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Ostsee : Ewiges Ringen von Stahl und Eis

Tonnenweise Stahl: Dennoch scheint der Eisbrecher zu schweben Bild: sampotours.com

Für den Dienst in der Handelsschifffahrt ist der finnische Eisbrecher „Sampo“ zu alt. Nun bricht er für Touristen die vereiste Ostsee frei. Neununddreißig Jahre lang verrichtete das kleine Schiff treu seinen Dienst und brach durch die zugefrorene See.

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          Ein leises Knacken ist zu hören, dann herrscht Stille, als stemme sich das Eis mit aller Kraft gegen das Gewicht des Schiffs. Noch ein Knacken, diesmal lauter, und ein feiner Riss zieht sich durch die weiße Fläche. Ächzend, als befreie es sich von großer Last, gibt das Eis dem Druck nach und zerbirst. Eiskaltes Wasser spritzt aus den Rissen empor und schlägt gurgelnd über den Splittern und Schollen zusammen. Der Eisbrecher „Sampo“ hat wieder über das Eis gesiegt. Langsam, doch unerbittlich dringt das Schiff in die vereiste Ostsee vor. Die Fahrrinne, die sich hinter der „Sampo“ bis zur Küste zieht, teilt die weiße Wüste. Doch das ist nicht von Dauer. In wenigen Stunden wird die Decke über der Ostsee wieder zugefroren sein. Dann beginnt das Ringen zwischen Stahl und Eis von vorn.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          „Das Eis lebt und atmet. Jeden Tag ist es anders. Es gibt immer wieder Neues darüber zu lernen“, sagt Petter Tähtinnen, der seit zwei Jahren als Kapitän die „Sampo“ fährt. Er starrt auf die unendliche weiße Fläche, die sich vor dem Bug des Schiffes erstreckt. Vorsichtig dreht er am Steuerrad, das Schiff fährt ein paar Meter vor, dann wieder zurück, hält inne, als gelte es, Anlauf zu nehmen, und bricht schließlich durch die nächsten Meter Eisfläche hindurch. Erfahrung sei am wichtigsten, um das Schiff sicher zu manövrieren, sagt Tähtinnen, der in Lappland mit Eis und Kälte aufgewachsen ist.

          Rettung vor der Verschrottung

          Seit seinem siebzehnten Lebensjahr fährt der vierzig Jahre alte Finne zur See. Auf allen Weltmeeren habe er schon als Erster Offizier gedient, erzählt er stolz, doch dann zog ihn die Sehnsucht nach eisigen Wintern zurück in seine Heimat. Dass er nicht mehr auf einem Handelsschiff, sondern auf einem Eisbrecher fährt und statt Handelswaren nun Touristen transportiert, stört ihn kein bisschen. Endlich habe er mehr Zeit für seine Familie, und im Sommer, wenn das Eis auf der Ostsee geschmolzen ist, verbringt er die Tage mit Angeln. Die „Sampo“ liegt in dieser Zeit als Restaurantschiff im Hafen.

          Landgang auf Eis: Der Fahrrinne darf man nicht zu nahe kommen

          Heimathafen der „Sampo“ ist die Stadt Kemi am Bottnischen Meerbusen. Sie wird als Tor zu Lappland bezeichnet und ist ein Zentrum der finnischen Papierproduktion. Neununddreißig Jahre lang verrichtete das im Jahr 1960 gebaute kleine Schiff treu seinen Dienst und brach anderen Schiffen Fahrrinnen durch die zugefrorene nordische See. Doch die Handelsschiffe, die in den Wintermonaten zwischen Finnland, Schweden und Russland fuhren, wurden über die Jahre immer größer - die kleine „Sampo“ konnte da irgendwann nicht mehr mithalten: Sieben Meter tief und 17, 4 Meter breit ist das Schiff; das sind auch die Maße für die Fahrrinne, die es ins Eis brechen kann. Die meisten Containerschiffe kommen inzwischen jedoch auf zwanzig Meter in der Breite und noch mehr. Ein Teil der Flotte, zu der die „Sampo“ gehörte, wurde verschrottet, einige Schiffe nach Russland verkauft.

          Dass die „Sampo“ noch heute vor der Küste Finnlands kreuzt und nicht im Hochofen endete, ist dem Bürgermeister von Kemi zu verdanken: Er hatte die Idee, das Schiff für den Tourismus zu nutzen. Die ganze Bucht lachte damals über den Kauf der Gemeinde, erinnert sich Petter Tähtinnen und lächelt dabei, dass die feinen Fältchen um seine Augen tanzen. Heute macht niemand mehr Witze darüber, denn die Fahrt auf dem Eisbrecher zieht Touristen aus ganz Europa an und hat sich zur lukrativen Einnahmequelle entwickelt: Von Mitte Dezember bis Ende April ist das Schiff fast täglich unterwegs, die meisten der vierstündigen Touren sind ausgebucht. Im vergangenen Jahr zählte das Schiff elftausend Passagiere. Vielleicht war es sein Name, „Sampo“, der den Geschäftssinn des Bürgermeisters weckte: Er geht auf das finnische Volksepos „Kalevala“ zurück und bezeichnet eine vom Schmiedegott Ilmarinen geschaffene Maschine, die seinem Besitzer Wohlstand bringt.

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