironie, mit der man sich hier der Toten erinnert. Im Gegensatz zu den üblichen Grabreden sind die Schwächen und Laster des Verstorbenen kein Tabu. Manche Kreuze zeigen deshalb - buchstäblich - die Kehrseite. Die fleißige Bäuerin vorne wird auf der Rückseite des Grabmals ergänzt um das Bild einer Frau, die die schönen Männer liebt. Und den fleißigen Müller vorne sieht man hinten im Wirtshaus sitzen. So wird auf den Bildern das Dorfleben wieder lebendig.

          Schnaps und Ehekrach

          Noch ist es leer in Sapânta, der Schnee ist erst vor kurzem geschmolzen, und das Grün der Natur schiebt sich erst ganz sacht aus dem Erdreich zurück in die Welt. Bald aber wird es hier blühen, und dann werden die Reisebusse in Reihe vor der Friedhofsmauer parken. Ausflügler ziehen in Scharen über den Friedhof, Für ein Foto posieren sie neben dem Sensenmann, und Schulklassen notieren die Inschriften. Über den leicht maroden Gartenzäunen vor dem Eingang hängen dann bunt gewebte Teppiche, bestickte Blusen und Decken, Fellmützen und -westen. Jeder im Dorf, der etwas Traditionelles produziert, kommt zum Friedhof und versucht sich als Souvenirverkäufer. Ein Kassenhäuschen fällt die Entscheidung zwischen Trauergästen und Museumsbesuchern. So hat sich der Friedhof zu einem nicht unbedeutenden Wirtschaftsfaktor entwickelt.

          Den Friedhof verdankt der Ort dem im orthodoxen Glauben tief verwurzelten Holzschnitzmeister Ion Stan Patras. Siebenhundert der bunt bemalten und mit Texten versehenen Kreuze hat er geschaffen. Geboren wurde er 1908 in einer armen Bauernfamilie. Früh lernte er den Umgang mit Holz und arbeitete bald als Tischler. Für einen Verwandten fertigte er 1932 das erste Kreuz als ebenso persönlichen wie witzig-spöttischen Nachruf. Anderen im Dorf gefiel das, und bald bestellte jeder bei ihm die Grabmale für die Verwandten, jedes ein Unikat. Denn Patras verlor sich nicht in positiven Allgemeinheiten und üblichen Beschönigungen. Er wollte ein wahres Bild des Toten zeichnen, und so ließ er ihn in Versen von seinem Leben berichten, ob es ein glückliches oder trauriges war, ob einer am Schnaps zugrunde ging oder an der schlechten Ehe. Auch die Kommunisten kamen nicht ungeschoren davon: "Solange wir auf der Welt waren, pflanzten wir schöne Obstbäume. Die Alte hat immer den Faden gesponnen, und ich erntete Äpfel. Ich habe viel geerntet, aber viele Äpfel haben wir nicht gegessen, weil wir sie der LPG liefern mussten."

          Lizenz zum Schnitzen

          Es gehörte zu seinen Geschäftsbedingungen, dass selbst die Angehörigen keinen Einfluss auf die Gestaltung nehmen konnten. Eine Ausnahme allerdings machte er notgedrungen: als er sein eigenes Grabkreuz selbst schuf. "Aus 62 Ländern haben sie mich bis gestern besucht, aber wer jetzt noch kommt, der wird mich nicht mehr finden." Als Patras 1977 starb, war er ein bekannter Mann. Heute setzt Dumitru Pop Tincu die Tradition des Altmeisters fort. Im Jahr schnitzt und bemalt er etwa fünfzehn Kreuze. "Mittlerweile gibt es sogar Bestellungen aus Deutschland, Österreich und England", erzählt er. "Die Grabkreuze sind jetzt eine Schutzmarke, und so verkaufe ich manchmal die Lizenz." Je nach Ausführung liegen die Preise um fünfhundert Euro.

          In der Gestaltung hält er sich ganz an die alten Muster, auch den naiven Bildstil hat er beibehalten. Nur gibt es außer Sensen und Pferden jetzt Autos und Traktoren. Mobiltelefone und Tattoos haben sich noch nicht durchgesetzt. Dagegen ist er stolz darauf, dass sich die Verzierungen mit Zacken- und Bogenlinien, mit Rhomben und Spiralen sich bis in die Bronzezeit zurückverfolgen lassen. Auch beim Trauerritus halten sie an überlieferten Bräuchen fest. Der Verstorbene wird drei bis vier Tage im Haus aufgebahrt, und manchmal singen Frauen die alten Klagelieder, begleitet von einer Hirtenflöte. Dann begleiten Familie, Freunde und Bekannte den offenen Sarg zum Friedhof, so als ob man dem Verstorbenen einen letzten Blick auf den Himmel gönnt.

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