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Panama : Zwischen den Ländern und zwischen den Meeren

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Seit Panama den Kanal selbst verwalten darf, ist das Nationalbewusstsein im Land erheblich gestiegen. Prompt erhebt man auch gleich Anspruch auf den Ursprung der Menschheit.

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          Panama lag zuallerst einmal dazwischen. Und so wurde es über die Jahrhunderte hinweg überschritten und überfahren, benutzt und ausgenutzt, um die Mitte herum dünn getreten. Es wurde auch übergangen.

          Es ist klein, mit seinen siebenundsiebzigtausend Quadratkilometern nicht viel größer als Bayern, und verbindet in einem zierlichen "S" den nordamerikanischen mit dem südamerikanischen Kontinent. Es verbindet zwei Kontinente und trennt zwei Meere. Dem Trennen wird mehr Aufmerksamkeit geschenkt als dem Verbinden, es bringt auch mehr Menschen ins Land. Das ist heute nicht anders als vor fünfhundert Jahren.

          Damals entdeckten die Spanier den Pazifik. Über einen schmalen Maultierpfad, den Camino Real, die königliche Straße, drängten sie sich von da an über den Isthmus. Sie trugen Gold und Güter aus den Kolonien in die eine Richtung und Nützliches aus Europa in die andere. Die panamaischen Ureinwohner wurden nicht gefragt, sie wurden unterworfen.

          Panama wurde nicht gefragt

          Mitte des neunzehnten Jahrhunderts ließen sich die Vereinigten Staaten vertraglich zusichern, von nun an und in alle Zukunft den Isthmus überqueren zu dürfen, ihn mit militärischen Mitteln schützen und verteidigen zu dürfen, und bauten die erste Eisenbahnlinie über die Landenge. Die Panamaer wurden nicht gefragt. Gefragt wurde Kolumbien, dem sich Panama nach dem Scheitern der Großkolumbianischen Republik in der República de Nueva Granada angeschlossen hatte.

          Auch später wurde Panama nicht gefragt. Den entscheidenden Vertrag zum Bau des Kanals schlossen die Vereinigten Staaten mit einem Franzosen ab, dem Vertreter der am Kanalbau gescheiterten französischen Kanalbaugesellschaft. Als die panamaische Delegation eintraf, gab man ihr zu verstehen, dass alles längst geregelt sei. Nach diesem Vertrag gestattete Panama den Vereinigten Staaten "auf ewige Zeiten die Benutzung, Eingemeindung und Kontrolle über eine je fünf Meilen breite Landzone" zu beiden Seiten des künftigen Kanals sowie "Bau, Unterhalt, Betrieb und alle Rechte, Befugnisse und Amtsgewalten" innerhalb dieser Landzone. Vierzig Millionen Dollar erhielten anschließend die Franzosen für die Abtretung von Maschinen, Ausrüstung und Rechten, nur zehn Millionen und vom zehnten Jahr an eine jährliche Zahlung von einer viertel Million Dollar dagegen erhielt Panama.

          Panama war einfach immer zu klein, es war zu schwach. Es lag ungünstig. Es lag immer ein wenig zu sehr im Weg und dazwischen. Es hat sich also immer durchschreiten, bebauen und durchschneiden lassen müssen. Es hat sich immer wieder und aufs Neue verändern lassen müssen. Immer war es das veränderte, nie das verändernde Land.

          Panama erhebt sich

          Die Geschichte könnte aber auch ganz anders erzählt werden. Anders erzählt sie zum Beispiel Lider Sucre, der Direktor des Biodiversity-Museums in Panama-Stadt, das momentan noch gebaut wird. Er sitzt in einem kleinen, dunklen Konferenzraum und bemüht sich, den Beamer zum Laufen zu bringen. Er sagt, während er nervös schraubt und dreht: "Eigentlich sind wir doch alle Panamaer." Man merkt, er sagt das nicht zum ersten Mal. Er wartet geradezu auf den Ausbruch von Erstaunen und Ratlosigkeit in unseren Mienen, er kann uns die Geschichte mit all ihren schönen Pausen und Betonungen erzählen und dabei trotzdem noch rastlos schrauben und drehen. Die Geschichte geht so: Panama erhebt sich.

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